Zeitung Heute : Milch fürs Herz

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Das weiße Getränk ist besser als sein Ruf

Hartmut Wewetzer

Neulich überkam es mich. Ich lag auf meinem Sofa, las eine Zeitschrift und hatte plötzlich Appetit auf Milch. Auf diesen unverwechselbar „weißen“ Geschmack. Mild, voll und ein wenig süßlich. Aber, nur so nebenbei: Wie gesund ist dieser Genuss eigentlich?

Auf den ersten Blick eine überflüssige Frage. Wir alle haben von kleinauf gelernt, dass Milch uns ausgesprochen gut tut. Und unumstritten ist natürlich, dass es für Babys nichts Besseres als Muttermilch gibt, während Kinder für ihr Knochenwachstum Milch als Kalziumquelle brauchen. Schließlich enthält der weiße Saft noch weitere gesunde Inhaltsstoffe, zum Beispiel das ebenfalls für die Knochen wichtige Vitamin D und jede Menge Eiweiß. Für Erwachsene gilt, dass man seinen Kalziumbedarf natürlich auch anders stillen kann. Aber im Zweifelsfall sind Milch, Joghurt & Co. auch für große Menschen eine gesunde Sache – zum Beispiel, wenn es um die Vorbeugung von Osteoporose geht.

Trotzdem hat die Milch kein blütenweißes Image mehr. Das liegt neben allerlei Schadstoffmeldungen und einer inzwischen abgeflauten BSE-Panik in erster Linie am Fettgehalt. Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass Milchtrinken den Cholesterinspiegel im Blut steigen lässt. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise darauf, dass der Blutdruck bei Milchtrinkern niedriger ist. Milch erhöht also mit dem Blutfett Cholesterin einen Risikofaktor für Herzleiden, während es mit dem Blutdruck einen anderen senkt.

Entwarnung gab nun eine Langzeitstudie britischer Wissenschaftler um Andy Ness von der Universität Bristol. 20 Jahre lang verfolgten die Forscher das Schicksal von rund 700 Männern mittleren Alters. Am Ende stellten sie fest, dass die Milchtrinker unter ihnen kein höheres Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko als die Milchmuffel hatten. Ganz im Gegenteil! Es gab Hinweise darauf, dass diese Krankheiten bei starken Milchtrinkern seltener waren.

„Die verbreitete Ansicht, dass Milch der Gesundheit von Herz und Gefäßen eher abträglich sei, muss revidiert werden“, lautet das Fazit der Forscher. „Es sollte jede Anstrengung unternommen werden, der Milch ihren Platz in einer gesunden Ernährung wieder zu geben.“ Spätestens an dieser Stelle ist der Hinweis fällig, dass Ernährungsexperten empfehlen, der Vollmilch nach Möglichkeit fettarme oder fettfreie Milch vorzuziehen.

Natürlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die Milch wegen des Milchzuckergehalts nicht so gut vertragen. Aber die Laktose-Intoleranz ist eine zwar lästige, doch in den allermeisten Fällen harmlose Störung. Sie macht sich meist durch Verdauungsstörungen wie Völlegefühl, Blähungen oder Durchfall bemerkbar. Ernster als die Milchzucker-Unverträglichkeit ist eine „echte“ Milch-Allergie, wie sie bei Kleinkindern auftreten kann. Diese Kinder können unter Hautekzemen oder Asthma leiden. Aber in den meisten Fällen verliert sich die Störung bis zum Schulalter wieder – eine Milchallergie bei Erwachsenen ist selten. Auch mir ist mein Glas gut bekommen.

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