• Millionen Urlauber, nur wenige echte "Kariben": Die indianischen Ureinwohner der Inselgruppe leben abseits von Touristenpfaden

Zeitung Heute : Millionen Urlauber, nur wenige echte "Kariben": Die indianischen Ureinwohner der Inselgruppe leben abseits von Touristenpfaden

Michael Würfel

Fast eine Million Urlauber aus Deutschland reisen dieses Jahr in die Karibik. Einen echten Kariben wird jedoch kaum einer von ihnen zu sehen bekommen. Die letzten der weniger als 5000 verbliebenen indianischen Ureinwohner, deren Vorfahren schon vor gut 3000 Jahren den Inselbogen von Südamerika aus mit ihren Booten ansteuerten, leben abseits der touristischen Trampelpfade. "Wir freuen uns über Touristen, wenn diese unsere Sitten respektieren", sagt der soeben neu gewählte Chief der Caribs auf der Kleinen Antillen-Insel Dominica, Garnet Joseph (42). Sein "Häuptlings-Kollege" Glen Christo Adonis (41), genannt Atekosang (Der Reisende) lebt etwas südlicher auf Trinidad und fügt hinzu: "Besonders ausländische Touristen, Medien und Wissenschaftler haben geholfen, dass unsere Interessen auch von der Regierung nun ernster genommen werden."

Auf Dominica leben noch etwa 3500 Kariben, auf Trinidad etwa 600 Karina, wie sie hier heißen, auf Martinique, St. Lucia und St. Vincent wohnen verstreut noch einige hundert dieser Ureinwohner mit bronzefarbener Haut und teils asiatisch anmutenden Gesichtszügen. Sie sprechen meist Englisch oder Patois. Ihre alte Sprache ist nur noch in Bruchstücken erhalten. Pure Kariben-Familien, deren Vorfahren sich nie mit schwarzen Insulanern vermischten, gibt es nur noch ganz wenige. Und mancher Forscher oder Reporter hat schon behauptet, er habe den "letzten echten" Kariben interviewt.

Wer die letzte größere Kariben-Gemeinschaft besuchen will, nimmt für umgerechnet drei, vier Mark den Bus von Roseau, der Hauptstadt Dominicas, nach Salybia. Die Abfahrtstelle nahe des Marktes ist für manchen Besucher offenbar leichter zu finden als die Insel mit ihren gut 70 000 Einwohnern. Für diese ist es ein Ärgernis, dass Post aus Übersee oft erst auf die Großen Antillen nach Dominicana geschickt wird. So heißt die Dominikanische Republik auf Spanisch.

Täglich fünf, sechs Mal fahren die Kleinbusse zu den sieben Dörfern der Caribindians, Karibischen Indianern. Oft eingequetscht zwischen Schulkindern in Uniform und Marktfrauen mit Gemüsekörben geht es eine Stunde lang über Hügel, durch enge Kurven vorbei an hohen Palmen, Bananenstauden und Urwald. Das Schild "Carib Territory" zeigt, wer hier lebt.

Links der Straße hat Peter Ellick seine Werkstatt unter freiem Himmel. Er werkelt an einem Holzboot. Das macht er aus einem Stamm, ein Handwerk, das nur wenige beherrschen. Der vollbärtige Bootsbauer sagt: "Ich brauche so drei Monate für ein Kanu. Alles ist Handarbeit."

Neben Bootsbau gehören Fischfang, Landwirtschaft und Korbflechten zum Tageswerk der Kariben. Viele Häuser stehen auf Stelzen, um darunter Holz, Cocoa und Früchte trocken zu halten. Es gibt Gärten mit Oleander, Bananen, Hibiskus, spielende Kinder, gackernde Hühner. Die kleinen Rumshops scheinen auch tags gut frequentiert zu sein. Hilary Frederick (40), hellbraune Haut, lange Hose, kurzes Haar ist Amtsvorgänger von Kariben-Chief Garnet Joseph. Frederick lacht, als er von den Fragen der Touristen erzählt. "Nein, wir haben keinen Häuptling mit Federschmuck und wohnen auch nicht in Zelten", bekräftigt der kleingewachsene, muskulöse Mann. Er erzählt aus der Geschichte seiner Vorfahren: "Ich weiß nicht, was Kolumbus wirklich entdeckt hat, aber unser Volk kam lange vor ihm mit schnellen Kanus vom Orinoco-Delta auf die Kleinen Antillen." Er sieht die Geschichtsschreibung vieler Historiker sehr kritisch. Denen zu Folge waren die Kariben "böse" Jäger und Menschenfresser und die auch auf den Inseln lebenden Arawaken-Indianer "gute" Sammler und Bauern.

Dominica, und darauf sind die Bewohner stolz, war eine Art Widerstandsnest im Kampf gegen die Eroberer aus Europa und diente als Fluchtburg für Indios anderer Inseln. Mit Pfeil und Bogen gegen Kanonen und Gewehre hatten die Kariben aber keine Chance. Heute kämpfen Chief und Carib Council für Salybia und die anderen sechs Dörfer mit Appellen und Eingaben an die Regierung für ein verbessertes Schul- und Gesundheitssystem. Der Lebensstandard ist niedriger als im Inseldurchschnitt, die Arbeitslosigkeit höher. Es gibt Alkohol- und Drogenprobleme. Heute müssen sich die Kariben mit dem bescheiden, was übrig gelassen wurde. Ein Stück hügeliges Land mit felsiger Küste um den Hauptort Salybia herum. Der Zugang zum Meer ist für das Seefahrervolk schwierig.

Wer bei den Kariben übernachten will, kann zwischen dem "Carib Guesthouse" und dem "Sea View Cafe" mit Restaurant- und Souvenirshop wählen. Das Flechthandwerk hat hier Jahrhunderte lange Tradition. Körbe und andere Gegenstände aus Flechtwerk haben Experten zu Folge ein hohes kunsthandwerkliches Niveau. Auch in einer der vielen Dorfbars, wo einheimisches Bier und Kräuter-Rum ausgeschenkt werden, finden Interessierte rasch Kontakte, bekommen von den Ureinwohnern Anekdoten und Geschichten erzählt.

Interessant ist auch der Besuch der katholischen Kirche und des Friedhofs. Faustulus Frederick, Maler und Hobbyhistoriker, zeigt stolz auf den Altar. Er hat die Form eines Holzbootes, das für die Caribindians ein wichtiges Stück Historie und Nähe zu Gott verkörpert. Faustulus erläutert das Gemälde hinter dem Altar. Er spricht vom "Großen Geist", von Sonne und Mond, von Mongolia und der Wanderung seiner Vorfahren "vor vielen, vielen tausend Jahren" von Asien bis runter zum Amazonas- und zum OrinocoDelta. "Die Kirche ist sonntags gut besucht", sagt Faustulus. Religion und Glaube, auch der katholische, sei für sein Volk immer mit alter Tradition und Kultur vermengt.

Derzeit entsteht im "Territory" ein Freilichtmuseum mit einem Modell-Dorf der Kariben, die Dächer aus Naturfasern, mit Werkstatt und Läden. Dadurch sollen Tourismuseinnahmen der Insel den Caribindians direkt zu Gute kommen. Der Historiker Lennox Honychurch sagt: "Wir dürfen nicht die Fehler anderer machen. Die Bewohner müssen in die Planungen einbezogen werden. Solch ein Dorf ist kein Zoo."

Eigene Dörfer haben die Karina auf Trinidad nicht mehr. Die 500 bis 600 Ureinwohner leben in oder nahe Arima, eine knappe Busstunde von der Hauptstadt Port of Spain entfernt. Sie wohnen in Steinhäusern wie die anderen 20 000 Orts-Bewohner, die ihre Wurzeln in Afrika, Südamerika, Indien und Europa haben. Wenn Atekosang, Schamane und Medizinmann seines Volkes, Zeit hat, führt er Besucher persönlich. "Anruf genügt", sagt der 41-jährige. Das Santa Rosa Carib Community Center mit palmblattgedecktem Dach ist Treff der Karina.

In dem Center werden alte Handwerkskünste wie Korbflechten und das Knüpfen von Hängematten gelehrt. An den Wänden hängen Geräte zur Verarbeitung von Cassava und Maniok, wichtige Grundnahrungsmittel. Es sind auch vergilbte Fotos alter Karina zu sehen. Der Schamane zeigt auf eines einer Frau in den 70ern. "Das ist unsere Königin." Sie lebt außerhalb von Arima in bescheidenen Verhältnissen. Der Schamane und die Königin haben keine politische Macht oder Regierungsgewalt. Durch ihre Weisheit und Kenntnis alter Gebräuche sind sie von den Insel-Kariben als Führer anerkannt. Atekosang arbeitet mit an der Öko-Kommune Paria Springs mit Gästebungalows, die Elemente traditioneller Kariben-Bauweise enthalten.

Mit zunehmender Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein in der Karibik und Lateinamerika änderte sich auch die Bereitschaft, die europäische Geschichtsschreibung unkritisch zu übernehmen. Das kristallisierte sich besonders 1992 zu den 500-Jahr-Feiern der "Entdeckung" heraus. Prunkvolle Feste mischten sich mit Protesten und herber Kritik. In vielen Schulen wird unterrichtet, welches Elend die europäischen Einwanderer auch über die indianischen Ureinwohner brachten. Dazu zählen auch die ArawakenStämme, die Taino und Ciboney.

In den karibischen Urlauberhochburgen, Dominikanische Republik und Kuba, erinnern heute nur noch Museen, Höhlenmalereien und andere historische Funde an die Ureinwohner. Auf der östlichen Seite der Insel Hispaniola sind als Zeugnisse der Tainos die Felsgravierungen "Caritas" (Kleine Gesichter) am Enriquillo See sowie die Höhlen Las Maravillas und Pommier zu besichtigen. Dieses Volk wurde nach wenigen Jahrzehnten "durch das rücksichtlose Vorgehen der Eroberer völlig ausgerottet", heißt im kleinen Kulturführer des Tourismus-Sekretariats in Santo Domingo. In Punta del Este auf Kuba liegen Höhlen, deren Wandzeichnungen vor etwa 3000 Jahren von den Ciboney-Indios geschaffen wurden.

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