Zeitung Heute : Metamorphose auf dem flachen Land

Seit Mai letzten Jahres ereignen sich in Neuhardenberg ungewohnte Dinge. In dem kleinen brandenburgischen Ort tummeln sich Künstler, Dichter und Denker

Kerstin Decker

Neuhardenberg ist ein Flughafen mit Schinkel-Schloss, Schinkel-Kirche und Lenné-Fürst-Pückler-Muskau-Park. Der Flughafen ist fast so groß wie Schönefeld und war einst der Flughafen der DDR-Regierungsstaffel. Jetzt ist er leer. 1981 stand die Generalität der Warschauer-Vertragsstaaten auf seinem Rollfeld und dachte darüber nach, ob sie in Polen einmarschieren soll oder nicht. So hat es Bernd Kauffmann gehört. Kauffmann ist der neue Impresario von Neuhardenberg, der Mann, der vor ein paar Jahren Weimar zur „Kulturhauptstadt Europas“ machte. Vielleicht hat er gedacht, bei Weimar ist das keine Kunst, aber Neuhardenberg zur Kulturhauptstadt Europas zu machen, ist schon eine Herausforderung. Oder sagen wir: zur Kulturstadt Deutschlands.

Neuhardenberg hieß lange Zeit nicht Neuhardenberg, sondern Marxwalde und sollte ein sozialistisches Musterdorf mit Luftverkehrsanschluss werden. Marx ist zwar nie hier gewesen, aber er war auch nie in Karl-Marx-Stadt, was weder Neu-Hardenberg noch Chemnitz vor ihm schützte. Für die Marxwalder Kultur aber stand das „Fest der sozialistischen Soldatenfamilie“.

Seit Mai letzten Jahres finden auf dem Flughafen, im Lenné-Fürst-Pückler-Muskau-Park, im Schinkel-Schloss und in der Schinkel-Kirche ganz und gar ungewohnte Dinge statt. Ganze Sinfonieorchester verirren sich in den Ort kurz vor der polnischen Grenze, der nicht mal einen Regionalbahnanschluss hat. Und Denker, die sich auf den großen Podien der Welt zu Hause fühlen, finden es plötzlich lohnenswert auch in Neuhardenberg zu berichten, wie Europa mit dem Islam zusammenhängt oder der Terror mit der Geschichte. Dichter oder Beinahe-Dichter wie Sky Dumont, der Fiesling aus „Schuh des Manitu“ halten es für angebracht, in Neuhardenberg ihre Bücher vorzustellen oder eben die Bücher anderer – Sky Dumont las aus Maurice Jolys „Tagebuch eines Aufsteigers“. Auch der Flughafen ist zu neuem Leben erwacht. Dort, wo einst Honeckers „Air force one“ parkte, stand im letzten Sommer Martin Wuttke und spielte Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“. So ein Flughafen ist auch nur eine verkannte Bühne, erkannten Kauffmann und Wuttke gleich und wurden sehr erfolgreich. 30 000 Besucher hatte Neuhardenberg in seinem ersten Jahr. Und Ausstellungen gab es auch: zuletzt, bis Ende November, eine Einar-Schleef-Ausstellung. Macht ja sonst keiner, sagte Kauffmann. Oder jedenfalls nicht so, wie Kauffmann sich nun mal eine Schleef-Ausstellung vorstellt. Ob die Neuhardenberger vorher gewusst haben, wer Einar Schleef ist?

Jetzt beweist Neuhardenberg, dass es auch populärere Helden nicht scheut. Am 13. April eröffnet die „Duckomenta“. Nach Forschungen in den verschiedensten Regionen der Welt – etwa in Rom, Pompeji, auf Kreta, in Ägypten und Polynesien – gelang es der in Braunschweig und Berlin ansässigen Künstlergruppe „Interduck“ den Nachweis zu führen, dass sich die Wurzeln Entenhausens bis ins 6. Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen lassen. Die „Duckomenta“ beweist die vollständige Verentung der Welt, vom FAZ-Feuilletonchef, einem bekennenden Donaldisten, wird sie eröffnet und Bernd Kauffmann, Sympathisant aller Donaldisten, hält den Festvortrag.

Bereits am 29. und 30. März kommt Gidon Kremer mit dem Kremerata Baltica Chamber Orchestra in die Schinkel-Kirche, um dort Penderecki, Pelecis und Tschaikowsky zu spielen. Die nächste Neuhardenberger Theaterpremiere aber ist am 30. April: Der letzte Tag in der Reichskanzlei – „Schicklgruber alias Adolf Hitler“, ein Puppenspiel für Adolf Hitler und andere, erfunden von dem Australier Neville Tranter, auf die Bühne gebracht vom berühmten niederländischen Stuffed Puppet Theatre. Eine Deutschlandpremiere. Danach, ab Mai ist endgültig Hoch-Zeit in Neuhardenberg: am 2. Mai die Neuhardenberg-Nacht (wieder umsonst und draußen), Konzerte, open air, in der Kirche oder im Großen Saal von Klassik bis Jazz, Streitgespräche, Lesungen, Kino und Theater.

Das neue Leben Neuhardenbergs begann mit der Sparkasse, genauer mit dem Sparkassenverband. Er kaufte das Schloss 1996 von den Hardenberg-Erben. Denn, so überlegte die Sparkasse, wo liegen die Anfänge der Sparkasse? In den preußischen Reformen. In den Keimlingen der Bürgergesellschaft (Jedem sein Sparbuch!). Darum hat der Sparkassenverband Neuhardenberg, den Stammsitz fortschrittlichsten Preußentums als Tagungsort erwählt, mit Hotel und Schlosspark.

Friedrich Wilhelm III. hatte seinem Landes-Oberreformer und Staatskanzler 1814 diesen Ort geschenkt. Mit Karl August von Hardenberg und dem Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein war Preußen endgültig auf dem Weg zu einem modernen Staatswesen. Die Stein-Hardenbergschen Reformen verwandelten die Staatsverwaltung aus einer Geheimmachenschaft in ein nüchternes Werkzeug.

Im Frühjahr 1944 fanden sich Gäste wie Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Henning von Tresckow und Ludwig Beck auf dem Schloss ein. Der Hausherr Carl-Hans Graf von Hardenberg, planten sie weit über den 20. Juli hinaus, könnte Präsident eines neuen Nach-Hitler-Deutschland werden.

Nach Carl-Hans Graf von Hardenberg kam zuerst der Sozialismus nach Neuhardenberg und nun eben die Sparkasse. Der Ehrgeiz des Kreditinstituts ging sofort auf die Überwindung einer gewissen Sparkassenhaftigkeit des Gemüts in Richtung Hochkultur, versetzt mit etwas Donaldismus sowie ernsthaftester Zeitzeugenschaft. Vielleicht, weil schon der erste Eindruck Neuhardenbergs durchaus den Zug zu Höherem verrät. Als das Dorf im 18. Jahrhundert abbrannte, erkannte ein junger Architekt seine Chance. Er verpasste Neuhardenberg eine Art Champs Elysées in der Mitte – jedenfalls ist es von einer Straßenseite bis zur anderen ungefähr genau so weit. Die Kirche aber hat Schinkel mitten auf seine Allee gebaut. „Wie wenn man ein ovales Serviettenband auf eine oblonge Teebüchse stellt“, fasste Fontane seinen Eindruck des Kirchturms zusammen. Aber wer gegenüber im Gasthof „Alte Brennerei“ sitzt oder aus dem neuen Hotel (mit „Osterarrangement“) kommt, sieht sofort, dass Fontane irrte. Denn diese Kirche ist schön. An ihrer Stirnseite ist das Herz des großen preußischen Reformers begraben.

Am 5. April wird im Schloss die eben erschienene Biografie Karl Augusts von Hardenberg vorgestellt. Vorstellung Gesamtprogramms Anfang April. Infos unter: 0180 / 517 0 517. Im Internet: www.schlossneuhardenberg.de

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