Migranten und Erinnerungspolitik : All die Jungs aus der Via Gluck

Mailand will den Ort eines der berühmtesten italienischen Schlager der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz stellen lassen. Ein Stück Migrationsgeschichte in der nationalen Erinnerungskultur. Deutschland hat da noch einige weiße Flecken.

Italienische Arbeitsmigranten auf dem Stuttgarter Bahnhof 1964
Italienische Arbeitsmigranten auf dem Stuttgarter Bahnhof 1964Foto: picture-alliance/dpa

"Dies ist die Geschichte von einem von uns.“ So beginnt einer der hartnäckigsten Ohrwürmer von Adriano Celentano, Italiens ewigem Schlagerkönig. Das Lied erzählt von einem namenlosen Jungen, „zufällig in der Via Gluck geboren“, in Mailands Industrie-Vorstadt. Es erzählt, im Plot einer Landflucht, auch eine typische Migrationsgeschichte. Vom sozialen Aufstieg in der Stadt, dem Heimweh. Und schließlich von der Enttäuschung, wenn man zurückkehrt: Der Junge aus der Via Gluck kann es sich nun leisten, sein Elternhaus zu kaufen, aber die Freunde von damals sind alle weg, der Ort nichts als ein Häusermeer, „nur Teer und Zement“.

Die Stadtverwaltung von Mailand will die Via Gluck am Nordrand der Stadt jetzt unter Denkmalschutz stellen lassen. Der fast fünfzig Jahre alte „Ragazzo della via Gluck“, den jeder Italiener mitsummen kann und der in den reiselustigen deutschen 60ern wie Celentanos andere Hits Sehnsuchtsschmerzen erzeugte, habe die Straße zu einem „für die Identitätsbildung“ wichtigen Ort und zum schützenswerten Kulturgut gemacht.

Tatsächlich hat der Weg Hunderttausender in die Städte in den vergangenen 60, 70 Jahren, vor allem vom armen agrarischen Süden – Kalabrien, Apulien, Sizilien – in die boomende Industrie im Norden, das Gesicht und die Identität Italiens tief verändert. Niederschlag fand dieser Epochenumbruch in Kino-Meisterwerken wie „Rocco und seine Brüder“, aber eben auch in der (populären) Musik.

Und in Deutschland? Ist das nicht anders. Aber Migration als Teil des nationalen Erbes, davon kann trotz jahrelangen Dauerredens über Integration noch keine Rede sein. Wenn, dann wird getrennt gefeiert. Das Kölner Migrationsarchiv Domid wunderte sich soeben, dass auch 40 Jahre nach dem bedeutenden Streik in den Kölner Ford-Werken – er ging als „Türkenstreik“ in die westdeutsche Erinnerung ein – das Jubiläum in diesem Herbst wieder im wesentlichen die Aktivisten von damals selbst begingen.

Ähnlich sortieren sich auch die deutschen Museen. In Deutschland gibt es etwa 5000 bis 7000 Stadt-, Heimat-, Industrie-, Naturkunde- und kulturhistorische Museen; sie seien, sagt eine Insiderin, die eigentlichen Orte, an denen „gesellschaftliche Identität“ gebildet werde. Doch anders als die großen Kunsttempel sind diese Museen praktisch migrantenfreie Zonen. Es gebe zwar, teils großartige, Ausstellungen zur Geschichte der Gastarbeiter, aber keine Einwanderer als Museumsdirektoren oder Kuratorinnen. Migranten seien Objekte, nicht Subjekte der Sammlungen: „Da, wo derzeit die Gegenwart für eine künftige Generation gesammelt wird, fehlt der Blick und die Expertise von Einwanderern. Die nächste Generation wird aber zu 50 Prozent aus deren Nachkommen bestehen.“ Die Museen täten sich zum Beispiel schwer mit einem Heimatbegriff, der sie mitmeine.

Womöglich ist das der Unterschied zu Italien: Die Migranten damals waren alles Landsleute. Was ihnen wenig nützte. "terroni“, Bauern, nannten sie die Nordlichter abschätzig. Der apulische Mitbürger war so wenig Mitbürger wie der türkische. Aber die Pflege eines gemeinsamen nationalen Erbes scheint das leichter zu machen. Später dann.

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