Zeitung Heute : Milosevic mischt auch mit

Serbien wählt einen neuen Präsidenten – und ein Kriegsverbrecher gibt Empfehlungen

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Von Gemma Pörzgen, Nis

Sie hat sich Urlaub genommen, damit sie in dem kahlen Hinterhofbüro sitzen kann, sie will, dass der Staat besser wird, sagt sie, und sie redet vom primitiven Teil der Gesellschaft. „Der primitive Teil der Gesellschaft“ ihres Landes werde Kostunica wählen, sagt sie, um ihn hätten sich die Nationalisten aus der jugoslawischen Linken und die der Sozialisten-Partei versammelt.

Vojislav Kostunica ist Jugoslawiens Präsident, er will am Sonntag zum Präsidenten der Teilrepublik Serbien gewählt werden. Damit das nicht passiert, deshalb hat Milka Silajev Urlaub genommen, und deshalb arbeitet sie jeden Tag bis in die Nacht in den kahlen Räumen mit dem abgewetzten Teppichboden, im Zentrum der südserbischen Stadt Nis. Es ist das Büro der Intellektuellenvereinigung „G17 Plus“, hier machen sie den Wahlkampf für Miroljub Labus, den Präsidentschaftskandidaten des demokratischen Parteienbündnisses DOS. Labus hat sich ebenso wie seine wichtigsten Konkurrenten, Kostunica und der Ultranationalist Vojislav Seselj, für die letzte Wahlkampf-Woche in Nis angesagt. Elf Kandidaten gibt es ingesamt.

Wie viele Bürger der 200000-Einwohner-Stadt Nis ist Silajev stolz darauf, dass ihre Heimatstadt schon früh in die Opposition gegen Milosevic gegangen ist und siegte. Vier Jahre vor dem landesweiten Sturz des Regimes am 5. Oktober 2000 hatten die Bürger von Nis bei der Kommunalwahl dessen sozialistische Partei bereits abgewählt. Seitdem regieren in der Stadt demokratische Bürgermeister.

Silajev ist 60 Jahre alt und ein Fan von Labus, der stellvertretender jugoslawischer Ministerpräsident ist und sich in den vergangenen zwei Jahren als Wirtschaftsreformer profilierte. Ein Foto, das sie mit ihm zeigt, trägt Silajev im Portemonnaie. Stolz kramt sie ihren Mitgliedsausweis heraus, der seine Unterschrift trägt. „Er ist der Mann, der uns nach Europa bringt“, sagt sie.

Eines ihrer wichtigsten Ziele sei, „dass unsere Kinder nicht mehr ihr Land verlassen“. Ihre eigenen sind fortgegangen. Die 28 Jahre alte Tochter studiert in Ulm, der 32-jährige Sohn arbeitet in Kanada. Er wanderte aus noch zur Milosevic-Zeit, um nicht in die Armee eingezogen zu werden. „Wenn er geblieben wäre, dann wäre er sicher tot,“ sagt Milka. Einige seiner Freunde wurden im Kosovo-Krieg zwangsrekrutiert und starben. „Schon deshalb hasse ich Milosevic.“

Die freundlichen Fassaden, die vollen Cafés ebenso wie die Idylle an der Uferpromenade des Flusses Nisava erzählen nicht die ganze Wahrheit über die Stadt. Nis steckt in der Krise. Mit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 und dem Verlust des gemeinsamen Marktes gingen auch die Arbeitsplätze verloren. Die Stadt hatte bis dahin von zwei großen Fabriken gelebt, ein Viertel der Bevölkerung war in ihnen beschäftigt. Sie stehen heute still. 35000 Menschen in Nis sind arbeitslos. Wer noch arbeitet, verdient deutlich weniger als in Belgrad. Nis verzeichnet inzwischen die höchste Selbstmordrate im Land. Jeden dritten Tag bringt sich hier jemand um.

„Seit dem 5. Oktober ist in Nis wirtschaftlich wenig vorangekommen“, sagt Slobodan Adzic, der regionale Chef von Kostunicas Demokratischer Partei Serbiens. Sein Wahlkampfteam sitzt in einem gediegenen Altbau mit Parkettboden und Jugendstil-Lampen, wenige Meter von den Labus-Unterstützern entfernt. „Es gibt viele Familien, in denen keiner mehr arbeitet“, sagt Adzic. Die neue Regierung unter dem serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic habe die Probleme dieser Leute nicht gelöst.

Der hochaufgeschossene Berufspolitiker hat als Abgeordneter in der Hauptstadt seine Erfahrungen mit dem andauernden Machtkampf zwischen Kostunica und Djindjic gemacht. Djindjic hat Adzic vor ein paar Monaten aus dem serbischen Parlament ausgeschlossen, um sich Mehrheiten für seine Regierungsarbeit zu sichern. Solche Rechtsbrüche erinnern ihn an Milosevics Taktiken. „Djindjic arbeitet mehr als Marketing-Mann für den Westen“, sagt Adzic und wünscht sich, dass die nationalen Interessen Serbiens auf dem Balkan künftig stärker vertreten würden. Er meint das patriotisch, sagt er, mit serbischem Nationalismus habe das nichts zu tun. Und dass Kostunica in seinem Amt wenig habe erreichen können, das habe mit dessen beschränkter Macht als jugoslawischer Präsident zu tun.

Zwar sagen die Wahlforscher für den Sonntag in Serbien ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Labus und Kostunica voraus, aber die politische Kraft des Ultranationalisten Vojislav Seselj bleibt unberechenbar. Sogar der in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagte Milosevic hat seine sozialistischen Anhänger aufgefordert, diesmal für den nationalistischen Weggefährten früherer Tage zu stimmen.

Auf dem Markt von Nis, unter den Bauern aus der Umgebung, wimmelt es von Seselj-Anhängern. Ihre Stände quellen über von der frischen Paprika-Ernte. Rote und grüne Schoten an allen Ständen für 20 Dinar das Kilo, das sind rund 30 Cent. Es ist die traditionelle serbische Einmachzeit, doch das Überangebot ist offensichtlich. Am Ende des Markttages sind die Bauern unzufrieden: „Vor einem Jahr bekamen wir noch das Doppelte“, klagt die Marktfrau Slazana Mladenovic. „Lebensmittel sollen billig sein, damit das Volk still hält.“

Bei ihr zu Hause arbeitet die ganze Familie auf dem Feld. „Jeden Tag 16 Stunden Arbeit, und trotzdem reicht es kaum zum Leben“, klagt Mladenovic, die einmal in Nis Physik studiert hat, aber dann keinen Arbeitsplatz fand. Die 40-Jährige ist eine vergangene Schönheit, die vielleicht einmal zu den attraktivsten Frauen in ihrem Dorf gehört hat. Doch die hellblonden Haare sind stumpf, die großen blauen Augen müde geworden. Wenn sie spricht, dann machen Unzufriedenheit und Bitternis Furchen in ihr Gesicht. Ja, sie wird wählen gehen. Für wen sie stimmt, mag sie nicht sagen. „Ich bin sehr einverstanden mit Hitlers Programm“, sagt sie.

„Die EU und die multinationalen Konzerne wollen uns kaputtmachen und haben deshalb Jugoslawien zerstört“, erzählt Mladenovic noch und gibt sich mit müdem Lächeln dann doch als Seselj-Wählerin zu erkennen. Was seine Politik attraktiv mache: Es sei wichtig, wieder die Interessen der serbischen Nation zu vertreten und sich abzuschotten gegen den Westen. „Dann verkaufen wir Bauern auch wieder gut“, sagt sie, und die benachbarten Marktleute stimmen zu.

Wer auch immer Präsident wird in Serbien, so wie es ist, wird es nicht bleiben. Milan Milutinovic, der Mann, der das Amt noch inne hat, ist als Kriegsverbrecher angeklagt.

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