Zeitung Heute : Michael Maier im Gespräch: Im Namen des Netzes

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Michael Maier,42, wurde im österreichischen Kärnten geboren. Der Jurist und Organist war Chefredakteur der "Kärntner Kirchenzeitung", der Wiener "Presse" und der "Berliner Zeitung". 1999 wurde er Chefredakteur des "Stern". Nach nur sechs Monaten musste er gehen - erst im Juli dieses Jahres kam es zur Einigung mit dem Verlag Gruner + Jahr. In der Zwischenzeit erforschte Maier in Jerusalem den "Antisemitismus in der DDR". Der Beitrag ist Teil eines Sammelbandes zum deutsch-israelischen Verhältnis. Seit Oktober ist er Chef der "Netzeitung". Sie folgt ihrem norwegischen Vorbild "Nettavisen", einer 1996 von Wirtschaftsjournalisten gegründeten reinen Online-Zeitung.

Seit drei Wochen sind Sie Chefredakteur und Geschäftsführer der "Netzeitung". Von den Büros über die Einrichtung bis hin zur Zusammensetzung der Redaktion haben Sie weitgehend vollendete Tatsachen vorgefunden. Was sehen Sie als Ihre wichtigste Aufgabe an bis zum offiziellen Start der "Netzeitung" am 8. November?

Wir erkunden gemeinsam mit der Redaktion den neuen öffentlichen Raum, der durch das Internet definiert wird. Als Journalisten wollen wir eine Sprache finden, die diesem Medium entspricht. Wir arbeiten daran, die Recherchetechniken zu perfektionieren, die Geschwindigkeit des Netzes zu nutzen, die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten zu einer ganz einfachen, klassischen Form zu reduzieren. Dieses Profil zu erstellen ist meine Hauptaufgabe.

Die "Netzeitung" ist angekündigt als "die erste deutsche Tageszeitung, die ausschließlich im Internet publiziert wird". Wer soll die "Netzeitung" lesen? Wo und warum?

Wir richten uns an jene, für die der Computer zum Alltag gehört. Uns werden Leute lesen, die daran interessiert sind, die Nachrichten schnell und doch ihrer Wichtigkeit nach geordnet zu erfahren. Man wird uns im Büro lesen, drei-, viermal bei uns vorbeischauen, um zu wissen, was gerade los ist. Und wer will, wird von uns im Netz navigiert werden, wenn er bei einem Thema wirklich in die Tiefe gehen will.

Kürzlich zitierte eine Zeitung einen Redakteur des norwegischen "Netzeitung"-Vorbildes "Nettavisen". Demnach seien die meistgelesenen Artikel nach Art von "Geiler Pfarrer verliert Job" und "Britneys Stripshow". Sie aber wollen eine Qualitätszeitung machen. Wie geht das zusammen?

Fragen Sie doch einmal Ihren Chefredakteur, welche Seite die meistgelesene beim Tagesspiegel ist. Wir wollen dem Leser die Nachricht liefern, solange sie neu ist. Das umfasst alle Lebensbereiche. Nur eben schnell und, je nach Materie, unmittelbar in die Tiefe führend.

Seit den Olympischen Spielen in Sydney kann man ein eingeschränktes Angebt der "Netzeitung" bereits nutzen. Bislang überwiegen dpa-Meldungen. Das kann es ja nicht gewesen sein.

Die Recherche im Internet kann sehr intensiv sein. Unsere Journalisten sollen sich dadurch auszeichen, dass sie das Netz verstehen. Dann können sie dem Leser viel Arbeit abnehmen, weil nicht jeder andauernd durch das ganze Netz irren will, um irgendwas zu finden. Das ist eine neuartige Methode des Journalismus, die sehr transparent ist und dennoch hohe Kompetenz in der Bewertung erfordert.

Schildern Sie doch einmal an einem Beispiel den optimalen Fall, wie die "Netzeitung" mit einem Ereignis umgehen würde, wie die Arbeit der Redaktion und die Meldungen in der "Netzeitung" aussehen würden.

Als neulich der Literaturnobelpreis vergeben wurde, haben wir innerhalb kurzer Zeit einen Originaltext des Preisträgers bieten können. Das hat außer uns, soweit ich weiß, niemand so schnell geschafft.

Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften sind längst mit eigenen Auftritten im Netz. Was bietet mir die "Netzeitung", was andere nicht auch bieten?

Wir sind schneller und denken ausschließlich an den Leser im Netz. Außerdem werden wir bestimmte Themenbereiche so umfassend behandeln wie sonst niemand. Und wir werden einige Elemente haben, die auf hohem Niveau Unterhaltung bieten, wie es nur im Netz möglich ist.

Online-Medien wie zum Beispiel "Spiegel Online" punkten mit dem Markennamen und dem Bekanntheitsgrad. Die "Netzeitung" steht dagegen allein da. Ist das nicht ein Nachteil?

Nein. Wir betrachten die Welten des Internet nicht als feindliche Galaxien, sondern als Abbild der Wirklichkeit. Der "Spiegel" bleibt immer ein Magazin, so, wie der "Tagesspiegel" nie ein Fernsehsender geworden ist. Unsere Unternehmenskultur ist das Internet. Wir finden es aber ermutigend, dass alle Zeitungen ins Netz gehen. Damit wird das Netz der Ort der Nachrichtenübermittlung. Wer sich dort am sichersten bewegt, hat am Ende die Nase vorn.

"Netzeitung"-Geschäftsführer Knut Ivar Skeid prophezeite unlängst im Tagesspiegel, die gedruckte Zeitung werde in 20 Jahren untergehen. Hat der Prozess des Umdenkens in den Verlagen nicht längst begonnen?

Die gedruckte Zeitung wird sich radikal ändern, weil man den Lesern nicht ewig alte Nachrichten servieren kann. Dennoch wird es immer das Feuilleton der "FAZ" geben oder die Reportage aus der "Neuen Zürcher".

Wie muss ein Online-Journalist denken? Von welchen Gewohnheiten muss er sich befreien, welche neuen Dinge muss er begreifen lernen?

Er muss eine breitere Bildung haben, weil die künstliche Einteilung in Ressorts im nachrichtlichen Bereich nicht aufzurechtzuerhalten ist. Und er muss zuerst an den Leser und dann erst an die Namenszeile denken.

Als Sie "Stern"-Chefredakteur waren, warf man Ihnen vor, dass Sie mit der Redaktion vorwiegend per E-Mail kommunizierten. Jetzt witzelte der Branchendienst "Kress Report": Ein "österreichischer Orgelspieler" passe zum Internet "wie Marzipankartoffeln zu Grünkohl". Welche Beziehung haben Sie zum Medium Internet?

Ich habe bei amazon.com zum Stichwort "Orgel" 1687 Einträge für CDs, 1594 Einträge für Bücher und 2 DVDs gefunden. Für "Österreich" gibt es bei Yahoo 28 Kategorien, 1833 Sites und 319 Nachrichten. Ich kann den Widerspruch nicht erkennen.

Vor 16 Monaten wurden Sie vom Bertelsmann-Unternehmen Gruner + Jahr zunächst fristlos beim "Stern" gefeuert. Jetzt sind Sie unversehens wieder in Bertelsmann-Diensten. Wie finden Sie das?

Wir haben mit Lycos Europe die ideale Situation: Denn Lycos ist ein Unternehmen, das in seiner Eigentümerstruktur einerseits aus dem Internet kommt und andererseits Medien und nicht Seife herstellt. Eine bessere Kombination kann ich mir ehrlich gesagt nicht denken.

Die "Netzeitung" soll sich allein durch Werbung finanzieren. Sie haben zudem angekündigt, für den Start ausschließlich online zu werben. Was bringt Sie zur Erkenntnis, dass Internet-Werbung funktioniert?

In den Anfängen des Fernsehens war die Werbung sehr stark an Print angelehnt. Im Lauf der Zeit ensprach die Form immer mehr dem Medium. Genauso wird es beim Internet sein. In der Zusammenarbeit mit unserer Werbeagentur BBDO haben wir jedenfalls gesehen, wieviel Freude die Kreativen an diesem Medium haben.

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