Zeitung Heute : Millionenbeträge gehen durch den Schlot

Urban Media GmbH

Von Stefan Jacobs und Ole Töns

Treptow-Köpenick / Mitte. Das neue Krematorium in Treptow ist seit drei Monaten nicht mehr einsatzfähig. Wie nach Tagesspiegel-Recherchen jetzt bekannt wird, sind Öfen und Steuerungsanlage des 1999 für rund 60 Millionen Mark fertig gestellten Renommierbaus von Kanzleramtsarchitekt Axel Schultes nicht mehr funktionstüchtig. Nach Auskunft aus Verwaltungskreisen wurden die beiden anderen Berliner Krematorien – in Wedding und Charlottenburg – Mitte November informiert, dass sie sich auf zusätzliche Sarglieferungen einstellen sollten. Der Grund: die drei Einäscherungsöfen und das hochmoderne automatische Sarglager in dem Treptower Renommierbau sollen schwere Schäden aufweisen. Eine weitere Hiobsbotschaft folgte in dieser Woche: Das Weddinger Krematorium, dessen Öfen gerade modernisiert wurden, soll noch in diesem Jahr schließen.

Am 4. Februar schrieb das Bezirksamt Treptow-Köpenick: „Im Krematorium können von Montag bis Samstag rund um die Uhr Särge zur Kremation angeliefert werden“. Der Leiter des Grünflächenamtes Mitte, Harald Büttner, bestätigte dagegen, dass die erst kürzlich für über drei Millionen Mark erneuerte Ofenanlage des Krematoriums in Wedding seit November nahezu mit Vollauslastung von 1000 Kremationen betrieben werde. Davor waren es rund 600 Kremationen monatlich. Bestattungsunternehmen erklärten, dass das Krematorium Treptow seit November keine Särge mehr annehme. Als Grund für die Schäden an den Treptower Öfen wird vermutet, dass dort aus Kostengründen minderwertige Materialien verbaut worden sind.

Die Leiterin des Krematoriums im Ortsteil Baumschulenweg, Jutta Knubbe, bestätigte, dass zumindest zwei der Öfen und die Steuerungsanlage seit November außer Betrieb sind. Die Reparaturarbeiten würden bis zu 12 Wochen dauern. Die zu erwartenden Mehrkosten ließen sich erst nach Abschluss der Verhandlungen mit der Baufirma beziffern. Es laufe bereits ein Rechtsstreit zwischen Bezirk und der Baufirma Bilfinger & Berger. Die Krematoriumsleiterin und der zuständige Gruppenleiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Hans Georg Büchner, sprechen von erheblichen Mängeln an dem Gebäude selbst – undichten Decken und Fenstern. Der Bau stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Bevor der Bau im Mai 1999 eröffnet wurde, mussten etliche Mängel beseitigt werden. Insgesamt sollen die Kosten für den Renommierbau mit über 76 Millionen Euro zu Buche schlagen. Laut Büchner wurde das Krematorium privat errichtet und soll nach einem Mietkaufverfahren im Laufe von 30 Jahren vom Bezirk erworben werden.

Wenn der Neubau in Treptow repariert ist, soll das Krematorium in Wedding geschlossen werden. An der Gerichtstraße steht noch das Bauschild: „Bezirksamt Wedding von Berlin – Sanierung der Ofen- und Abgastechnik“. Die glänzenden Metallaufbauten zeugen von der gerade erst beendeten Modernisierung des ältesten Berliner Krematoriums. Im vergangenen Sommer wurde der letzte der drei sanierten Öfen in Betrieb genommen. Zwar hatte der Senat dem Bezirk empfohlen, nicht alle drei Öfen zu erneuern. Aber verantwortlich für die Krematorien sind die Bezirke, und das damalige Bezirksamt Wedding hatte sich zu der teuren Komplettsanierung entschlossen.

„Donnerstag, den 21.02.02: Personalratsbesprechung bis ca. 08 Uhr“, steht auf einem Zettel an der Tür, der im Wind flattert. Die rund 20 Mitarbeiter haben sich zusammengesetzt und geredet, aber sie wissen selbst nichts Genaues – und das ärgert sie am meisten: „Ist schon komisch, dass selbst wir von der Schließung erst aus der Zeitung erfahren mussten“, sagt eine Mitarbeiterin.

„Wir wissen es seit Dienstag“, sagt ein Kollege im Blaumann. „Eigentlich ist das Wahnsinn: gerade erst alles neu gemacht. Und zu tun haben wir auch genug.“ Die Stimmung sei getrübt, aber nicht panisch. Denn zumindest gehö rten die Angestellten ja dem Öffentlichen Dienst an.

Am Dienstag hatte das Bezirksamt über vom Senat auferlegte Einsparungen beim Personal-Etat beraten und dabei die Stilllegung des Weddinger Krematoriums beschlossen. Nun müssen noch die Bezirksverordneten zustimmen. Nach Auskunft von Stadtentwicklungsstadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) soll die Schließung Anfang April im Hauptausschuss diskutiert und den Bezirksverordneten am 18. April zur Abstimmung vorgelegt werden. „Einzelne schmerzhafte Einschnitte“ seien besser als das „Gießkannenprinzip“, das am Ende alle Verwaltungen lähme, sagt Dubrau. Die Chefin des Krematoriums sei schon vor rund vier Wochen über die Absicht des Bezirkes informiert worden. „Wenn wir diesen großen Schnitt nicht machen, müssen wir an anderen Stellen noch mehr abknapsen“, sagt Dubrau und verweist auf eine Berechnung des hauseigenen Steuerungsdienstes, nach der Wedding das unwirtschaftlichste der drei Krematorien sei. Die momentan gute Auslastung resultiere nur aus den technischen Problemen des Neubaus am Baumschulenweg.

Bis zu 900000 Euro will der Bezirk durch die Schließung bei den Personalkosten sparen. Der Wegfall der laufenden Kosten soll einen ähnlichen Betrag bringen. Auf der anderen Seite der Rechnung stehen dreieinhalb Millionen Mark Sanierungskosten, die der Bezirk noch bezahlen muss. „Aber längerfristig bringt uns die Schließung eine massive Einsparung“, sagt Dubrau. Sie will den Betrieb in Wedding „Mitte bis Ende dieses Jahres“ einstellen. Die Mitarbeiter sollen umverteilt werden, einige könnten im Grünflächenamt unterkommen. Allerdings mü ssten einige Krematoriumsbeschäftigte dann wohl auf ihre Gehaltszulagen verzichten. Am Montag soll den Angestellten die schlechte Nachricht auch offiziell überbracht werden.

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