Zeitung Heute : Militärische Entwicklungen für zivile Fahrer

MATTHIAS PFANNMÜLLER

Identische Bodengruppen, Komponenten und Motoren: Die Automobilindustrie rationiert wie nie zuvor.Damit es dem Verbraucher angesichts der steigenden Anzahl von Gleichteilen trotzdem nicht langweilig wird, bedienen sich die Hersteller einiger Tricks, zum Beispiel dem Einsatz außergewöhnlichen Karosseriedesigns.VW New Beetle und Audi TT basieren zwar beide auf der gleichen Konzern-Plattform, sprechen aber völlig unterschiedliche Käufergruppen an.Individualität ist Trumpf, und wo man Einheitstechnik nicht sehen kann, stört sie auch nicht.

Andere Marken buhlen mit pfiffigen Details um die Gunst der Kunden: Den Mercedes SLK mit seinem faltbaren Hardtop gibt es zwar schon seit zweieinhalb Jahren, doch sein faszinierend konstruiertes und kompaktes Vario-Dach vom Verdeckspezialisten Karmann besticht noch immer.Das das faltbare Hardtop verschwindet auf Knopfdruck unter dem Kofferraumdeckel.Zwar ist das Prinzip nicht neu (Peugeot Eclipse, Ford Fairlane), wurde aber technisch noch nie so perfekt umgesetzt.Variabilität und Alltagstauglichkeit des Cabrio-Coupés haben unter anderen Opel und Peugeot dazu bewogen, in den nächsten Jahren eigene Modelle mit ähnlichem Mechanismus auf den Markt zu bringen.

Neben bestechender Optik und Funktionalität sorgt vor allem der Einsatz innovativer Elektronik für Abwechslung.Infotainment lautet das Zauberwort, denn der Autofahrer will nicht nur auf dem Laufenden bleiben, sondern auch unterhalten werden, zum Beispiel im Stau.Sprechende Navigationssysteme mit integriertem Fernseher, vor zehn Jahren noch als Science-fiction abgetan, sind mittlerweile Realität.Neu sind dynamische Navigationssysteme (z.B.Mercedes S-Klasse), die ihre Daten nicht nur von einer CD-Rom, sondern auch via Satellit beziehen und so den Weg um den Stau weisen können.Frisch in Serie geht auch die von Zulieferer Visteon entwickelte Sprachsteuerung für Stereo-, Klima- und Telefonanlage des ab April erhältlichen Jaguar S-Type.Prognose: Andere Hersteller werden folgen.Auch der Autoschlüssel hat ausgesorgt: Schon bald will Visteon ein Auto präsentieren, das seinen Fahrer anhand einer Chipkarte erkennt und nur ihm die Türen öffnet.Bei Mercedes heißt das Keyless Go und wird ab Sommer in der S-Klasse angeboten.

Das ist nicht spektakulär genug? In der aktuellen Chevrolet Corvette können Informationen wie Tachostand, Öl- oder Tankanzeige von der Frontscheibe abgelesen werden.Das Head-Up-Display ist eine Militärentwicklung und klingt im Auto zunächst nach Spielerei, bietet aber handfeste Vorteile: Der Fahrer muß seine Augen zum Lesen der Instrumente nicht von der Straße abwenden.Cadillac geht noch einen Schritt weiter und bringt Licht ins Dunkel: Im neuen De Ville, der ab nächstem Jahr in Amerika angeboten wird, kommt ein Nachtsichtgerät vom Lieferanten Raytheon zum Einsatz, das die Fahrbahn mit Infrarot-Sensoren abtastet.Wärmeabstrahlende Gegenstände und Lebewesen werden erkannt, die Information in elektromagnetische Impulse umgewandelt und als Bild unten in die Windschutzscheibe eingespiegelt.Hindernisse auf nebeligen und dunklen Straßen werden wesentlich früher wahrgenommen, der Fahrer kann schneller reagieren.

Andere Weiterentwicklungen im Automobilbau sind unsichtbar.Audi hat zusammen mit dem Glasspezialisten Sekurit eine drahtfreie Frontscheibe entwickelt, die durch Beheizung einer zwischen den Verbundglasschichten befindlichen Folie enttaut und getrocknet wird.In den Modellen A6 und A8 ist darüberhinaus ein gemeinsam mit Webasto ausgetüfteltes Solar-Glasschiebedach erhältlich, das die Klimaautomatik bei starker Sonneneinstrahlung auch bei abgestelltem Fahrzeug mit Strom versorgt.So kann die Lüftung angetrieben und die Innenraumtemperatur um bis zu 20 Grad reduziert werden.Hitzeschocks beim Einsteigen gehören damit der Vergangenheit an.

Viele weitere Detailverbesserungen wirken im Verborgenen.In Motorenbau hat Common Rail seit dem Debut im Alfa 156 vor knapp zwei Jahren die Dieseltechnik revolutioniert.Die Selbstzünder mit der von Fiat, Daimler-Benz und Bosch gemeinsam entwickelten, vollelektronisch gesteuerten Direkteinspritzung zeichnen sich durch weniger Verbrauch und Abgase sowie mehr Leistung und früher verfügbares Drehmoment aus.Andere Hersteller haben die aufwendige Technologie mittlerweile als beste Lösung anerkannt: Auch Peugeot hat sie jetzt im Programm, und Renault wird in Kürze nachziehen.

Fortschritte macht auch die Entwicklung alternativer Antriebsquellen.Umweltfreundliche Bifuel-Erdgas-Autos, die sowohl Benzin als auch Gas tanken können, fahren schon seit Jahren über unsere Straßen.Besonders populär sind sie in Argentinien und Italien, wo sie hunderttausendfach zum Einsatz kommen: Über 80 Prozent reduzierte Emissionen und deutlich geringere Unterhaltskosten sprechen für sich.Trotzdem haben diese Fahrzeuge noch immer mit Problemen zu kämpfen: Sie gelten fälschlicherweise als gefährlich, sind zu teuer zu wenig alltagstauglich.Die Hauptnachteile - eingeschränkte Platzverhältnisse und Reichweite - hat Honda mit seinem ausschließlich erdgasbetriebenen Civic GX nun relativiert.Ein aus Verbundmaterial gefertigter Drucktank ist platzsparend untergebracht, und mit einer Füllung fährt das Modell bis zu 460 Kilometer weit.Der Viertürer soll im Juni nach Europa kommen.

Der Einsatz neuer Verfahren macht auch vor der Sicherheitstechnik nicht halt: Bei Saab hat sie traditionell einen hohen Stellenwert, und die schwedische Marke entwickelte für ihr 1997 eingeführtes Topmodell 9-5 die aktive Kopfstütze.Sie wird bei Auffahrunfällen durch eine in die Lehne integrierte Mechanik nach vorne geschoben, kann so den Kopf früher abfangen und schwere Halswirbelverletzungen vermeiden.Nissan und Volvo bieten seit kurzem ähnliche Systeme an; bei Opel kommt die aktive Kopfstütze im Herbst auf den Markt.

Parallel nimmt die Anzahl der Airbags zu.Zwei Luftsäcke vorne sind heute Standard, und Seitenairbags werden es auch bald sein.Zur Zeit noch teuren Modellen vorbehalten ist der Kopfairbag, mit dem BMW seine Modelle unter dem Kürzel ITS (Inflatable Tubular Structure) serienmäßig ausrüstet.Er wurde in Zusammenarbeit mit Petri verwirklicht.Volvo und Autoliv haben den "Inflatable curtain" entwickelt, der nun im S80 angeboten wird.Das Wirkungsprinzip beider Systeme ist nahezu identisch: Im Falle eines Seitenaufpralls sorgen Sensoren für die Auslösung der Airbags, die von der vorderen bis zur hinteren Dachsäule reichen und sich schützend zwischen Passagiere und Karosserie spannen.Auch Audi und Mercedes haben den Kopfairbag für einige Modellreihen ins Programm aufgenommen, Ford will bald folgen.

Auch in punkto Airbag-Zündung tut sich was: Visteon hat kürzlich den smarten Airbag zur Serienreife gebracht.Er füllt sich entweder ganz oder nur teilweise mit Luft, je nach Schwere des Unfalls, der Statur des Fahrers, dessen Sitzposition und der Gurtnutzung.Noch während der Kollision errechnet der Computer dazu die relevanten Daten.Die neue Airbag-Generation soll noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen.

In die Kategorie "Präventive Sicherheitssysteme" fällt die Distronic von Mercedes, die von der DaimlerChrysler-Tochter Temic erdacht wurde.Sie besteht aus einem Radarsensor, dessen Daten ausgewertet und an den Bordcomputer weitergegeben werden.Bei eingeschalteter Geschwindigkeitsregelung kann man den gewünschten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einstellen.Dann beschleunigt der Wagen nicht nur selbständig, sondern bremst bei Bedarf auch automatisch ab.Doch die Distronic verbessert nicht nur die Sicherheit, sie ist auch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum vollautomatischen Autofahren.

Telemetrie wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, um das steigende Verkehrsaufkommen besser koordinieren zu können: Becker, Bosch und Mannesmann entwickeln derzeit entsprechende Leitsysteme.Dagegen ist es heute bereits möglich, Fahrzeuge per Satellitenortung aufzuspüren.Problem: der Datenschutz.

Doch auch andere Fahrzeug-Systeme werden kontinuierlich verbessert: Webasto arbeitet an CO2-Klimaanlagen, die noch umweltfreundlicher kühlen.Der Getriebespezialist ZF Friedrichshafen arbeitet an einem stufenlosen CTV-Getriebe mit variabler Übersetzung.Hella erprobt die intelligente Frontbeleuchtung: Per GPS-Daten "erkennt" sie die Umgebung, zum Beispiel die nächste Kurve, und beleuchtet sie entsprechend.Mit Spannung erwartet wird auch die Brennstoffzelle, an der die Unternehmen Ballard Power Systems, DaimlerChrysler, Ford und GM arbeiten, und die laut Opel spätestens in fünf Jahren in Serie gehen soll.Unterdessen erforscht Chrysler zusammen mit der Syntroleum Corporation einen synthetischen Treibstoff, der aus der Verflüssigung von Erdgas entsteht und schon bald in Fahrzeugen heutiger Bauart zum Einsatz kommen könnte.

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