Milchstreit : Kuhhandel

Was den Verbraucher freut, bringt die Bauern auf die Barrikaden – die Milch ist so billig wie lange nicht mehr. Wer bestimmt die Höhe des Preises?

Dagmar Dehmer Maren Peters

Die Anzeigen lesen sich exakt gleich: Der Liter Vollmilch kostet 61 Cent, egal ob bei Lidl oder Edeka. Kondensmilch mit 7,5 Prozent Fett kostet derzeit 45 Cent, und Schlagsahne 39 Cent. Nach Angaben von Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV) verkaufen die vier größten deutschen Einzelhändler – Aldi, Lidl, Rewe und Edeka – zusammen mehr als 90 Prozent der Trinkmilch. Wegen dieser Marktmacht könnten die Händler die Molkereien „regelrecht erpressen“. Nach Meinung des Bauernverbands sind die jüngsten Preissenkungen nicht durch die Angebots- und Nachfragesituation auf dem Markt begründet, sondern allein durch die „extreme Marktmacht der Einkaufszentralen der wenigen Handelsketten“. Der Bauernverband hat inzwischen das Bundeskartellamt um Prüfung der in der Höhe identischen Preissenkungen um zwölf auf 61 Cent für den Liter Vollmilch gebeten. Der Einzelhandelsverband wies den Kartellverdacht am Donnerstag erneut zurück.

Allerdings hat der Milchindustrie-Verband erklärt, dass auch die Bauern selbst durch Überschreitung der von der EU festgesetzten Milchquote mit dazu beitragen hätten, dass das Angebot deutlich gestiegen ist. Für das Wirtschaftsjahr 2007/2008 rechnet die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) mit einer Übermenge von 300 000 Litern. Wegen der hohen Preise hatten die Bauern noch im Herbst damit gerechnet, dass sie sich Strafzahlungen für die Quotenüberschreitung leisten könnten – und haben einen kleinen Milchsee produziert.

Statt in eine Mengendiskussion einzusteigen, plädiert DBV-Generalsekretär Born für eine stärkere Konzentration bei den überwiegend genossenschaftlich organisierten Molkereien. Sie sollten sich durch Fusionen zu „vier bis fünf großen Molkereiunternehmen zusammenschließen“. Das werde sie in die Lage versetzen, bei den nächsten Preisrunden „auf gleicher Augenhöhe“ mit Aldi, Lidl & Co verhandeln zu können, sagte Born.

Von einem Lieferboykott, zu dem der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ab Mitte Mai aufgerufen hat, hält der Bauernverband nichts. „Die Milch würde trotzdem fließen“, sagte Born mit Blick auf die europäischen Nachbarländer, „nur aus anderer Richtung.“ Einen bundesweiten Lieferboykott der Milchbauern gab es noch nie. Der DBV-Generalsekretär rechnet aber damit, dass die Milchpreise bald wieder anziehen könnten. „Ich habe den Eindruck, dass der eine oder andere große Einzelhändler überlegt, wie er die Situation ändern kann“, sagte er, ohne konkreter zu werden.

Christian Henning, Professor für Agrarpolitik an der Universität Kiel, sagt, der rasante Anstieg der Milchpreise im vergangenen Herbst sei „das erste Mal seit Jahrzehnten“ eine Überraschung gewesen. Denn der europäische Milchpreis ist gleich vierfach abgesichert und liegt deutlich über dem Weltmarktpreis. Der Preis habe sich immer „entlang des Interventionspreises bewegt“, sagt Henning. Der Interventionspreis gilt für Butter (zurzeit etwa 2,50 Euro pro Kilo) und Magermilchpulver (zurzeit etwa 1,80 Euro pro Kilo). Der Interventionspreis legt die Grenze fest, unter die in der EU der Milchpreis nicht sinken darf. Landet er darunter, muss der Staat so lange Überschüsse aufkaufen und lagern, bis der Preis wieder die Interventionsmarke übersteigt. Das ist die erste Sicherung. Die zweite sind flexible Zölle. Sinkt der Preis unter eine bestimmte Marge, werden die Einfuhrzölle erhöht, um Milch aus Neuseeland aus dem Markt zu halten. Doch diese zwei Instrumente haben Anfang der achtziger Jahre dazu geführt, dass die EU in Milchseen versunken ist. Deshalb wurde die Milchquote eingeführt, eine Mengenbeschränkung von knapp 140 Millionen Liter im Jahr in der gesamten EU. Die vierte Sicherung sind Exportsubventionen, mit deren Hilfe die Interventionsbestände künstlich unter den Weltmarktpreis gedrückt wurden. Diese spielen nach Hennings Auskunft aber keine Rolle mehr.

Dass die Preise im vergangenen Jahr drastisch gestiegen sind, hat nach Hennings Meinung einen realen Kern. Die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist durch den Wirtschaftsaufschwung in Indien und China gestiegen. „Auf einmal reagiert der Markt“, sagt er. Zum ersten Mal konnten die Molkereien dem Handel die Preise diktieren. Doch das normalisiere sich jetzt wieder. Der Preisschub sei nichts anderes als eine Blase gewesen. Allerdings werde das Milchpreisniveau höher bleiben. Henning schätzt, dass der Preis für die Bauern im Schnitt 2008 bei etwa 30 Cent liegen wird. Um kostendeckend zu produzieren, rechnet die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft vor, müssten es 30 bis 35 Cent sein. Seit Anfang der 80er Jahre hätten deshalb rund 60 Prozent der Milchviehhalter ihre Betriebe aufgegeben. Die frei gewordenen Milchmengen haben danach jedoch andere Bauern übernommen.

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