Zeitung Heute : Midtown Grill

Marshmallows am Spieß

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

MIDTOWN GRILL, Ebertstr. 3, Mitte, Tel. 22 000 64 10, geöffnet täglich, ab 11 Uhr. Foto: Anja Winkler

Noch kaum eröffnet, ist der Midtown Grill am Potsdamer Platz schon so eine Art Darling der Berliner. Julian, der Kellner, legt eine Karte mit seinem Namen auf den Tisch und erklärt, für den weiteren Verlauf des Abends für uns zuständig sein zu wollen: „Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag!“ Na, so wie es aussieht, wird er mindestens ein gutes Ende nehmen.

Die Einrichtung wirkt wie eine romantische Vermählung aus Nüchternheit und Bequemlichkeit, Tulpen entfalten sich auf den Tischen direkt aus ihren Zwiebeln heraus. Von der blitzsauberen offenen Küche herüber grüßen appetitlich gestapelte Austern, Hummer und Krebse. Die Schiefertafeln, auf denen die Speisen aufgezeichnet sind, erweisen sich als schwer und garantiert unklaubar, aber dafür ist das Speisenangebot unglaublich charmant. Es gibt tatsächlich Porterhouse Steak. Und Austern Rockefeller. Verschiedene Sorten gegrillten Fleischs in jeweils fünf Varianten zwischen rare und welldone. Eine wirklich patente Weinkarte, mit einer offenen (!) Oberbergener Bassgeige (6,50 Euro) und dem White Zinfandel von Mondavi (20 Euro die Flasche), der perfekt temperiert serviert wurde. Der Prosecco (3,50 Euro) ist eine realistische Alternative zu den ebenfalls angebotenen glamourösen, aber auch teureren Cocktails. Zum Aperitif gibt es frisches Olivenbrot mit verschiedenen Tapenaden aus etwas zu dick geratenen Reagenzgläschen, schwarz (Oliven), rot (Tomate-Chili) und grün (Pesto). Vorsicht: Knoblauch.

Sehr witzig ist der Martini Lobster Cocktail. Der spitz zulaufende Kelch eines Martiniglases steckt in einer gläsernen runden Blumenvase, in der Blätter herumschwimmen. In dem Martiniglas befinden sich Stücke von rosig frischem Hummer auf einer Avocado-Tomaten-Salsa. Gekrönt sind sie von Lachskaviar und Rogen des fliegenden Fisches, der aussieht wie leuchtend orangefarbene Brillantsplitter und am Gaumen nach einer entsprechend kratzigen Eingangssensation aufs Angenehmste schmilzt. Am Rand, gefächert, einige hauchdünne Auberginenchips (9 Euro).

Die New England Clam Chowder, eigentlich ein Klassiker, trägt ebenfalls eine Überraschung in sich. Der Teller ist viel tiefer, als er aussieht und fördert eine erstaunliche Menge Venusmuscheln aus der samtig-cremigen Suppe hervor (6,50 Euro).

Die Spezialitäten des Hauses tragen die Namen verführerischer Städte. San Francisco steht für superzartes, auf der Zunge zergehendes Kalbfleisch, für Kalbsbries obendrein mit Szechuan-Pfeffersauce und knackigen, im Wok gebratenen Scheiben von grünem Spargel und feuerfarbenem und feurig schmeckendem Wasserbrotwurzel-Kürbispüree. Da möchte man doch vor lauter Freude glatt singen „Let’s all go to San Francisco“! (18 Euro). Oder vielleicht doch lieber aufbrechen nach Casablanca, der Stadt, die zum Synonym für die wahrhaft romantische, ganz große Liebe steht. Hier steht Casablanca für ein großes, schon kurz vor der Zunge schmelzendes, appetitlich rosaorange gebratenes und mit marokkanischen Gewürzen apart in Szene gesetztes Lachsfilet auf nussigem Couscous, dazu eine mediterrane Gemüsemalerei (16 Euro).

Der Nachtisch wurde gleich in der Küche geteilt, so dass wir voneinander probieren konnten, ohne auf des anderen Teller herumzumatschen. Wirklich rücksichtsvoll. Das Mousse von der Passionsfrucht (5,50 Euro) mit den in Minze aromatisierten Erdbeeren war schon sehr gut. Aber der New York Cheesecake mit Brombeeren und anderen Früchten eine echte Offenbarung (6,50 Euro). Er erinnerte mich an meinen allerersten Cheesecake bei Lindy’s am Times Square, das damals als besonders kultig in Sachen Käsekuchen galt. Das war in den 80ern, als Ed Koch Bürgermeister war und dauernd fragte: „How am I doing?“ „Fantastisch“, möchte man hier sagen, wenn der Koch, der übrigens Ägypter ist und Tiramisu mit grünem Tee zubereitet, fragen würde. Zu diesem Zeitpunkt versteht man bereits völlig, warum der Midtown Grill so schnell von Berlinern in ganz alltäglichen Klamotten adoptiert worden ist. Man kann sich ungefähr vorstellen, was jetzt hier zur Berlinale los ist.

Und wenn man denkt, das war aber gut, kommt noch die Schlusspointe, über die sogar die netten Amerikaner am Nachbartisch lachen müssen. Julian bringt ein ambulantes Lagerfeuer, so eine Art dunkeleisernes Stövchen, aus dem ein paar Flammen herauslodern. Dazu ein Tablett mit Marshmallows, Holzspießen und einer Schüssel Schokoladenflocken. Damals, an meinem ersten Lagerfeuer, wo ich lernte die weißen Süßigkeiten zu rösten und in Schokolade zu tauchen, hat mir ein kleiner amerikanischer Freund beigebracht, dass die Dinger S’mores heißen, weil man immer „some more“, also noch ein paar mehr haben möchte. Und sowas in einem erwachsenen Restaurant! Das muss man ja einfach gern haben.

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