Milchstreik : Milch und Macht

Seine Ställe sind dieselben wie früher, wie die Kuhrasse darin. Aber es reicht längst nicht mehr, wenn Fred Schulze viel Milch produziert. Die Landwirtschaft ist zum Weltmarkt mit komplizierten Gesetzen geworden. Deutsche Milchbauern erfahren das derzeit – deshalb protestieren sie

Juliane Wedemeyer[Rädigke]
Milch
Ein Mann will aufstehen. Fred Schulze, Chef einer Agrargenossenschaft in Brandenburg, protestiert gegen die Milchpreise. -Foto: Thilo Rückeis

Ein kurzes und ein langes Streichholz. Das kurze für die Pflanzen, das lange für die Kühe. Fred Schulze zog das lange. So wurde er Milchbauer.

Jetzt, 18 Jahre später, steht Schulze im tiefer gelegten Gang seines Melkstandes. Neben ihm die Schläuche und Rohre der Melkmaschine. Über ihm, auf Brusthöhe, stehen 24 Kühe, auf jeder Seite 12. So müssen sich die Melker nicht bücken, um die Euter zu erreichen. Die Wände sind gekachelt, weil ständig etwas spritzt, Milch, der Kot und Urin der Tiere. Schulze, ein schlanker Mann in kariertem Hemd und schwarzen Jeans, ist einer von rund 650 Milchbauern in Brandenburg, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft „Hoher Fläming“ im brandenburgischen Rädigke, rund 70 Kilometer südwestlich von Berlin. Schulze ist zuständig für die Tierproduktion. Er war es gern, bisher.

Nun fürchtet er um seine Zukunft und ein Streichholz wird kaum ausreichen, um die Dinge zu regeln. Die Milchpreise fallen. Die Branche raunt, der Verkaufspreis für einen Liter werde demnächst auf unter 30 Cent sinken. Denn die großen Lebensmitteldiscounter Aldi, Lidl und Rewe haben im März den Preis für die Milch um 12 Cent gesenkt. Der Liter im Tetrapack kostet dort nur noch 61 Cent.

Schulze fürchtet, dass die Molkereien die Preissenkung an ihre Lieferanten weitergeben werden. Dass die Bauern draufzahlen. Dass sie Milch für einen Preis verkaufen sollen, der nicht einmal ihre Herstellungskosten deckt. „Das halten wir höchstens ein halbes Jahr aus, dann sind wir tot“, sagt Schulze. Er hat das Gefühl, er habe keine andere Wahl mehr. Das Gefühl, er müsse ein Zeichen setzen. Ein Streik, alle 100 000 deutschen Milchbauern auf einmal – das wäre eine Möglichkeit. Aber er denkt noch an etwas anderes. Milch wegschütten. Es wäre ein Frevel, andernorts auf der Welt leiden Menschen Hunger und Durst. Aber Schulze will den Aufstand. Und er ist nicht allein.

Seit Mitte vergangener Woche streiken Milchbauern in Rheinland Pfalz, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern und seit dem Wochenende in Brandenburg. Sie liefern weniger Milch an die Molkereien. Der Milchindustrie-Verband spricht von einem Drittel weniger. Die Bauern sagen, es seien zwei Drittel. Sie blockieren Werkstore, so dass keine Milch angeliefert und ausgefahren werden kann. Und an diesem Montag wollen Schulze und die anderen brandenburgischen Milchbauern entscheiden, ob sie die Kühlregale der Supermärkte leerkaufen und ob sie ihre Milch einfach wegkippen sollen. Ausgerechnet Schulze, der gerne Sätze sagt wie: „Wir müssen die Arschbacken zusammenkneifen und durch.“ Er fragt sich, ob sich alles gelohnt hat. Auf seinem Betrieb lasten zwei Millionen Euro Schulden, er hatte in die Zukunft investiert.

Damals, als das Streichholz entschied, dass Schulze Milchbauer wird, stand der frühere DDR-Betrieb schon einmal vor dem Aus. Nach der Wende hatten die Chefs die LPG Rädigke verlassen. Von den 450 Mitarbeitern waren nur ein paar wenige geblieben, die Land besaßen. Darunter Fred Schulze und Gerald Herzog, Freunde seit Schulzeiten. Beider Großeltern waren Bauern im Hohen Fläming, ihre Eltern hatten in den 60er Jahren Tiere und das Land der LPG übergeben und als Genossenschaftsmitarbeiter auf ihren alten Feldern gearbeitet. 1992 machten die Genossenschaftler aus den LPG-Resten das neue Unternehmen. Herzog und Schulze wurden Chefs, sie hatten gerade ihr Agraringenieursstudium beendet. Studienschwerpunkt: Pflanzenproduktion. Sie hatten 450 Kühe, aber von Tieren keine Ahnung. Schulze hielt Herzog zwei Streichhölzer hin. Seither kümmert Herzog sich um den Feldbau. Schulze ging erst einmal eine Woche in den Kuhstall, melken lernen.

Auf den ersten Blick scheint es, als habe sich wenig geändert. Gut, Schulzes dichtes, dunkelblondes Haar ist an den ersten Stellen ergraut, er ist jetzt 48. Doch die Ställe sind noch dieselben wie zu LPG-Zeiten, fünf lange Baracken mit spitzem Dach. Sie stehen auf einem der sanften sattgrünen Hügel, die typisch sind für die Landschaft des Hohen Fläming. Und die Kühe im Stall: „Schwarzbuntes Milchrind“, kurz SMR, alte DDR-Rasse. Doch längst steht in der kleinen Kammer neben dem Melkstand ein Computer, auf dem Schulze jede Kuh anklicken kann. Er hat eine Biogasanlage gekauft, in der Rindermist zu Strom gemacht wird und einen Melkstand, die Raten zahlt er noch ab.

„Hier“, sagt Schulze und zeigt auf den Computerbildschirm, „Nummer 68, das ist unsere Superkuh.“ Rund vier Millionen Liter Milch geben Schulzes Kühe jedes Jahr, etwa 10 000 Liter pro Kuh. Nummer 68 gibt manchmal 12 000 Liter. Darum ist sie die einzige Kuh, die neben ihrer Nummer einen Namen hat, Juliane. In ihrem neunjährigen Milchkuhleben sind schon 95 000 Liter Milch aus ihrem Euter geflossen. „Die 100 000 soll sie noch voll machen“, sagt Schulze. Dann endet sie wie jede Milchkuh. Sie wird geschlachtet.

In Schulzes vollstem Stall stehen 100 Tiere. Sie recken ihre Köpfe durch Eisenabsperrungen um das Futter zu erreichen. Zwischen ihnen ist eine Kuhbreite Platz, genug, würden die Kühe nicht immer größer. Es sei langsam Zeit, neue, größere Ställe zu bauen, sagt Schulze. Er kann sich keinen neuen Kredit leisten, aber er will nicht jammern deswegen.

Drei Mal täglich melken Schulzes Mitarbeiter in Zweierschichten 403 der 450 Kühe: um 4 Uhr 15, 12 Uhr 15, 20 Uhr. Vier Stunden, dann sind alle Euter leer. 24 Kühe passen auf einmal in den Melkstand. Im Zehnminutentakt stülpen Schulzes Mitarbeiter die Saugnäpfe der Melkmaschine über die Zitzen. Rund 7,50 Euro zahlt Schulze. „Mindeslohnniveau“, sagt er. Er würde gern mehr zahlen, sagt er. Sei aber nicht drin.

Im Melkstand platscht Milch auf die roten Bodenfliesen. Ein Rohr, das die Milch von Kuh Nummer 765 in den Tank leiten soll, ist nicht richtig an die Melkmaschine angeschlossen. Die junge Melkerin zieht schnell einen Hebel. Das Rohr sitzt wieder fest. Aber ein Teil der Milch ist in der Rinne im Stallboden verschwunden. Ausgerechnet jetzt, wo der Chef da ist. „Die fließt direkt in unsere Biogasanlage“, sagt der nur. „Bei ’nem Boykott würden wir die ganze Milch da reinkippen.“ Die Kühe könnten ja nicht mit vollem Euter im Stall stehen bleiben.

Schulze weiß noch nicht, ob er es fertigbringt, seine Milch wegzuschütten. Vielleicht werden er und die Brandenburger Kollegen die Kühlregale der Supermärkte leerkaufen und die Milch an Lebensmittel-Tafeln und Suppenküchen verschenken. „Wenn es bei Aldi keine Milch mehr gibt, dann merken die Menschen, dass sie uns brauchen“, sagt Schulze. Er ist bereit, es hängt jetzt von den anderen ab. Vergangene Woche hat es schon einmal geklappt mit dem gemeinsamen Protest. Schulze stand vor dem Tor der Müllermilch-Molkerei im sächsischen Leppersdorf. Zwischen 1000 ostdeutschen Milchbauern mit Kuhglocken, Trillerpfeifen und Plakaten. Gut ein Drittel aller brandenburgischen Milchbauern liefert seine Milch an diesen Betrieb. Auch Schulze.

Jetzt hat er Angst vor dem Aus. Die Milchpreise steigen und die Energie und Futtermittel werden seit einigen Monaten immer teurer. Schulze pflanzt deshalb seit diesem Jahr den Futtermais selbst an, Raps sowieso. Er hat eine Rapspresse gekauft. Das Schrot ist für die Kühe und aus dem Öl gewinnt er Biodiesel. Alle seine Traktoren und Mähdrescher fahren nun damit. Das Sojaschrot, das die Kühe für die Eiweißzufuhr brauchen, muss Schulze kaufen: Eine Tonne fressen seine Tiere jeden Tag, macht 350 Euro. Vergangenes Jahr hat Schulze dieselbe Menge für 190 Euro bekommen. Jetzt, sagt er, kann er nicht mehr genügend Dünger und Pflanzenschutzmittel kaufen. „Dadurch wird das Futter schlechter und die Kühe geben weniger Milch – das ist ein Teufelskreis.“

Deshalb will Schulze den Aufstand. Gegen die, von denen er meint, dass sie seine Existenz bedrohen: die großen Supermärkte und die Molkereien. Schulze hängt sehr von ihnen ab. Der Milchverkauf macht mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes der Rädigker Genossenschaft aus, rund 1,3 Millionen Euro. Zurzeit zahlt Müllermilch 33 Cent für den Liter.

Schon das sei zu wenig, sagt Matthias Schannwell, der Milchreferent beim Landesbauernverband. Viele Landwirte bekämen aber noch weniger als Schulze, 28 Cent pro Liter. Sie müssten aber mindestens 35 Cent ausgeben, um einen Liter Milch zu produzieren. Der Bauernverband wirft dem Milch-Unternehmen vor, schuld an der Preissenkung im März zu sein. Müllermilch habe Aldi ein Billigangebot für H-Milch gemacht, das 15 Cent unter den Vorjahresabschlüssen lag. „Ohne Not“, sagt Schannwell. Die anderen Molkereien hätten nachziehen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Müllermilch verkaufe nicht einmal zehn Prozent der Milch, die am deutschen Markt gehandelt wird, sagt der Unternehmens-Sprecher am Telefon. Müllermilch habe gar nicht die Marktmacht, um Preise nach unten zu dirigieren. Überhaupt zahle die sächsische Molkerei den Durchschnittspreis, der im Osten für einen Liter Milch gezahlt werde. Und der werde nun einmal durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Das Angebot sei derzeit eben größer als die Nachfrage.

Dass Große der Branche behaupten, keine Marktmacht zu haben, halten Kritiker für absurd. Dass ein Bauer in Brandenburg von Angebot und Nachfrage abhängt und immer stärker auch von der Lage auf dem Weltmarkt, ist unstrittig. Die EU zieht sich aus der Förderung der Landwirtschaft zurück. Und die Landwirtschaft ist globalisiert. Schulze konkurriert jetzt auch mit Milchbauern in Frankreich oder Neuseeland. Spekulanten investieren. Der Markt gehorcht auch ihren Gesetzen, was zur Folge hat, dass die Preise viel schneller steigen und sinken als früher.

Das macht es schwer zu planen, aber es ist nicht nur zum Nachteil deutscher Bauern. Im vergangenen Jahr war die Globalisierung plötzlich nicht mehr Feind, sondern ihr Verbündeter. Die Preise schossen in die Höhe. Im Frühjahr konnten die Bauern ihre Milch teils für 48 Cent an die Molkereien verkaufen. Sie machten Gewinn. Den Zusammenhang erklären die Experten der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle der Bauern- und Verbraucherverbände wie folgt:

Mit dem ständig wachsenden Wohlstand in Asien wurde dort die Nachfrage nach Milch höher. Zudem gab es in Neuseeland und Australien Dürren, beide Länder – jeweils große Milchexporteure – hatten weniger Ware für den Weltmarkt. Der Engpass trieb den Preis hoch. Die deutschen Molkereien versuchten, ihre Produkte dort zu verkaufen, es gab weniger Milch für den heimischen Markt. Die Molkereien konnten den Lebensmittelhändlern den Preis diktieren.

Inzwischen produzieren Indien und China selbst mehr Milch. Frankreich, Italien und die USA ziehen nach. Die deutschen Milchbauern haben 2007 wegen des guten Preises versucht, Mengen zu erhöhen. Haben Futter umgestellt. Kaum jemand hat noch Kühe verkauft. Tiere, die reif für den Schlachthof waren, mussten weiter an die Melkmaschine. Bei Schulze standen mehr im Stall als zuvor. 250 000 Liter Milch hat er so extra produziert. Das scheint nachvollziehbar, aber die Folgen treffen auch ihn.

Die deutschen Milchbauern haben die staatlich vorgeschriebene Milchquote um rund 300 000 Tonnen überzogen. Bei diesem Überangebot helfe auch der Weltmarkt nicht weiter, sagt Schannwell vom Landesbauernverband. Dort würden nur sieben Prozent der weltweiten Milchproduktion gehandelt. Die deutschen Milchbauern haben dort 2006 vergleichsweise wenig Milch, Käse, Butter, Sahne und Milchpulver verkauft. Nur ein kleiner Teil der 28,5 Millionen Tonnen Milch, die deutsche Kühe jedes Jahr geben, verlässt überhaupt die EU. Milch sei zu verderblich, sagt Schannwell. „Man kann sie für den Transport ja nicht einfrieren.“ Also wird sie in Pulver umgewandelt. Und das ist teuer.

Schulze hat schon überlegt, teurere Biomilch herzustellen. Aber Biokühe fressen Biofutter. Aber die brandenburgischen Böden seien zu sandig für Biofutter. Also müsste er welches kaufen. „Dadurch wären wir ja schon kaputt, bevor wir die erste Biomilch überhaupt verkaufen können“, sagt Schulze. Aber er hat auch Zweifel, ob sich Biokühe rechnen würden. Biokühe heißt höhere Preise. Aber die Menschen wollen eher Milch, die billig ist.

Der Lieferboykott und die Proteste zeigen Wirkung. Die Milch wird knapp. Die Molkereien haben sich am Wochenende zu einem Treffen mit den Milchbauern verabredet. Aber das heißt noch nichts. Sollte Müllermilch die Preise trotz Protesten und Streiks senken, sieht Schulze nur eine Möglichkeit: Verdrängen und abwarten, bis die ersten Betriebe pleitegehen und es wieder weniger Milch gibt. „Und hoffen, dass man selbst überlebt.“

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