Zeitung Heute : mia mamma

Ganz schön schwanger, die Damen. Und gar nicht mehr so jung. Doch der späte Kinderwunsch hat es in sich. Ein Report.

Cornelia Heim

Die Schauspielerin Geena Davis ist schwanger. Mit 47 Jahren – in einem Alter, in dem manche Frauen schon längst Oma sind. Der Star aus „Thelma und Louise“ bekommt auch noch Zwillinge. Und es geht ihr blendend, lässt sie über ihre Agentin verbreiten: „Frau Davis ist in einer hervorragenden körperlichen Verfassung.“ Wenn ihre Zwillinge zum ersten Mal in einen Club gehen dürfen, wird Mrs. Davis 68 sein. Was ist da los in Hollywood? Auch Sarah Jessica Parker und Catherine Zeta-Jones bekamen ihre ersten Babys reichlich spät, genau wie Jodie Foster und Susan Sarandon. Sind Babys das neue Botox? Eine Waffe gegen das Altern? Oder haben die Mitglieder im Club der reifen Mütter einfach etwas verpasst? Schauen wir mal zu uns, nach Deutschland.

Da wäre zum Beispiel Clementina. Niemals will sie finanziell abhängig sein von einem Mann: Die promovierte, aber arbeitslose Akademikerin, ist gerade 30 und hält es für selbstverständlich, „dass Frauen sich ernähren können“. Schließlich ginge heute jede dritte Beziehung in die Brüche. Clementina findet einen Job, schuftet sich hoch bis zur Abteilungsleiterin. Privatleben? Es gibt Wichtigeres. Ihren künftigen Ehemann lernt sie erst mit 35 kennen. Weitere drei Jahre später – im Job hat sie eine sehr gute Position erreicht – spürt sie, dass in ihrem Lebenspuzzle noch ein entscheidendes Teilchen fehlt: ein Baby.

Bei uns wird jedes sechste Kind von einer Frau geboren, die älter ist als 35. 2001 waren 20 000 Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes über 40 – und damit deutlich näher an der Grenze zu den Wechseljahren als zur Pubertät. Als Gründe, warum sie so spät Kinder kriegen, zählen die meisten auf, was erst mal wichtiger ist: den richtigen Partner zu finden, sich im Job zu engagieren und persönliche Freiheiten auszuleben. Die Kommentare gehen von: „Ich habe mich jetzt ausgetobt“, über „wäre ich früher Mütter geworden, hätte ich es beruflich und persönlich nicht so weit gebracht“, bis zu „als junge Frau wäre ich keine gute Mutter gewesen, weil ich so vieles vermisst hätte“. Und natürlich die Betreuungssituation. Ricardo Felberbaum, leitender Oberarzt der Frauenklinik Lübeck, sagt: „Ich fände es besser, wenn die Gesellschaft und die deutsche Politik es den Frauen ermöglichen würden, mit 25 ihre Kinder zu kriegen. Aber so lange unser Betreuungssystem auf diesem niedrigen Niveau bleibt, wird sich daran nichts ändern.“ Das sagt Felberbaum nicht ohne Grund. Mit 25 ist es nämlich verhältnismäßig einfach, schwanger zu werden.

„Ich war bass erstaunt, als es nicht sofort geklappt hat“, sagt Clementina. „Alt habe ich mich nie gefühlt, und auch das berühmte Ticken der biologischen Uhr habe ich nie gehört.“ Zwei Jahre quälendes Warten und Ausprobieren folgten: „Ich wollte unbedingt ein Baby, aber es hat nicht geklappt.“ Erst als die Münchnerin soweit war, sich von Ärzten bei der Fortpflanzung helfen zu lassen, hat es wider jegliche medizinische Logik plötzlich doch noch funktioniert. Im Mai hat die inzwischen 40-Jährige ihren Sohn zur Welt gebracht, und Clementina sagt: „Er soll kein Einzelkind bleiben.“

Anders als früher behauptet, verlagern sich bei den Frauen offenbar trotz aller Emanzipation manche Werte nicht. Auch die Karrierefrau hat ein Bedürfnis nach Mütterglück – wenn man dem „Spiegel“ glauben darf, der im Juli 2001 mit dem „Comeback der Mütter“ titelte. Es sei wieder schick, Mutter zu sein. Kinder, in den 70er Jahren „Ketten der persönlichen Entfaltung“, seien nun ein „Glücksversprechen“. Das Fazit des Nachrichtenmagazins: „Heute ist eine Frau erst mit Kind vollständig.“

Jedes dritte Paar wartet länger als ein Jahr auf eine Schwangerschaft, nicht wenige Paare vergebens. Von rund zwei Millionen ungewollt kinderlosen Paaren gehen die Mediziner aus. Jede dritte nach 1965 geborene Frau bekommt kein Kind. Von den Akademikerinnen bleiben 40 Prozent ohne Nachwuchs. Ob freiwillig oder aus Not, verraten die Zahlen nicht.

Erst die Pille hat den späten Kinderwunsch möglich gemacht. Doch die Crux aller individuellen Selbstbestimmtheit: Ganz so beliebig wie es scheint, ist der Babypoker nicht. Bisweilen macht die Natur den Frauen nämlich einen kräftigen Strich durch allzu späte Planung. Je später sich die Frauen für den Nachwuchs entscheiden, desto geringer ist die Erfolgsaussicht: Eine Frau über 30 braucht fast doppelt so lange wie eine 20-Jährige, um schwanger zu werden. Ab 40 kommt es definitiv nicht mehr in jedem Zyklus zu einem Eisprung.

„Die meisten Paare verstehen mehr von Verhütung als von Zeugung“, sagt auch der Fortpflanzungsmediziner Roger Gosden von der Universität Leeds in England, „und viele fangen erst an, über das Kinderkriegen nachzudenken, wenn die Fruchtbarkeit nachlässt.“ Die Formel ist einfach: Je länger man verhütet, desto länger dauert anschließend die Wartezeit aufs Wunschkind. Zwei Drittel der Frauen zwischen 38 und 42 Jahren müssen sich mehr als ein Jahr gedulden, bis der Schwangerschaftstest positiv ausfällt. Die Chance, in einem Zyklus schwanger zu werden, beträgt in diesem Lebensalter gerade einmal elf Prozent, oder anders gesagt: Nur eine von neun Frauen wird schwanger.

In Zeiten medizinischer Machbarkeit, wo in manchen Ländern sogar das Geschlecht des Wunschbabys vorab gegen viel Geld definiert werden kann, setzt manche Frau insgeheim auf die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin. Was viele aber unterschätzen: Auch eine künstliche Befruchtung ist keine Geheimwaffe. Je älter die Frau, desto schwieriger wird es mit der Empfängnis. Liegt die Erfolgsquote einer In-Vitro-Fertilisation bis zum 36. Lebensjahr bei etwa 30 Prozent pro Versuchs-Zyklus, sinkt diese bei Frauen ab 40 auf 14 Prozent.

Sie war 35, er 50. Sechs Jahre hatten Bettina und Wolf probiert, ihr Wunschbaby zu zeugen. Erst so wie es alle tun, dann ließen sie sich helfen und hormonell hochtunen – ihre Eileiter waren verklebt, seine Spermien dem Alter gemäß schwach, also: künstliche Befruchtung. Eine enorme psychische Belastung, vor allem, wenn sie fehlschlägt. Einmal, zwei Mal, drei Mal, „da wird man ganz schön depressiv“. Der vierte sollte ihr letzter Versuch sein – und endlich die Erfolgsmeldung. Freudentränen zunächst, der kleine Schreck ein paar Wochen später: Zwillinge. „Zwillinge sind Akkordarbeit“, sagt Bettina, trotz aller fröhlichen Momente. Heute sind Pascal und Emma zehn Jahre alt. Manchmal ärgern sie sich, wenn ein Fremder vom Opa redet, der vermeintliche Großvater aber in Wirklichkeit der Vater ist.

Das Phänomen dieser Gesellschaft: Obwohl die biologische Ausgangslage ab 30 immer schlechter wird, wollen immer weniger Frauen in ihren Twen-Jahren schon Kinder. 1990 war nur jede 20. Mutter über 35, gut zehn Jahre später schon jede sechste. Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden stieg im Jahr 2000 erstmals auf über 30 Jahre (30,4 im Schnitt).

Fakt aber ist: Das ideale Gebäralter liegt zwischen 18 und 29 Jahren. Warum es danach immer schwieriger wird? Vermutlich sind es die Umweltgifte, die sich Jahr für Jahr im Gewebe einlagern und dazu führen, dass Körperfunktionen nicht mehr optimal ablaufen. Das sagen jedenfalls Experten. Dazu kommt die sich mit jedem Lebensjahr fruchtbarkeitsfeindlich auswirkende natürliche Veränderung des Hormonspiegels und die zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen zudem Unterleibsinfektionen durchgemacht haben, die ihre Eileiter beeinträchtigen oder sogar verkleben könnten. Aber auch die Männer können durch nachlassende oder ausbleibende Spermien-Tätigkeit verantwortlich sein für den unerfüllten Kinderwunsch.

Die Lebensumstände spielen bei der Frage, ob eine Frau schwanger wird oder nicht, ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass jeder Mensch zeitweilige Phasen von Unfruchtbarkeit durchlebt – vor allem in Zeiten von persönlichen Krisen oder großen Veränderungen. Darüber hinaus sind Nikotin und Übergewicht die größten Babybremsen. Raucherinnen verringern ihre Chancen auf ein Kind grundsätzlich um die Hälfte. Raucht auch noch der Mann, verschlechtern sich die Chancen wiederum um etwa ein Viertel, weil die Spermienqualität durchs Qualmen nicht gerade besser wird. Bei zu viel Pfunden auf der Waage sieht es ähnlich schlecht aus. Wer seine Chancen auf ein Baby erhöhen möchte, ist also gut beraten, auf Zigaretten zu verzichten und das Übergewicht abzutrainieren.

Sind die reifen Frauen allen Schwierigkeiten zum Trotz dann aber doch noch schwanger geworden, können sie für sich einige Bonuspunkte in die Waagschale werfen. Ihr Plus gegenüber den Jung-Mamas: Im Allgemeinen ist ihr Nest besser bereitet. Sie sind im Schnitt gesünder, gehören der höheren Bildungs- und Einkommensschicht an und leben in einer über die Jahre gefestigten Beziehung. Ihre gereifte Persönlichkeit („Heute weiß ich viel mehr, was mir gut bekommt, als mit Mitte 20“) führt daher auch zu mehr Toleranz in der Kindererziehung. Außerdem haben ältere Frauen aufgrund ihrer Lebenserfahrung gelernt, mehrere Rollen auszuüben und kommen besser damit klar, die neu dazukommende Mutterrolle mit ihren sonstigen Lebensentwürfen zu vereinbaren.

Frauen sind heute biologisch jünger als es ihr tatsächliches Geburtsalter besagt und körperlich zumeist erheblich fitter als Geschlechtsgenossinnen früherer Generationen, die ohne Waschmaschine und andere technische Haushaltsdiener mit 40 deutlich abgeschlaffter waren. Hebammen versichern, dass späte Schwangerschaft wie Geburt nicht aufgrund des reiferen Alters der Frauen notgedrungen komplizierter verliefen. Schließlich wird heute gerne übersehen: Auch früher haben Frauen jenseits der 35 oder 40 Kinder in die Welt gesetzt. Der kleine Unterschied zu heute: Der Sprössling war eben nicht der erste (und meist einzige), sondern der vierte, sechste oder bisweilen auch zehnte Nachkomme. Besser spät als nie: Einer Studie der Bostoner Harvard Medical School zufolge, kann sich eine späte Mutterschaft sogar positiv auf die Lebenserwartung der Frau auswirken. Die so genannte „Caregiver“-Theorie besagt, salopp ausgedrückt, wer Mama kurz vor Torschluss wird, bleibt nicht nur im Kopf länger jung.

Bettina, 44, wollte definitiv kein Kind mehr. Die selbstständige Yoga-Lehrerin jettete in der Welt umher – Rom, Johannesburg, Indien. Ihre beiden erwachsenen Jungs, 22 und 18 Jahre alt, sind beide aus dem Haus. Theoretisch könnte sie schon Oma sein. Doch dann wurde die damals 43-Jährige noch einmal Mama. Völlig unerwartet – und trotz Verhütung. Ihre Doppelerfahrung als junge und späte Mutter: „Ich fühle mich heute mit 44 viel besser als mit 22 bei meiner ersten Geburt.“ Trotz Windelstress könne sie die Sonnenseiten des Mutterseins besser genießen, weil sie nicht mehr das Gefühl habe, das Leben laufe ihr davon. Das späte Mutterglück erlebe sie nun als „großes Geschenk des Schicksals“.

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