Zeitung Heute : Michael Wallner: Alles fliegt

Thomas Schaefer

Zwei extreme Themenpole bieten sich offensichtlich für literarische Debüts an: zum einen das Schöpfen aus dem begrenzten Kosmos der eigenen Biografie, zum anderen das Streben ins allgemeingültig Absolute - das absolute Gehör (Robert Schneiders "Schlafes Bruder"), der absolute Geruchssinn (Patrick Süskinds "Parfum") und immer wieder gern (zuletzt in Daniel Kehlmanns "Mahlers Zeit") die absolute Herrschaft über die Zeit und den Tod. Das aber heißt, gleich beim ersten Wurf die großen letzten Fragen anzugehen.

Michael Wallner hat sich für den zweiten Weg entschieden und sich damit in eine ehrfuchteinflößende Traditionslinie eingereiht, von Chamissos "Peter Schlemihl" etwa über H.G. Wells "Zeitmaschine" zu neueren Zeit-Geschichten. Entschieden ungewöhnlich ist in Wallners Fall nicht allein der Umstand, dass er mit gleich zwei Romanen das literarische Feld betritt, sondern dass diese Bücher sehr intensiv sind und bei allen Gemeinsamkeiten erstaunliche Unterschiede aufweisen. Sowohl "Cliehms Begabung" als auch "Manhattan fliegt" bricht mit Logik und Chronologie, doch beide Bücher haben gänzlich gegensätzliche Temperamente.

Bei aller kompositorischen Raffinesse ist "Cliehms Begabung" das konventionellere Buch. Sein Held Cliehm ist theoretischer Physiker und selbstverständlich ein Genie. Eine komplizierte, an Einsteins Relativitätstheorie heranreichende Formel hat er entdeckt, die uns vom Autor aus gutem Grund nicht näher erklärt wird. Schließlich hat er irgendwelche submikroskopischen Teilchen namens S.O.C.K.S. entdeckt, die den Gesetzen der Zeit widerstehen und deren Variabilität beweisen.

Wallner befindet sich durchaus auf der Höhe des naturwissenschaftlichen Diskurses, wenn er Cliehm dozieren lässt: "Unser Hirn hat sich so entwickelt, dass nur die dreidimensionale Welt begreift. Die Physiker rechnen inzwischen in zehn oder elf Dimensionen. Das ist reine Mathematik, unserer normalen Vorstellungswelt nicht mehr zugänglich." Der Autor Wallner und sein Held Cliehm können uns Normallesern diesen Zugang auch nicht verschaffen, wir müssen schon wie Cliehm die "Realität von Gedanken" hinnehmen. Denn schließlich wissen wir nicht, "ob das, was wir beobachten, alles ist. In anderen Universen könnte das, was wir Naturgesetze nennen, völlig unterschiedlich aussehen". Worum es letztlich geht, bleibt nebulös. Erzählt wird von den Auswirkungen, die Cliehms Entdeckung auf sein eigenes Leben haben: Seine außergewöhnliche Begabung besteht darin, dass er die Zeit in jede von ihm gewählte Richtung auf parallel existierenden Zeitebenen bereisen kann - "Everything flies" konstatiert Cliehm.

Wir lernen ihn in Lissabon kennen, wo er in einer kargen Pension logiert, geflüchtet vor der schwierigen Beziehung zu seiner Frau, der Operettensängerin Tilly, vor dem missgünstigen Kollegen und Nebenbuhler Zinnk und dem Fehler, den er in seiner somit wertlos gewordenen Formel entdeckt hat. "Ich bin Physiker", stellt er sich vor. "Theoretischer Physiker. Meine Tätigkeiten sind Sitzen, Aufundabgehen, Denken und Rechnen. Normalerweise. Jetzt bin ich in einer mir unvertrauten Lage."

Cliehm flaniert durch die Stadt, erlebt physische und psychische Zusammenbrüche, begegnet diversen Frauen, verkehrt in Lokalen und versucht immer wieder vergeblich, sich umzubringen. Genauso mysteriös wie die Gründe für das Scheitern seiner Suizidprojekte ist der Ablauf seines Lissaboner Aufenthalts.

Verwirrende Zeitreisen

Immer wieder wird Cliehm in die Vergangenheit zurückgeworfen. Sind es Erinnerungen oder reale Zeitreisen, die ihn mit seinem Vorleben konfrontieren? Reist Cliehm nicht ins Gestern, so versetzt er sich in die Zukunft - Vision oder Realität? Verwirrende Grundsatzfragen, die Cliehm mit seiner Erinnerung oder den Schmerzen diskutiert, die jeweils Auslöser seiner Zeitsprünge sind, Diskussionen, bei denen es recht kryptisch zugeht: "Du hast Zeit, raunt die Erinnerung. Was soll ich mit Zeit, wenn sie nicht abläuft, wie ich es mir vorstelle? Das ist nicht der Sinn der Zeit, sagt die Erinnerung. Sie ist die Straße. Du gehst darauf."

Wallner versteht es, seine komplexe Geschichte virtuos zu entwickeln: das Auslegen von Verständnisankern (die sein Textschiff dann aber doch nicht halten), Variationen und Wiederholungen von Leitmotiven, Bildern, Themen. Die Architektur seines Textes verrät eine veritable Könnerschaft, die jedoch die Sinnfrage nicht erübrigt: Was will uns der Autor vermitteln? Eine Satire auf die moderne Physik, den Wissenschaftsbetrieb? Dass Zeit relativ sein kann und der Boden schwankt, auf dessen vorgeblich sicher angeordneter Zeitebene wir uns bewegen? Das haben wir ein bisschen eindrucksvoller im Kino gesehen: Täglich grüßt das Murmeltier zwischen Wallners Seiten, Lola rennt durch Lissabon...

Und Manhattan fliegt - auch durch die Zeiten: Von den zwanziger Jahren bis in die unmittelbare Vergangenheit erstreckt sich die Handlung von Wallners Debüt Teil II, bei dem sich abermals die Frage nach Sinn und Zweck des Erzählens stellen könnte, würde sie nicht durch den immensen Genuss überlagert, den die Lektüre dieser abstrusen, irrwitzigen und kaum referierbaren Geschichte bietet. Sie beginnt im Jahr 1921, in dem die aus Schweden nach New York gereiste Schauspielerin Undine Nielsen eine Affäre mit dem Magier Pius Yurgrave hat, die ein Kind und die Trennung der Eltern zeitigt. In den fünfziger Jahren taucht Yurgrave als Autor eines Buches über Magie zunächst auf und dann in einer Irrenanstalt wieder unter, bis er von einer Delphintrainerin ins Leben zurückgeholt wird.

Erzählt wird das und noch viel mehr vom jungen Österreicher Leopold, der im Gegenwarts-New York in den Umkreis eines verschrobenen Filmteams gerät, das einen Film über eine Delphindompteuse drehen will. In der Hauptrolle: die blutjunge, gänzlich ungealterte Frau Nielsen... Nachdem Leopold anfangs noch aufseufzt, er "habe endgültig die Nase voll von Ereignissen, die ich nicht verstehe", ist er sich dann aber bald sicher, "dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als Zahnpasta, Hautkrebs und Talkshows". Und doch: "Was hier vor meinen Augen geschieht, ist Nonsens."

Faible fürs Fantastische

In der Tat: Ratten verwandeln sich in Schmetterlinge, untote Schauspielerinnen tauchen auf, der Teufel verführt Frauen - grotesk, abenteuerlich, witzig geht es zu. Immer wieder überrascht Wallner mit neuen Volten. Die Spannung, wer in dieser Odyssee durch Zeiten und Motive denn nun wer ist, hält an. Der Spaß an literarischen und cineastischen Anspielungen - die besten Momente erinnern an Bulgakows "Meister und Margarita" - ist außerordentlich. Der paraphilosophische Tiefgang von "Cliehms Begabung" ist hier einer offensichtlich schieren Freude am Erzählen und Spintisieren gewichen, getreu Wallners in einem Interview geäußerten Credo: "Ich muß in Welten gehen, von denen manche sagen, daß es sie nicht gibt."

Als Schauspieler, vor allem als Opern- und Theaterregisseur in Düsseldorf, Bochum, Hamburg und Berlin hat Wallner sein Faible fürs Fantastische bewiesen. Mit der überbordenden Handlung von "Manhattan fliegt", den charismatischen und grotesken Figurenzeichnungen, dem Witz einzelner Anekdoten und abermals der souveränen Textarchitektur bestätigt der 42-jährige nunmehr eine Autorenbegabung, die so verwirrend, selbstbewusst und oszillierend hervortritt, dass man fast ein wenig besorgt um den Autor sein kann. Neugierig auf das, was da noch kommen mag, ist man allemal.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben