Zeitung Heute : Microsoft und Linux: Keine Spur von friedlicher Koexistenz

Kurt Sagatz

Die vorherrschende Meinung von Analysten zum Thema Microsoft und Linux ist, dass sich der Redmonder Software-Konzern keine allzu großen Sorgen wegen des alternativen Betriebssystems machen muss. Zum einen sei das Thema seit drei Jahren bekannt, zum anderen habe Linux die hoch gesteckten Erwartungen bislang nicht eingelöst. Bei Microsoft scheint man diese Einstellung indes nicht zu teilen. Steve Ballmer nannte das Betriebssystem mit dem Pinguin-Logo zuletzt ein "Krebsgeschwür". Und auch ansonsten wiederholt Microsoft in regelmäßigen Abständen, dass jede Softare, die mit dem freien Lizenzmodell der Linux-Welt einmal in Berührung kam, für alle Zeiten verloren sei.

Entwickler an die Front

Das jüngste Kapitel zum Thema "feindliche Koexistenz" wird nun durch einen juristischen Schritt eingeleitet. Der Gates-Konzern untersagte Anfang der Woche den Entwicklern von mobilen Internet-Anwendungen, die mit dem "Mobile Internet Toolkit" von Microsoft hergestellt werden, "möglicherweise virenbehaftete Software" einzusetzen. Das klingt vernünftig, doch nur solange man nicht weiß, das die Redmonder damit jede Software meinen, die auf dem GPL-Lizenzmodell beruht. GPL steht für General Public Licence und umfasst auch große Bereiche der Linuxwelt, in der es üblich ist, auch Software-Weiterentwicklungen kostenlos weiterzugeben.

Für Daniel Riek, den Deutschland-Geschäftsführer der französischen Linux-Schmiede Alcove, sind die Ängste nicht unverständlich. Unternehmen wie Microsoft, aber auch IBM, leben schließlich von der Entwicklung und Weiterentwicklung von Programmen. Selbst innerhalb der Linux-Gemeinde findet der GPL-Gedanke nicht nur Freunde. Auch dort sei einigen Unternehmen daran gelegen, allein über die Entwickler-Patente zu verfügen.

Linux in den Bundestag?

Auch die Analysten-Meinung will Riek nicht unkommentiert stehen lassen. Linux könne für Microsoft durchaus zu einer Bedrohung werden. So habe gerade im Bundeswirtschaftsministerium eine Veranstaltung stattgefunden, auf Expertenebene, in der darüber informiert wurde, warum der Einsatz von Linux in Firmen und Behörden eine Alternative sein kann. Und die Argumente seien durchaus einleuchtend gewesen, wenn es darum geht, einseitige Abhängigkeiten von einem Programmanbieter zu verhindern und zugleich Kosten zu senken. Führen solche Überlegungen dazu, dass Linux anstelle von Windows zum Zuge kommt, hat dies erhebliche Konsequenzen für Microsoft, da es im Bereich des Bundes schnell um einige 10 000 Büroarbeitsplätze geht. Und nicht nur in den Büros, sondern auch im wichtigsten Exekutiv-Gremium der Bundesrepublik. Selbst im Bundestag wird über Linux diskutiert. Die 5000 Arbeitsplätze sollen ein neues Betriebssystem erhalten. Eine elfköpfige Abgeordneten-Kommission muss sich zwischen einer Linux-Variante des Erlangener Unternehmens Suse und Windows 2000 entscheiden.

In einer ersten Demonstration wurden inzwischen beide Systeme vorgestellt. Nun folgen ausführliche Praxistests. Im Herbst fällt dann die Entscheidung und man darf abwarten, welche Sticheleien bis dahin noch von Microsoft gegen Linux zu hören sein werden.

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