Zeitung Heute : Messer-Attacke bei Zwangsräumung

Der Tagesspiegel

Ohrenbetäubender Lärm im Saal 817. Es waren die Richter, die den Krach herausgefordert hatten. Schlosser Jörg G. führte gestern mit Bohrer und Fräser eifrig vor, wie er die Tür des Angeklagten öffnete. Nur Wolfgang J., der sich wegen versuchten Mordes vor einer Jugendstrafkammer verantworten muss, blieb regungslos. Er hatte den Schlosser bei der Zwangsräumung seiner Wohnung mit einem Messer schwer verletzt. Laut Staatsanwaltschaft legte er sich auf die Lauer. Er aber will den Lärm nicht gehört und den breitschultrigen G. für einen Einbrecher gehalten haben.

Der 20-jährige Wolfgang J. hatte für seine Schöneberger Ein-Zimmer-Wohnung drei Monate lang keine Miete gezahlt. Es ging um insgesamt etwa 790 Euro. Die Hausverwaltung schickte ihm die fristlose Kündigung. Am 6. September vergangenen Jahres stand Obergerichtsvollzieher Gernot G. mit dem Schlosser und einer Frau von der Hausverwaltung vor der Tür. Zuvor hatte sich das zuständige Bezirksamt mehrfach bei Wolfgang J. gemeldet und Hilfe angeboten. „Gegebenenfalls können Mietrückstände übernommen werden", hieß es in einem Schreiben.

Aber der junge Mann reagierte nicht. „Mir war zu dem Zeitpunkt alles egal", sagte der Angeklagte. Er ist Spätaussiedler aus Kasachstan. Mit neun Verwandten kam er vor knapp zehn Jahren voller Hoffnung nach Deutschland. Aber in der Schule lief es nicht gut, auch eine Ausbildung zum Metallbauer brach Wolfgang J. nach einem Jahr ab. Er verkroch sich in seiner Wohnung. Er sei „völlig vereinsamt" gewesen, sagte seine Anwältin, aus deren Sicht die Tat kein heimtückischer Angriff, sondern die Abwehr eines vermeintlichen Eindringlings war.

„Ich komme nicht leise", sagte der 63-jährige Gernot G. als Zeuge. Er kennt die Reaktionen verzweifelter Mieter, er weiß, dass Gerichtsvollzieher manchmal in gefährliche Situationen geraten. „Man ist eben nicht der Geldbriefträger", meinte der Zeuge. In einem anderen Fall habe ein Mieter versucht, ihn mit einem Morgenstern anzugreifen. Weil Wolfgang J. nicht reagierte, sollte Schlosser Jörg G. die Tür öffnen. Ein spezieller Schutz des Zylinders machte die Arbeit schwierig und geräuschvoll.

Schließlich war es der 43-jährige Schlosser, der als erster das Wohnzimmer betrat. Sehr vorsichtig habe er die Tür aufgedrückt, sagte er den Richtern. Er arbeite nur für den Gerichtsvollzieher. „Ich rechne immer damit, dass etwas passiert." Es sei mucksmäuschenstill gewesen. „Plötzlich von rechts ein Schatten, und einer kloppt mir volle Pulle etwas in die Brust." Der Schlosser hatte Glück im Unglück: Der Stich ging 12 Zentimeter tief, traf aber weder Herz noch Lunge.

Schmal und blass saß Wolfgang J. auf der Angeklagebank. Der Tattag verlief wie die Monate zuvor. „Ich habe ferngesehen, den Müll runtergebracht und die Küche aufgeräumt." Das Klingeln und den Lärm gegen zehn Uhr will er nicht gehört haben. „Ich habe gerade Geschirr eingeräumt." Als er einen Luftzug spürte, sei er ins Wohnzimmer gegangen. Da habe der breitschultrige, glatzköpfige Mann gestanden. „Aus Angst stach ich zu." Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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