Michael Ballack : Held ohne Tragik

Helmut Schümann

Es sind die Tränen, die uns rühren. Die Fußballsaison neigt sich dem Ende zu, es ist die Zeit der heulenden harten Männer. Abschiede, Niederlagen, Rausschmisse, Trainer, Manager, Torhüter, Torjäger, es wird geweint, dass es nur so eine Art ist. Rotz und Wasser. Am Mittwoch heulte in Moskau auch der Himmel, und unten auf dem Rasen heulte Michael Ballack. Es ist nur Fußball? Es geht die Welt nicht unter, nur weil der FC Chelsea, für den Ballack kickt, schon wieder nicht die Champions League gewinnen konnte? Es soll kein Drama sein, dass jener Michael Ballack bislang in seiner fußballerischen Laufbahn immer scheiterte, wenn es um etwas Großes ging? Es sind die Tränen, die uns rühren, und wie er da stand im Regen von Moskau und seine Tränen rannen, da war das ein Moment, in dem viel mehr lag als nur Fußball, da ging auch eine kleine Welt unter – ein Drama, und Michael Ballack mittendrin als tragischer Held. Gerackert, gerannt, gekämpft, unermüdlich, immer wieder, unaufhörlich – und doch das Ziel nicht erreicht. Viel Fleiß, kein Preis.

Tragisch? Auch für Michael Ballack hatte vor diesem Spiel das Leben wie stets zwei Möglichkeiten im Angebot, Daumen rauf, Daumen runter, Top oder Flop, Sieger oder Verlierer, er hatte die Wahl.

Zur Tragik gehört indes, dass sie unausweichlich ist. Was immer Ödipus anstellt, das Schicksal hat ihn auserkoren, dereinst Vatermörder und Mutters Gemahl zu werden. Wie auch die junge Mutter keine Wahl hatte, die auf der Autobahn vom mörderischen Holzklotz erschlagen wurde. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort, hatte keine Chance dem Schicksal eine Wende zu geben.

Michael Ballack hat in seinem Leben als Fußballspieler diese Chance. Er hatte sie immer, er hätte ja nur gewinnen brauchen zusammen mit seinen Kollegen. Dass er dafür von den Kollegen abhängig ist, nein, das ist nicht tragisch, das ist eben Fußball, und eben auch unausweichlich. Nun trifft es ihn, oft, vielleicht auch sehr oft, zu oft. Und was will uns das sagen? Nichts. Außer, dass er möglicherweise Pech hat. Was in diesem Fall auch ein großes Glück ist, weil sein Pech auch den fiesen Klubeigner und Oligarchen Roman Abramowitsch trifft. Recht so, Schicksal!

Wäre Michael Ballack, der Nationalmannschaftskapitän, wirklich eine tragische Figur, der nie etwas Herausragendes gelingt …, wir wollen es nicht hoffen, sonst müssten wir uns ja Sorgen machen vor dieser Europameisterschaft. Dann bräuchten wir gar nicht hinfahren. Und das wäre dann erst wirklich zum Heulen.Helmut Schümann

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