• Mietvertrag und Warteschleifen Schon die Gründung einer Büro-Gemeinschaft kann viel Stress verursachen. Ein Erfahrungsbericht

Zeitung Heute : Mietvertrag und Warteschleifen Schon die Gründung einer Büro-Gemeinschaft kann viel Stress verursachen. Ein Erfahrungsbericht

Alva Gehrmann

Es dauert immer länger als erwartet. Das ist eine Erfahrung, die wohl jeder Existenzgründer macht. Das Problem ist nicht unbedingt die Arbeit, es sind oft die Rahmenbedingungen: Sei es, dass die richtigen Büroräume auch nach zahllosen Besichtigungsterminen noch nicht gefunden sind, oder die Telefone nicht, wie vereinbart, freischaltet wurden. Wer den Schritt in die Selbstständigkeit geht, braucht Durchhaltevermögen und starke Nerven – selbst wenn es „nur“ darum geht, eine Büro-Gemeinschaft zu gründen, so wie wir das im vergangenen Jahr taten.

Zuerst muss die Idee stehen. In meinem Fall war das der Wunsch, mit zwei Journalistenkollegen gemeinsam zu arbeiten. Zu Dritt entwarfen wir unsere Strategie: Jeder wollte auf eigene Rechnung arbeiten, nur die Büroräume wollten wir uns teilen. Wenn sich Synergie-Effekte, also gemeinsame Aufträge ergeben würden, sollte das gut sein, musste aber erstmal nicht sein. Per Anzeige suchten wir drei weitere Medienschaffende und fanden sie ziemlich schnell.

Laptop, Drucker, Telefon- und Internetzugang, ein paar Auftraggeber und gute Ideen, mehr braucht ein Journalist eigentlich nicht. Also war auch kein Kredit nötig, wie das wahrscheinlich bei der Gründung einer Wäscherei nötig wäre. Doch schnell stellte sich heraus, dass es fast unmöglich ist, parallel zur Bürogründung noch zu arbeiten. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der für diesen Fall noch Geld gespart oder einen guten Dispokredit hat.

Allein die Bürosuche verschlang nämlich Wochen. Zunächst galt es, realistisch zu kalkulieren: Was können wir uns leisten? In welchem Bezirk soll das Büro sein? Und was brauchen wir? Großraum versus mehrere kleine Zimmer – und gute Verkehrsanbindungen. Die Termine mit Wohnungsbaugesellschaften und Maklern nahmen kein Ende, das Verwundern beim Abgleichen der Beschreibung in der Anzeige mit der Realität auch nicht.

Seltsam gesprenkelte Teller

Als wir dann endlich das richtige Büro gefunden hatten, überlegten wir als nächstes, wie die Büroräume eingerichtet werden konnten – und vor allem womit. Improvisieren war angesagt: Wir warfen zusammen, was im eigenen Keller oder bei der Familie noch übrig geblieben war. Der eine hatte ein paar Tische, der andere Stühle und eine Couch. Dazu noch ein paar alte Kaffeetassen, robuste Ikea-Gläser und seltsam gesprenkelte Teller von der Mutter. Für den Moment ging es darum, einfach anzufangen. Perfekt einrichten wollten wir uns später. Aber auch dieses Vorhaben verschlang viel mehr Geld, als wir einkalkuliert hatten.

Nach einer Woche saß jeder von uns an seinem Arbeitsplatz. Das neue Problem war, dass es kein Telefon und keinen Internetzugang gab. Schon zeigten sich zwei weitere wichtige Eigenschaften, die jeder Existenzgründer braucht: Gute Nerven und Humor. Wie sonst sollte man die Probleme mit der Kommunikationstechnik überstehen? Telefonanlagen sind kompliziert. Es vergingen weitere Tage. Wir hatten zwar ein Büro, konnten aber nur von zu Hause aus arbeiten. Wir schoben die Verantwortung für die Telefonanlage an eine Kollegin ab, die nun unsere Heldin im Technik-Dschungel ist.

„Nicht aufgeben. Tief durchatmen. Einfach weitermachen. Es wird schon.“ Das waren die Sätze, die wir uns immer wieder gegenseitig zuriefen. Ich bin für die Steuern und die Banküberweisungen zuständig. Da macht meine Lehre zur Steuerfachgehilfin langfristig doch noch Sinn. So hat jeder in unserer Bürogemeinschaft seine Stärken: Einer konzipiert den Untermietvertrag, ein anderer ist handwerklich begabt. Jeder berichtet den anderen von den Entwicklungen. Oder sie sind sichtbar, weil plötzlich im Flur das Licht funktioniert. Und immer noch gab es weitere Dinge zu regeln. Bei der Gasag und Bewag anmelden, Büroversicherungen abschließen. Und was ist eigentlich mit der privaten Altersvorsorge?

Stundenlange Diskussionen

Nachdem die ersten Wochen überstanden waren, galt es, ein besonders sensibles Thema anzugehen – die Regeln für den Alltag. Unsere Erfahrung: Es ist sinnvoll, rechtzeitig einiges zu klären, auch wenn man sich mag. Oder gar befreundet ist. Untermietverträge gehören dazu.

Kommunikation ist das aber Wichtigste. Jeden Kollegen informieren, klare Absprachen treffen und auch einhalten. Wer das befolgt, braucht keinen Chef. Und doch: Wer jemals in einer WG gelebt hat, entdeckt eines Tages, dass manche Besprechung durchaus an solche klassischen WG-Diskussionen erinnert. Etwa beim Thema Spülen. Brauchen wir eine Spülmaschine? Ist es sinnvoll, Spül-Listen einzuführen? Solche Themen können in stundenlanges Geplauder ausarten. Das kostet Zeit, die man eigentlich braucht, um das Geld für die Miete zu verdienen.

Mittlerweile geht es in erster Linie darum, zur eigentlichen Arbeit zu schreiten. Artikel schreiben, neue Ideen entwickeln und immer wieder die eigene Strategie überprüfen. Nach einigen Monaten hat sich der Alltag eingestellt. Das Geschirr ist immer noch kunterbunt zusammengemixt, irgendwer spült jetzt immer. Ein weiterer Kochtopf wäre noch toll. „Nein, wir wollen hier doch nicht einziehen“, ist unser Standardspruch. Und trotzdem verbringen wir im Büro mehr Zeit als zu Hause.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben