Zeitung Heute : Microsoft: Gates US-Konzern, Babel und der zerquetschte Käfer

Kurt Sagatz

Für Microsoft ist die Zerschlagung des Konzerns nach dem Urteil im US-Kartellstreit noch lange nicht beschlossene Sache. Auf der internationalen Internet-Seite unter www.microsoft.com bringt es Bill Gates auf den Punkt: "Das ist der Beginn eines neuen Kapitels in dieser Rechtssache." So sicher also ist, dass das letzte Wort in der Auseinandersetzung zwischen den US-Bundesstaaten und dem Redmonder Software-Giganten noch nicht gesprochen ist, so sicher ist auch, dass das Urteil von Richter Thomas Penfield Jackson seit Mittwochabend das Top-Thema aller Internet-Magazine und Newsdienste im Web ist. Auf den Seiten des US-Mags Wired ( www.wired.com ) muss man schon ziemlich weit nach unten gehen, um Nachrichten jenseits von "U.S. v. Microsoft" zu finden.

Doch zumindest genauso interessant wie die Berichterstattung über das Gerichtsurteil sind die Reaktionen der Internet-Gemeinde. Und hier wird man unter anderem bei CNN fündig. "Wenn ich eine Idee und ein Geschäft hätte, das besser wäre als das von Microsoft, würde ich es dennoch nicht versuchen. Der Konzern würde mich zerquetschen wie einen Käfer", macht ein Netizen im eigens eingerichteten Diskussionsforum unter www.cnn.com seinem Unmut über die Geschäftspraktiken von Microsoft Luft. Und dann sind dort natürlich auch die Diskutanten, die schon immer wussten, dass Linux besser ist. Doch auch Kritisches zum Urteil wird von den Linux-Jüngern angemerkt. "Ich glaube nicht, dass die Zerschlagung eine gute Idee ist", so ein Freund des Microsoft-Konkurrenten, der weiter schreibt, dass "weder die Rechtmäßigkeit des Urteils noch der Grund für das Verfahren heute noch von Bedeutung sind".

Doch nicht nur auf den US-Servern ist die Diskussion um den Fortgang des Microsoft-Verfahrens voll entbrannt. Wer jedoch auf Seiten wie www.heise.de nun die pure Häme gegen Gates & Co vermutet, sieht sich getäuscht. Ganz im Gegenteil: In den deutschen Gruppen wird eher kritisch hinterfragt, ob das Urteil der vorherrschenden Situation auf dem Software-Markt gerecht wird. "Nur durch die Unterstützung der Software-Industrie (dieser faulen Säcke) konnte Microsoft so groß werden", heißt es dort unter anderem und: "Aber vielleicht sollte Bill Gates wirklich den Laden dicht machen. Alle Patente behalten, alle Rechte auch und die Lizenzen auslaufen lassen und nicht erneuern. Würd mich echt interessieren, was dann in der Wirtschaft los wäre. Babel in der IT-Landschaft wäre wohl nur der harmloseste Vergleich."

Freilich sind nicht alle Meinungsäußerung Microsoft so positiv gesonnen. "Heute steigt eine größere Party als Sylvester 2000", kommentiert ein anderer Web-Diskutant das Spaltungsurteil. Die Frage nach dem "Wo" bleibt allerdings unbeantwortet.

Dass Microsoft die Nutzer offensichtlich doch nicht mit vorgehaltener Waffe zum Kauf seiner Produkte überreden musste, zeigt sich im Internet-Forum des ZDF unter www.zdf.msnbc.de . Auch hier sind die Kritiker der Gerichtsentscheidung in der Mehrheit. "Ich sehe keinen Grund, nur wegen etwaiger Linux-Fanatiker und Resthippies einen Konzern aufzuspalten, der in Jahrzehnten so weit gekommen ist. Wenn man etwas gegen Kartelle oder große Konzerne hat, gibt es wesentlich lohnendere und sinnvollere Ziele."

Da wurde nun Jahr um Jahr gegen Microsoft und seine fehlerhaften Produkte gewettert, was die Tastatur hielt, und nun - nach dem Urteil - soll alles eitel Sonnenschein sein? Einer der Plätze für kritische Statements zum Software-Multi ist sicherlich das Forum des CCC (in den Newsgroups unter de.org.ccc). Doch selbst dort wurde der große Hammer am Tag nach der Entscheidung nicht ausgepackt: "Aus einem Monopol werden nun halt zwei gemacht", merkt ein Foren-Teilnehmer an und: "Ich denke, das hilft Microsoft sogar, weil die Handlungsfähigkeit der Unternehmen vergrößert wird. Der User ist am Ende der Dumme."

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