Zeitung Heute : Millionenschwerer Kunstraub in Dahlem

Der Tagesspiegel

Von Werner Schmidt

Dreiste Kunstdiebe stahlen Sonnabendmorgen aus dem Dahlemer Brücke-Museum neun Gemälde zeitgenössischer Künstler im Wert von mehreren Millionen Euro. Dabei entgingen sie nur knapp der Polizei. Sie schlugen Fenster ein und hängten im Ausstellungsraum innerhalb weniger Minuten die Bilder ab, von denen einige fast einen Meter groß sind. Anschließend flüchteten die Täter über mehrere Grundstücke zur Pücklerstraße und entkamen. Das Museum blieb gestern geschlossen – „aus technischen Gründen“, teilte der Anrufbeantworter mit.

Gegen 5.20 Uhr gingen zeitgleich bei der Polizei und bei einem Sicherheitsdienst Alarmrufe ein. Innerhalb von längstens fünf Minuten soll der erste Funkwagen am Bussardsteig 9 angekommen sein – da waren die Täter schon weg. Hinterlassen hatten sie aber ihre Spuren: Eine an der vorderen Fassade des Museums angebrachte Alarmsirene war mit Bauschaum zum Schweigen gebracht worden, eine rote Rundumleuchte hatten die Einbrecher einfach abgedeckt. Dann liefen die Täter durch einen kleinen Park zur Rückseite des Gebäudes.

Dort schlugen sie ein Fenster ein, kletterten durch und hängten offenbar genau die Bilder ab, die sie am schnellsten erreichen konnten. Darunter waren sechs Werke von Erich Heckel (1883 - 1970) aus den Jahren 1906 bis 1930, sowie jeweils ein Gemälde von Emil Nolde (1868 - 1956), Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) und Max Pechstein (1881 - 1955).

Offenbar klemmten die Täter sich die Bilder unter die Arme und liefen durch den Museumspark, durchdrangen Dickicht und kletterten über mehrere Zäune, bis sie zur Pücklerstraße kamen. Dort hatten sie vermutlich ihr Fluchtfahrzeug bereitgestellt.

Dass die Bilder bei der Flucht beschädigt worden sein könnten, das schließt der auch für Kunstdiebstähle zuständige Andreas Grabinski vom Landeskriminalamt (LKA) nicht aus: „Kunstdiebe sind meist keine Liebhaber, sondern nur habgierig.“ Er glaubt allerdings nicht, dass die Diebe die Bilder auf dem regulären nationalen oder internationalen Kunstmarkt zu Geld machen können: „Innerhalb kürzester Zeit wird die Kunstwelt Bescheid wissen.“

Die Täter müssen sich gründlich mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht haben. Dabei hätten sie laut Grabinski jedes der Museumsfenster zerschlagen können: Hinter jedem wären die Einbrecher auf wertvolle Bilder gestoßen. Unklar ist bisher noch, ob die Täter wussten, dass das Museum über eine Alarmanlage mit der Polizei und einem Sicherheitsdienst verbunden ist. Die Schnelligkeit, mit der die Täter handelten und flüchteten, lässt aber zumindest darauf schließen, dass sie damit rechneten, Anwohner oder Frühaufsteher, die mit ihren Hunden unterwegs waren, aufmerksam zu machen.

Am Sonnabendnachmittag war die Kripo in der Umgebung des Museums noch mit der Suche nach Spuren beschäftigt. Eine erfolgversprechende fand sich aber nicht darunter. Zeugen, die zwischen 5 und 5.30 Uhr am Bussardsteig oder der Pücklerstraße verdächtige Wahrnehmungen machten, oder wer sah, dass zu früher Stunde Bilder eingeladen wurden, der wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Hinweise nimmt die Kripo unter den Telefonnummern 699 38 590 oder 699 39 274 entgegen.

Berlin gilt seit Öffnung der Grenzen als Drehscheibe für Kunsthehler. Die Zahl der Delikte hat sich inzwischen verzehnfacht. Dabei bieten Kunstschieber in Berlin aber hauptsächlich im Ausland gestohlene Kunstwerke, aber auch Fälschungen, an.

Die Museen der Stadt lockten aber auch schon früher die Langfinger an wie Honig die Fliegen: 1989 beispielsweise wurden gleich zwei wertvolle Spitzweg-Gemälde aus dem Schloss Charlottenburg entwendet. Bis heute sind sie verschollen. Auch das vom Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud gemalte „Bildnis Francis Bacon“ ist seit 14 Jahren spurlos verschwunden. Der Dieb hatte es 1988 während einer Ausstellung in der Nationalgalerie einfach abgehängt.

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