Michael Ballack : Der Unvollendete

Er ist weit gekommen – von Karl-Marx-Stadt zu Bayern München, und seit zwei Jahren spielt Michael Ballack in London, beim FC Chelsea, einem der besten Fußballklubs der Welt. Doch was Deutschlands wichtigstem Spieler verwehrt blieb, ist der ganz große Sieg

Michael Rosentritt[Palma de Mallorca]
Ballack
Michael Ballack. -Foto: dpa

Es gibt dieses Bild von Michael Ballack, als er schon zum Jubel ansetzen will. Es ist nach Mitternacht in Moskau, es regnet in Strömen. Ein eingefrorener Moment, es scheint alles möglich, die Vollendung.

Wenig später sinkt Ballack wie besinnungslos auf den Rasen.

Dazwischen liegt ein Elfmeterschuss. Hätte der Kapitän des FC Chelsea, John Terry, das Tor getroffen, Ballack und sein Londoner Klub hätten die Champions League gewonnen, den wichtigsten Titel des europäischen Vereinsfußballs. Doch Terry rutscht beim Schuss das Standbein weg, der Ball klatscht gegen den Außenpfosten. Ballack knickt ein. Kurz später hockt er im Gras des riesigen Luschniki-Stadions, mit einer Hand stützt er sich nach vorn ab. Mit der anderen versucht er noch, seine Tränen vor den aufdringlichen Kameras zu verbergen. Dann gibt er den Kampf auf und lässt ihnen ihren Lauf. Er weint nicht, er heult, hemmungslos. Offen, ehrlich, nachvollziehbar. Dadurch gewinnt er.

Nie zuvor hat Michael Ballack in aller Öffentlichkeit hemmungslos geheult. Grund dazu hatte er etliche Male gehabt. Deutschlands wichtigster Fußballer hat in so ziemlich jedem wichtigen Finale gestanden – und verloren.

Es sind diese Tränen, mit denen Ballack die Herzen der Menschen gewonnen hat. Als er vor acht Jahren noch in Leverkusen spielte und beim Bundesliga-Finale mit einem Eigentor in Unterhaching die 0:2-Niederlage einleitete, die am letzten Spieltag den Meistertitel kostete, hätte ihn die deutsche Öffentlichkeit gern ungezügelt weinen sehen. Aber er war ein anderer. Seine Beherrschtheit, die er nach dem Spiel und auch bei allen späteren Anlässen dieser Art spazieren trug, wurde ihm oft als Gleichgültigkeit ausgelegt.

Nach dieser und jeder weiteren Niederlage in einem großen Match spielte Ballack besser Fußball als zuvor. Niederlagen haben ihm nie wirklich etwas anhaben können. Darin zeigt sich neben seinem fußballerischen Potenzial die zweite große Gabe des gebürtigen Görlitzers: Er kann Negativerlebnisse abhaken. Das ist so etwas wie der Refrain seiner Karriere geworden. Es ist schon paradox, dass ein Spieler, der noch keinen großen Titel gewonnen hat in den zurückliegenden Jahren, immer noch als das größte Versprechen darauf gilt, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft ein großes Turnier gewinnt. Vielleicht ja schon in ein paar Wochen, am 29. Juni in Wien, dem Tag des EM-Finales.

Erfolgreiche deutsche Mannschaften hatten große Spieler, die sie besonders geprägt haben. Der Trainer Herberger hatte Fritz Walter, Schön hatte Overath und Netzer, Beckenbauer hatte Matthäus. Völler und Klinsmann hatten Ballack. Und Joachim Löw hat ihn immer noch. Wieder einmal wird es von Ballack abhängen, ob diese Europameisterschaft ein Erfolg wird für die Deutschen. Mittlerweile ist Ballack 31. Noch ist er nicht zu alt, als dass er an Athletik und Schnelligkeit eingebüßt hätte, und er ist gerade alt genug, um der Mannschaft mit seiner Erfahrung und Qualität Halt zu geben. Vor allem Joachim Löw, der Bundestrainer, glaubt, dass in seinem Kapitän die Fähigkeit steckt, aus großen Niederlagen Motivation und Stärke zu ziehen. Und der Stuttgarter Nationalstürmer Mario Gomez findet: „Wenn es einer von uns verkraftet, dann er.“ Michael Ballack selbst hat den Beweis angetreten.

Vor sechs Jahren stand er mit Bayer Leverkusen schon einmal im Finale der Champions League. Auf dem Weg dorthin hatte Leverkusen mit einem überragenden Ballack eigentlich übermächtige Gegner wie Juventus Turin, Barcelona, Liverpool und Manchester United ausgeschaltet. Nur das Endspiel gegen Real Madrid ging verloren. Direkt danach spielte Ballack eine grandiose Weltmeisterschaft in Fernost. Es gab dort, im Halbfinale, eine Szene, die wie keine andere den Spieler Michael Ballack und seine Bedeutung für das Team charakterisierte. 70 Minuten gespielt, immer noch 0:0, die Koreaner suchten mit verzweifelten Angriffen die Entscheidung, Ballack erkannte bei einem Angriff der Gastgeber höchste Gefahr für das eigene Tor. Er grätschte Lee Chun-Soo von hinten in die Beine und sah dafür die Gelbe Karte. Er war damit für das Endspiel gesperrt. Viele Spieler hätten sich gehen lassen. Ballack erzielte vier Minuten später das Siegtor zum 1:0. Innerhalb jener 240 Sekunden hatte Ballack ein Finale verloren, aber der Mannschaft eines geschenkt.

Aus den Anfängen seiner Karriere gibt es eine Geschichte, die einmal sein Jugendtrainer Joachim Müller erzählt hat. Ein Spiel stand auf Messers Schneide, als der Schiedsrichter einen Elfmeter pfiff. Die C-Jugend des FC Karl-Marx-Stadt, später Chemnitzer FC, bestand aus robusten Kerlen, alle an der Schwelle zum Erwachsenwerden, aber keiner wollte schießen. Ein Junge mit dünnen langen Beinen stelzte zielstrebig zum Elfmeterpunkt, er sah etwas jünger aus als die anderen, er durfte ja auch noch D-Jugend spielen. Er nahm sich den Ball und verwandelte. „Verantwortung hat Micha immer schon übernommen, auch bei den Älteren“, sagte Müller. Er sei ein pflegeleichter Spieler gewesen.

Ballack genügte es, oft und lange Fußball zu spielen auf den Plätzen des Sportgymnasiums, der einstigen Kaderschmiede im damaligen Karl-Marx- Stadt. Er konnte es sich leisten, für den Fußball zu leben. Für die Schule musste er nie viel Zeit aufbringen, das Abitur hat er nebenbei gemacht. Er kommt aus einem guten Elternhaus, er war immer ein sehr höflicher, aber auch ruhiger Junge. Sein herausstechendster Charakterzug sei jedoch ein anderer gewesen, sagt Christoph Franke, der Ballack seit dessen Jugend kennt und ihn später förderte: „Er war immer sehr geradlinig, er wusste immer haargenau, was er wollte.“ Ohne überheblich zu sein. Seine Mitspieler damals wussten das zu schätzen. Wenn sie mal erfuhren, dass er zwei Tage vor einem Spiel in der Disco war – was eigentlich verboten war –, dann hielten sie den Mund. Denn Ballack war es, der ihnen ihre Siegprämie sicherte.

Als Michael Ballack im April 1999 zum ersten Mal für Deutschland spielte, fiel im Bremer Weserstadion das Flutlicht aus. Ballack wurde eingewechselt. Kurz darauf schossen die Schotten das 1:0. Das war es vorerst mit der Nationalmannschaftskarriere, zwei Sommer lang. Es hieß, Ballack sei ein Prada-Profi, der mit übertrieben aufrechtem Gang über den Platz stolziere. Die Rolle des künftigen deutschen Superstars war damals für Sebastian Deisler reserviert, Ballack bediente das Klischee des verhätschelten Jungprofis, dem der frühe Ruhm zu Kopf gestiegen war. „Der lässt sich eh nichts sagen, der ist schon Weltmeister“, klagte damals Nationalspieler Christian Ziege.

Über den Wert von Ballack für den deutschen Fußball ist in den vergangenen Jahren oft geredet worden. Seit der WM 2002, bei der Ballack zum Weltstar aufstieg, gilt Rudi Völlers These, nach der alles passieren könne, nur Michael Ballack nicht ausfallen dürfe. „Alle anderen sind austauschbar“, sagte Franz Beckenbauer jüngst.

Ballack ragt aus der aktuellen deutschen Mannschaft heraus. Er vereint vieles. Vielleicht ist Ballack mit seiner Athletik, Zweikampfhärte, Schusstechnik und seinem Kopfballspiel der kompletteste Fußballer. Auf jeden Fall ist er der einzige Deutsche, den die Gegner wirklich fürchten.

Was wollt ihr denn hier?, sagt sein Körper. Ballack trägt seinen Kopf aufreizend aufrecht. Seine Haltung drückt Überlegenheit aus, Stolz und Eleganz. In Leverkusen haben sie ihn „Herbert“ getauft, in Anlehnung an Herbert von Karajan. Dort bekam sein Spiel etwas Dirigentenhaftes.

Er hat eine natürliche Präsenz, sie wirkt wie selbstverständlich und strahlt auf seine Mitspieler. Er bestimmt den Rhythmus, beschleunigt oder verlangsamt das Spiel. Seine Mitspieler orientieren sich an ihm. Sie registrieren, wann und warum er sich mit Schiedsrichtern anlegt, wann und warum er sich in Zweikämpfe wirft. Sie verstehen seine Signale, wenn er den Ball einfach nur treibt oder mit langen Pässen die Räume öffnet. Er ist die Figur, die das Spiel in seinem Zentrum zusammenhält. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, sagt: „Er ist ein Leader. Er hat das große Bild im Kopf, er muss die Mannschaft führen.“

Der vielleicht wichtigste Schritt in Ballacks Karriere war der Wechsel ins Ausland. London hat ihn noch einmal verändert. Dorthin war er gegangen, weil ihm der FC Bayern mit den vielen nationalen Doubles aus Meisterschaft und Pokal zu eng geworden war. Er suchte die Herausforderung, sich neben internationalen Topstars wie Didier Drogba, Frank Lampard, Michael Essien oder Claude Makelele zu beweisen. Die Umstellung auf den schnelleren, athletischeren Fußball, wie er auf der Insel gespielt wird, fiel ihm anfangs schwer. Er war der Wunschspieler von Trainer José Mourinho, doch schnell wurde er als Fehleinkauf abgestempelt. Im vorigen Herbst nominierte ihn sein Verein nicht mal für die Gruppenphase der Champions League.

Ballack habe bewusst die „Komfortzone FC Bayern“ verlassen und sich bei Chelsea in einem schwierigen Umfeld durchgesetzt, sagt Bierhoff. Mit seinen Toren habe er die englische Meisterschaft noch einmal spannend gemacht und Chelsea ins Endspiel der Champions League geführt.

Der Nationaltrainer sagt, dass sein Kapitän auf der Insel gereift ist und dass er körperlich noch einmal zugelegt hat. Nach seiner achtmonatigen Verletzung spiele er nun noch bewusster Fußball, hat er jetzt im Trainingslager auf Mallorca erzählt. „Alles, was danach kommt, ist Freude, jedes Tor, der Jubel der Fans. Das ist doch das, weswegen du angefangen hast als kleiner Junge.“ Und die Engländer? Die Kritiker lachen heute über ihre anfänglichen Zweifel. „Er genießt auch drüben volle Akzeptanz“, sagt Löw. Seine Ausstrahlung, seine Führungsqualitäten sind wichtig für die Mannschaft. Der Bundestrainer weiß, dass der Wert des Kapitäns noch gestiegen ist, obwohl sich auch die Mannschaft gut entwickelt hat. „Vor allem in schwierigen Phasen eines Spiels kann er unser Spiel beruhigen und organisieren“, sagt Löw. Solche Phasen werden kommen bei der Europameisterschaft.

Noch ein Bild. WM-Halbfinale 2006, Dortmund. Die deutsche Mannschaft hat 2:0 verloren, zwei Tore kurz vor Ende der Verlängerung, kurz vor dem Elfmeterschießen. Die Tore versetzen die Deutschen in einen Schockzustand. Die Spieler raffen sich zu einer Ehrenrunde auf. Vorneweg geht Michael Ballack, der sich immer wieder auf die Unterlippe beißt. Er applaudiert apathisch in die Ränge. Die Blicke seiner Mitspieler gehen zu Boden. Ballack zeigt sein Gesicht. Es ist ein Gesicht, das leerer nicht sein kann.

Vielleicht gibt es ja eine Parallele zu Oliver Kahn, der fast jeden Titel gewann. Ihm sind erst im Moment seiner vermeintlich größten Niederlage, der Ausbootung aus dem deutschen Tor bei der WM vor zwei Jahren, die Sympathien der Menschen zugeflogen. „Diese Erfahrung, dass man nicht gewinnen muss, um wirklich erfolgreich zu sein, war befreiend“, hat Kahn gerade zu seinem Abschied gesagt.

Das neue Bild. An die 200 Journalisten warten zwölf Tage auf Mallorca. Als Michael Ballack ganz am Ende des Trainingslagers des deutschen Teams erscheint, klackern die Kameras. Er ist spät angekommen. Moskau, ein paar Tage des Durchsackens. Jetzt ist er da und wirkt gelöst. Aber wie sieht es in ihm aus? Er sagt: „Es ist gut, wenn nach so einem Erlebnis Tränen rauskommen.“ Die Emotionen spielten eine große Rolle, weil man dann auch abschließen könne. „Ich habe das jetzt abgeschlossen und freue mich, dass es gleich weitergeht.“ Dann lächelt er charmant. Die mediale Erregtheit absorbiert er mit einer Nonchalance, wie man sie von Beckenbauer kennt. Sie erdrückt ihn ebenso wenig wie Negativerlebnisse. Er strahlt eine Leichtigkeit aus. Manche sagen, die Tränen hätten ihn stärker gemacht.

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