Zeitung Heute : Metropole in rosa

Von Harald Martenstein

Berlin diskutiert über das Einkaufszentrum „Alexa“ und den Alexanderplatz. Anlass der Diskussion ist die Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister sein Büro verlassen hat, um sich mal wieder Berlin anzuschauen. Da kiekste, Klaus Wowereit auf Staatsbesuch in Berlin! Netter Typ! Inzwischen ist er leider nach Peking weitergereist.

Bei der Besichtigung des Alexanderplatzes tat Klaus Wowereit den historischen Ausspruch: „Ist das hässlich! Dafür ist vermutlich der Bezirk zuständig.“ Seitdem haben zahlreiche Kommentatoren dem Bürgermeister vorgehalten, dass nicht der Bezirk, sondern die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die unerfreuliche Gestaltung des Platzes politisch verantwortlich ist, eine SPD-Behörde, letztlich also der Oberchef Wowereit selber. Ein tragischer Fall von Selbstverstümmelung beim Rasieren im Dunkeln. Der Unterchef hieß, damals, als die Weichen für das „Alexa“ gestellt wurden, übrigens Peter Strieder. Wenn ich einem Pekinger Freund am Telefon das „Alexa“ beschreiben müsste, dann so: Stell dir vor, Adolf Hitlers „Führerbunker“ ist bei einer Bombenexplosion aus dem Untergrund nach oben gedrückt worden. Berlin hat den Bunker an den Travestieklub „La vie en rose“ verpachtet, die haben den Bunker schweinchenrosa angestrichen.

Berlin ist die einzige Metropole in schweinchenrosa. Und die einzige Metropole, die seit den 20er Jahren, also fast einem Jahrhundert, an ihrem berühmtesten Platz herumbaut, ohne dass es dafür eine überzeugende Idee gäbe, mehr noch, der Bürgermeister weiß nicht einmal, wer für diesen ganzen Mist überhaupt zuständig ist. Aber, wissen Sie was. Berlin ist unter den Nazis kaputtgebombt worden. Die DDR hat Krieg gegen die architektonischen Überreste der Berliner Geschichte geführt, Berlin sollte aussehen wie Pjöngjang. Währenddessen hat die SPD im Westteil ein Architekturverbrechen nach dem anderen begangen, von Kotti über Steglitzer Kreisel bis Sozialpalast, Berlin sollte sich in ein einziges gigantisches Autobahnkreuz verwandeln. Nach der Wende haben sie mittelmäßige Architektur in die Stadt hineingepfeffert, Neubauten ohne Gesicht und ohne Ehrgeiz. Dazu Baustellen von Ewigkeitswert, von Alex über Wannseebad bis Palast der Republik. Für das BfA-Gebäude an der Hasenheide sollten die Verantwortlichen übrigens strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Berlin müsste kaputt und hässlich sein. Stattdessen ist es immer noch eine der schönsten und aufregendsten Städte der Welt. Berlin zehrt immer noch von der Bausubstanz, die in ein paar wenigen Jahrzehnten, gegen Ende des Kaiserreichs, errichtet wurde. Jedes Mal, wenn ich am „Alexa“ vorbeifahre, denke ich: „Verdammt, ich bin Monarchist.“

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