Zeitung Heute : Michel Friedman: Ein gnadenloser Frager

Stephan Lebert

Verkleiden Sie sich gerne, Herr Friedman?" Nein, antwortet er. Er sagt es nicht, er blickt einen an, tief, das ist wohl das richtige Wort. Dann rüttelt er fast unmerklich sein Gesicht, in Richtung eines Kopfschüttelns.

"Haben Sie nie Indianer gespielt als Kind, oder Cowboy?" Wieder dieses schnelle Zucken. "Nie ein Fan des Karnevals gewesen?" "Nein", diesmal sagt er es, "nein, nein." Das macht Michel Friedman gerne, das Wiederholen einzelner Wörter, als wolle er seiner Sprache einen besonderen Klang geben.

"Sie mögen keine Rollenspiele, Herr Friedman?" Moment, ruft er, das habe er nicht gesagt. "Rollenspiele", sagt er, "mag ich sehr, ich liebe sie, aber dazu muss ich mich doch nicht verkleiden." Stimmt, denkt man, wer in ein Kostüm schlüpft, muss ja sich selbst verlassen. Kann man sich Michel Friedman als einen guten Schauspieler vorstellen?

Es ist ein früher Nachmittag, draußen regiert der Sommer. Wir sitzen in einem Café, nicht weit weg vom Kurfürstendamm. Er ist ein paar Minuten zu spät gekommen, hat beim Reingehen kurz drei, vier Leute begrüßt. Eineinhalb Stunden hat er Zeit. Danach muss er kurz beim neuen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde vorbeischauen, später geht das Flugzeug. Michel Friedman ist im Stress. Das ist nichts Neues. Wenn man Artikel über ihn liest, heißt es das fast immer. Neben den anderen Stereotypen: seine Eitelkeit, seine Krawatten sowie die Frage, ob er die Haare nun mit Gel aufpeppt oder nicht. Und eben sein Tempo, die Hektik und die Tatsache, dass er mit drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommt. Später wird er sagen, er möchte sich niemals den Vorwurf machen, etwas nicht versucht zu haben, "scheitern darf man, aber nicht versuchen, das ist schrecklich. Wer weiß, was ich noch alles versuche, vielleicht eröffne ich am Ende irgendwo ein Café?"

Ein Gladiatorenkampf

Michel Friedman, grauer Anzug, rote Krawatte, bestellt ein Wasser, und "in etwa 15 Minuten bringen Sie mir bitte ein Dessert, einen Kaiserschmarrn, und eine Schachtel Marlboro Light, die bitte gleich." Er kehrt noch einmal zu dem Begriff Rollenspiel zurück. "Wissen Sie, das klingt so künstlich." Er ist vorsichtig. Den Vorwurf, er inszeniere sich, kann er nicht leiden, vielleicht fürchtet er ihn sogar. "Ich finde es äußerst reizvoll", sagt er, "die Verschiedenheiten meines Lebens zu leben, all meine Facetten."

Friedmans Facetten. Geboren 1956 in Paris, 1965 mit seinen Eltern nach Deutschland gezogen, studierte Medizin, später Jura. Seither arbeitet er als Anwalt, aber nicht nur. Seit 1990 gehört er dem Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland an, derzeit ist er Vize-Präsident. Er war zwei Jahre im Bundesvorstand der CDU, bis er abgewählt wurde. Er ist Berater, unter anderem in Sachen Kultur für den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. Er ist viel gesehen bei gesellschaftlichen Anlässen, und er begann vor einigen Jahren, zunächst im Dritten Programm, eine Fernsehkarriere als Talkmaster.

Auf diesem Weg ist er in der ARD angelangt; jeden zweiten Mittwoch um 23 Uhr, im Wechsel mit Joachim Gauck, befragt er 30 Minuten lang einen einzigen Gast, man könnte auch sagen: Er nimmt ihn unter Feuer. Das ist das Überraschende: Friedmans Aggressivität, seine Härte. Es sei sicher so, sagt er, dass er mit seinen Fragen nicht unbedingt erreichen wolle, dass der Gast am Ende sagt, er komme gerne wieder, es sei so nett gewesen. Michel Friedman, außerhalb des Fernsehstudios CDU-Politiker, stürzt sich regelrecht auf seinen Widerpart und treibt ihn in die Enge, egal ob es sich um Angela Merkel handelt, um Gregor Gysi oder um Marcel Reich-Ranicki, von dem er immer wieder und immer noch einmal wissen wollte, warum er sich im neuen Deutschland nie politisch engagiert habe. Bei Gysi, der sich bravourös schlug, ging es um dessen Stasi-Vergangenheit. Angela Merkel verfiel gegen Sendungsende hart attackiert in einen Dauerhusten, die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth verstrickte sich derart in Widersprüche, etwa in Sachen Rüstungsexporte, dass man schon fast Mitleid bekam. Als der CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sinngemäß einräumte, das umstrittene Schröder-Plakat sei vom Niveau her schon dürftig gewesen, sagte Friedman: Dann passe das ja zu ihm.

Schon das Design macht aus der Sendung eine Art Gladiatorenkampf: Er und sein Gesprächspartner sitzen sich auf einer Art roten Couch gegenüber und trotzdem fast aufeinander. Friedman ist seinen Gästen derart nahe, dass er sie nicht nur anfassen könnte, er tut das auch. "Ich will diese Nähe", sagt er, "weil ich so körperlich spüre, wenn sich mein Gast verändert." Wenn er nervös wird, unsicher? Ja, das auch, sagt er, "aber auch wenn er anfängt zu brillieren". Nein, es stimme nicht, dass er seine Gäste schlachten wolle, "was für ein hässliches Wort". Er wolle testen, für was sie stehen, "ich nehme meine Gäste ernst", und unter Fair Play verstehe er, dass die Leute ja antworten können. Der große Erfolg, bis zu 1,5 Millionen Zuschauer zu solch später Stunde, freue ihn "ganz außerordentlich".

Michel Friedman, ein intellektueller Fernseh-Rambo? Versteht er denn, dass man verblüfft sein kann, angesichts seiner groben Auftritte? Versteht er denn, dass da etwas nicht zusammenpasst mit seinem bisherigen Image? Ein bisschen zu glatt, zu sehr nach Karriere ausgerichtet, zu sehr darauf aus, überall gesehen zu werden, am besten neben den Mächtigen und Schönen - das waren und sind die Etiketten, die ihm angehängt werden. Kann er nachvollziehen, dass der solariumgebräunte Angreifer Friedman jetzt so manchen verwundert?

Nein, das könne er nicht verstehen, "überhaupt nicht". Er habe sich nicht geändert, in dieser Sendung sei er nicht anders, als er immer gewesen sei. Die Klischees, "die mir angehängt werden, dafür kann ich nichts. Nichts davon stimmt. Das alles hat nichts mit mir zu tun." Glatt? "Ich war es nie und bin es nicht. Und dafür zahle ich auch meinen Preis." Stimmt, im Café sitzen am Nebentisch zwei Polizeibeamte. Vor unserem Interview rief die Polizei an, um Zeit und Ort des Gesprächs abzuklären. Friedman wird bewacht, trägt zu manchen Anlässen kugelsichere Westen. Als einer der lautstarken Sprecher des Zentralrates der Juden ist er ein Lieblingsfeind der Rechtsradikalen. Dabei formuliert er mutig das, was die meisten Vernünftigen in diesem Land denken.

Friedman raucht die zweite Zigarette. Immer diese Fragen nach den Klischees, seinen Krawatten, sagt er, schließt die Augen und wirkt genervt. Nach meinen Haaren, nach meinem Outfit, "wen interessiert das, bitte?" Naja, antworten wir kurz entschlossen: Wie sei denn das mit den Haaren, benutzen Sie Gel, Gel sei ja nichts Schlimmes ... Friedman wird ein klein wenig lauter: So, und nun ein für allemal, er benutze kein Gel, sondern jeden Morgen eine Spülung, weil er einen Lockenkopf habe und seine Haare sonst abstehen würden, o.k.?

Die Generation Assistent

Verletzen ihn solche Fragen? Nein, sagt er, verletzt werde er von Leuten, die ihm sein wirkliches Engagement absprechen, die ihm vorwerfen, ein Showman zu sein. Hat ihn der Artikel von Henryk M. Broder im "Spiegel Reporter" verletzt, als der ihm unter der Rubrik Nervensägen vor einigen Wochen eine ganze Seite widmete? In Anspielung auf Friedmans Beziehung zur Talkmasterin Bärbel Schäfer schrieb er: " ...als ob das Judentum nicht schon genug Katastrophen erlebt hätte". Ja, dieser Text habe ihn verletzt. Aber: Irgendwann werde man sich auch wieder die Hand geben, "ich bin ein Anhänger des Streits. Da fällt schon mal ein Wort zu viel. Ich habe schon als Kind immer mit meinen Eltern gestritten. Es war wunderbar. Alles ist besser als das so genannte gepflegte Gespräch."

Unlängst, in einem Artikel in der "Zeit", stellte Friedman der Generation der heute 50-Jährigen ein vernichtendes Zeugnis aus. Es handle sich um die "Generation Assistent", um Menschen, die lebenslang rückgratgekrümmt dem Professor, dem Vorstandsvorsitzenden, dem Politiker gedient und nun zur Belohnung irgendwelche führenden Posten erhalten hätten. Das sind die Leute, sagt er, "die heute die Neue Mitte ausrufen. Die wollen nicht mehr streiten, sich keinen Gefahren mehr aussetzen, die wollen jetzt in Ruhe ernten, auf was sie bis zur Selbstaufgabe gewartet haben." Für die Gesellschaft sei das "katastrophal", weil überall nur das Mittelmaß regiere, eine "einzige Konsenssoße".

Es gibt Leute, die Michel Friedman ebenfalls in die Nähe dieser Generation Assistent rücken. Er sei schließlich als Berater der Mächtigen tätig, ganz nach der Devise: Hauptsache mächtig. Unsinn, Blödsinn, sagt Friedman, ein Berater sei etwas völlig anderes als ein Assistent. Berater seien frei und unabhängig, sollten geradezu ihre Meinung sagen, Angestellte seien angestellt und damit abhängig, "ich habe immer allergrößten Wert auf meine Unabhängigkeit gelegt. Das empfinde ich als großes Geschenk."

So geht es immer mit Michel Friedman: Man deutet eine Kritik an, er weist sie zurück, spricht vom Gegenteil. Er räumt zwar kurz ein, dass er früher, ganz früher, versteht sich, auch einmal vom Opportunismus verführt worden sei, "aber ich habe erkannt, dass ich dann in mir drin unglücklich bin". Im Grunde jedoch handeln seine Geschichten davon, dass er, nicht äußerlich gemeint, gut in ihnen aussieht. Sein größter Fall als Anwalt? Das war einer, sagt er, den er abgelehnt habe. Ein Bankvorstand wollte ihn für einen Fall engagieren mit einem Streitwert von mehreren hundert Millionen Mark. Die Begründung, warum er Friedman als Anwalt wolle: Er sei ein Bewunderer der Juden und glaube, das viele Geld sei bei einem Judenführer in guten Händen. Friedman sagt, er, Friedman, habe ihn daraufhin rausgeworfen.

Facetten. Kann es sein, dass einer die Widersprüche in sich möglichst klein hält, der in einen großen Widerspruch hineingeboren wurde? Nämlich in die Frage, warum seine Familie, die von den Deutschen vernichtet wurde, ausgerechnet in Deutschland lebt? Die einzigen Familienmitglieder der Friedmans, die überlebt haben, waren seine Eltern. Alle 48 anderen starben. Gerettet wurden die Eltern von Oskar Schindler. Michel Friedman hat ihn später gut gekannt, er wurde für ihn eine Art Freund, sagt er.

In den letzten Jahren starben seine Eltern. "Meine Eltern", sagt er, "waren mein Leben. Sie waren meine Freunde." Sie waren seine Pipeline, sagt er, "ich habe sie immer angeschaut und gedacht, was die beiden ausgehalten und überstanden haben, was kann mir da noch passieren?" Die Mutter hatte einen schweren Tod. Sie lag sechs Monate auf der Intensivstation, "ich habe fast dort gelebt". Nach dem Tod der Eltern sei er in eine schwere Krise geraten, "ich wäre beinahe innerlich verblutet. Ich musste mich fragen: Will ich leben oder sterben? Ohne Hilfe wäre ich da nicht rausgekommen."

Mit dem Tod der "wunderbaren Eltern" brach vieles wieder auf, unter anderem die Frage, ob es richtig war, in Deutschland zu leben. Und? "Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht hierher gekommen wären. Ich bin wegen meinen Eltern geblieben, ich wollte sie nicht alleine lassen." Und jetzt? Er formuliere es mal so: Er schließe es nicht aus, seine Lebensmittelpunkte zu erweitern, auch außerhalb Deutschlands.

Er rechnet ab mit diesem Land, mit seinem Land. Wenn von Zeitzeugen die Rede sei, meine man die Opfer, nicht die Täter, "warum?" Nie habe es wirklich eine Stunde Null gegeben, die alten Nazis seien doch weiter drangewesen. Der Frage, was es bedeutet, dass die eigenen Eltern das alles getan haben, haben sich nur die wenigsten ausgesetzt, sagt er. Die Juden hingegen hätten sich gefragt, was es für einen selbst bedeutet, dass den eigenen Eltern dies angetan wurde. Hat er Wut auf diese Deutschen? Nein, sagt er, "Trauer, weil die Kinder in dieser Verdrängung leben müssen, weil die Eltern und Großeltern nicht den Mut hatten zu reden".

Irgendwann sind die 90 Minuten vorbei. 95 sind es geworden. Er hat noch einen Espresso getrunken, ein paar Zigaretten geraucht, kaum was von dem Kaiserschmarrn gegessen. Er muss weiter. Was ist es, das ihn treibt? Die eigene Geschichte, der Zorn, die Lust mitzuspielen, möglichst weit oben? Nicht zu beantworten, natürlich, wie bei fast jedem. Also nur noch eine Frage zur Eitelkeit, die Max Frisch in seinem berühmten Fragebogen gestellt hat: "Möchten Sie Ihre Frau sein?" Ja, sagt Michel Friedman augenblicklich, er ruft es fast in das Café hinein, "ja, ja, ja ..." Und würde sich wahrscheinlich wundern, was das denn bitte mit Eitelkeit zu tun haben soll.

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