Michael Jürgs : Keine Träume. Nirgendwo?

Michael Jürgs
Michael Juergs HP Kontur

Freigeistige Nahrung, gedruckt, gesendet oder gedichtet, wurde ihnen von der über sie herrschenden Nomenklatur verweigert. Deshalb begaben sich Deutsche Ost, da nur noch ihrer eigenen Not gehorchend, nach 40 Jahren des Hungers, mit einer Nahrung auf die Straßen, die aus Träumen bestand. Von denen gab es 1989 zwischen Himmel und Erde in der DDR mehr, als sich die Zwangsernährer vom Politbüro in ihrer grauen Schulungsweisheit vorzustellen vermochten. Warnungen der MfS- Abteilung Horch was kommt von drinnen rein hatten sie eh überhört.

Ähnlich wie in guten Biografien oft bessere Geschichten stehen als das Leben selbst sie schreibt, steckt in guten Träumen mehr Realität als in der Wirklichkeit. Die da oben überwachten zwar gnadenlos die da unten, doch von deren Träumen wussten sie nichts. Die waren schon deshalb für sie ungreifbar, weil sie nie begriffen hatten, dass es im Leben eine Sehnsucht braucht, die über den erlaubten Horizont hinausreicht. Die der Menschen nach einem am Ende des Regenbogens vergrabenen Schatz.

Träume schweben nicht nur frei im All, sie haben einen festen Ort. Irgendwann fangen wachsame Träumer an, diesen Ort zu suchen, um endlich ihre Sehnsucht zu stillen. In der komatösen DDR begann diese Suche mit aufrechtem Gang auf den Straßen von Plauen, der heute im Ruhmesglanz der Heldenhochburgen Dresden und Leipzig vergessenen Kleinstadt. 15 000 aufgeweckte Träumer, fast ein Viertel der Einwohnerschaft, demonstrierten gegen die Überwachsamen, die höchstens mit ein paar hundert leicht niederzuknüppelnden Bürgern gerechnet hatten.

Bekanntlich siegten vor 20 Jahren die Träumer landesweit. Ihre Träume haben sich zwar längst nicht alle erfüllt. Viele sind geplatzt, viele aber nur vergessen. Genau die sind in der heutigen Krise nötig, so wie sie es einst in der anderen gewesen sind. Allenfalls ist es eine Fußnote der Geschichte wert, stattdessen darüber zu räsonieren, ob es 1990 eine von beiden Seiten begehrte Vereinigung oder nur ein Beitritt war. Eine gemeinsame neue Verfassung wäre hilfreich gewesen für die innere Verfassung, doch mit der bestehenden lässt sich leben.

Was wäre wenn ist für alle Lebensläufe nur ein von unerfüllten Träumen gespeistes Gedankenspiel. Es ist, wie es ist. Die Realität muss immer wieder verändert werden. Aber dafür gibt es in einer Demokratie die traumhafte Einrichtung von Wahlen. Wer sich, wie viel zu viele Ostdeutsche, denen verweigert, verrät die mutigen Träumer von 1989.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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