Migrationsforscher Oltmer : "Die Welt steht nicht vor der Tür"

Nach verbreiteter Wahrnehmung gibt es immer mehr Migranten. Doch im Weltmaßstab ist das keinesfalls so, sagt der Osnabrücker Migrationsforscher Jochen Oltmer. Und Armut, so der Wissenschaftler, verhindert eher den Aufbruch aus dem eigenen Land.

Versuch der Abschottung. In Ungarn bauen Armeeeinheiten derzeit einen Grenzzaun mit Natodraht an der Grenze zu Serbien, um Flüchtlinge abzuwehren.
Versuch der Abschottung. In Ungarn bauen Armeeeinheiten derzeit einen Grenzzaun mit Natodraht an der Grenze zu Serbien, um...Foto: Csaba Sefesvari/AFP

Es sind provokante Thesen, mit denen sich das Kinderhilfswerk „terre des hommes“ und die Welthungerhilfe mitten in der politischen Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen an die Öffentlichkeit wenden. Am Montag präsentierten beide Organisatonen ein Gutachten des Osnabrücker Migrationsforschers Jochen Oltmer. Er kommt zu dem Schluss, die positiven Wirkungen des Phänomens würden in unserer Wahrnehmung systematisch unterbelichtet – und zwar die in den Herkunfts- und in den Zielländern der Migranten.

Die Verengung des Blicks aufs eigene Land hält der Professor für falsch. Er fordert, sich Migration als Weltphänomen anzusehen. So glaubten viele, der Umfang der Migration aus dem „globalen Süden in den globalen Norden“ nehme zu. Tatsächlich blieben die meisten der weltweit 60 Millionen Migranten in ihren eigenen Großregionen. Zudem hätten die Vereinten Nationen (UN) für die Jahre 2000 bis 2005 nur 17,6 Millionen Migranten zwischen dem Süden und dem Norden gezählt und rechneten damit, dass deren Zahl in den nächsten Jahrzehnten weiter zurückgehe. „17 Millionen auf fünf Jahre im Weltmaßstab ist fast nichts“, meinte Oltmer: „Anders als wir glauben, steht die Welt nicht vor unserer Tür.“ Auch der Anteil von Afrikanern an der Migration nach Deutschland werde überschätzt. Der habe 2013 nur vier Prozent ausgemacht. Weil die Medien massiv über die Flucht übers Mittelmeer und den Ansturm auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika berichteten, entstehe ein falscher Eindruck.

Ursachen für den von den UN erwarteten Rückgang der Migrationszahlen sind laut Oltmer die Armut und eine sinkende Geburtenrate auch in den Herkunftsländern. Anders als viele glaubten, be- oder verhindere Armut den Aufbruch aus dem eigenen Land. Benötigt werde viel Geld für Grenzüberschreitungen, Passagen, Schlepper und die Ankunft im neuen Land. „Migration ist ein sehr teures Projekt“, meinte der Forscher. „Wenn Abwehr das Ziel ist, sollte man die Entwicklungspolitik einstellen“, spitzte Oltmer zu, der selbst die Abwehrmaßnahmen der EU sehr kritisch sieht. Als weiteren Grund für den Rückgang von Migration nannte der Forscher das Fehlen von Netzwerken, die überall in der Welt als Anlaufstellen für Neuankömmlinge dienten.

Die Auftraggeber der Studie teilen Oltmers Sicht. „Wir dürfen Migration nicht verhindern“, forderte Danuta Sacher von „terres des hommes“. Ulrich Post von der Welthungerhilfe sagte, die Bundesregierung habe kein Konzept für die Bekämpfung von Fluchtursachen. „Die Arbeit der Entwicklungszusammenarbeit wird überschätzt“, meinte er.

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