Zeitung Heute : Microsoft: Ruhestand für Karl Klammer

Peter Zschunke

Das verzweifelte Stöhnen beim Arbeiten mit Microsoft Word ist endlich erhört worden: Die Software zwingt ihren Anwendern nicht mehr den eigenen Willen auf. Diese eigentlich selbstverständliche Zurückhaltung gehört zu den wichtigsten Neuerungen von Office XP. Das Flaggschiff des Software-Marktführers ist am Donnerstag - wie berichtet - in den Handel gelangt. Doch was ist eigentlich neu am neuen Office-Paket?

Zum Beispiel die "Smart Tags", wie Microsoft die unauffälligen Direktmenüs nennt, die unter anderem immer dann in Erscheinung treten, wenn die Wünsche des Anwenders von der Software nicht eindeutig zu erkennen sind. So soll zwar nach einem Punkt meistens ein neuer Satz anfangen, der mit einem Großbuchstaben beginnt. Manchmal aber gibt es Gründe, dennoch klein weiter zu schreiben. Hier vermutet Word wie bisher ein Versehen des Anwenders und fügt nach den Regeln der "Autokorrektur" automatisch einen Großbuchstaben ein.

Neu ist, dass an dieser Stelle jetzt ein kleines Symbol auf dem Bildschirm eingefügt wird. Fährt man mit dem Mauszeiger darüber, wird die Möglichkeit angeboten, die Änderung in diesem Fall rückgängig zu machen. Wer dem Programm künftige Eigenmächtigkeiten dieser Art austreiben will, kann hier auch die Regeln für die Autokorrektur neu bestimmen. Bisher musste diese Funktion erst mühsam im Menü gesucht werden. Auch beim direkten Zugriff auf eigene Daten wie das automatische Einfügen von Adressen kommen Smart Tags zum Einsatz.

Damit führt Microsoft ein völlig neues Konzept der unaufdringlichen Unterstützung des Software-Anwenders ein. Das bisherige Verfahren, einem "Assistenten" wie Karl Klammer eine Frage zu stellen - und dann doch oft genug nicht die gewünschte Hilfe zu erhalten - ist damit in den meisten Fällen überflüssig geworden.

Für einen direkteren Zugriff auf häufig verwendete Dokumente sorgt in den verschiedenen Office-Anwendungen eine neue Leiste am rechten Bildschirmrand. Alternativ kann hier auch die jeweilige Formatierung oder der Inhalt der Zwischenablage übersichtlich dargestellt werden: Bis zu 24 Text- oder Grafikobjekte lassen sich von hier aus mit einem Mausklick in das gerade bearbeitete Dokument einfügen. Diese Multifunktionsleiste gibt es nicht nur in Word, sondern auch in den anderen Office-Anwendungen für die Tabellenkalkulation (Excel) und zur Erstellung von Web-Seiten (FrontPage), Präsentationen (PowerPoint) und Datenbanken (Access). Lediglich bei Outlook, der E-Mail-Software mit Terminverwaltung, wurde die gewohnte Oberfläche beibehalten.

Office XP ist einer der ersten Schritte der im vergangenen Jahr verkündeten Microsoft.NET-Strategie. Diese Neuausrichtung soll eine Plattform schaffen, die "Informationen jederzeit, überall und auf jedem beliebigen Gerät" bereitstellt. Sichtbar wird dies etwa in neuen Funktionen für die Teamarbeit an Dokumenten aller Art oder in der vor allem für Unternehmen interessanten SharePoint-Technik für die Einrichtung von Web-Portalen: Hier können Arbeitsgruppen ihre Dokumente, Mitteilungen, Diskussionsforen oder Terminkalender online organisieren.

Die .NET-Strategie (ausgesprochen: "Dot-Net") bedeutet mittelfristig auch eine Abkehr von den traditionellen Mammut-Formaten der Office-Dokumente und eine Hinwendung zu Internet-Standards. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Extensible Markup Language (XML) gelegt, die als universelles Format für den Transport von Dokumente dient. XML-Dokumente können sowohl für den PC-Bildschirm als auch für mobile drahtlose Geräte aufbereitet werden, darunter auch das Mobiltelefon.

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