Zeitung Heute : Milzbrand-Alarm: Die Angst kommt mit der Post

Malte Lehming

Washington. Es sah aus wie Baby-Puder. Eine süßlich riechende, weiße Substanz rieselte aus dem Brief. Spuren des feinen Nebels legten sich auf ihr Gesicht, den Pullover und die Hände. Schwerere Stücke fielen auf den Boden. Das war am vergangenen Freitag um 9 Uhr 15. Judith Miller hatte gerade mit der Arbeit begonnen.

Die ruhige, resolute Frau ist Reporterin der "New York Times". Gemeinsam mit zwei Kollegen veröffentlichte sie vor kurzem ein Buch über Bioterrorismus. Die Recherche hatte drei Jahre gedauert. Mehrere Monate lang war Judith Miller auch in den Biolabors der ehemaligen Sowjetunion. Sie kennt sich aus, gilt als Expertin. Sie weiß, dass der Milzbrand-Erreger eigentlich geruchlos ist und in der Regel eine eher dunkle Farbe hat.

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Trittbrettfahrer II: Konjunktur verdächtiger Briefe Der Brief, den sie an diesem Morgen öffnete, war direkt an sie adressiert, abgestempelt in St. Petersburg, Florida. Ein Absender stand nicht darauf. Dass sie ihn trotzdem öffnete - halb in Gedanken, während eines Telefonats -, war extrem leichtsinnig. Das sagt sie heute selbst. In Florida war am 5. Oktober der Fotograf einer Boulevard-Zeitung an der seltenen Milzbrand-Krankheit gestorben. In Florida hatten einige der Kamikaze-Flieger vom 11. September gelebt und Übungsstunden im Flugsimulator genommen.

Judith Miller versuchte, nicht in Panik zu verfallen. Sie verharrte an ihrem Platz, um keine weiteren Gegenstände zu berühren. Ihren Kollegen rief sie zu, sie sollten den Sicherheitsdienst verständigen. In dem Moment klingelte ihr Telefon. Am anderen Ende der Leitung war ein Informant. Ob sie schon von der Assistentin des NBC-Moderators Tom Brokaw gehört habe, fragte der Informant. Diese Assistentin sei Ende September mit dem Milzbrand-Erreger durch einen Brief aus Florida in Berührung gekommen. Wieder Florida. Außerdem schienen die Medien bevorzugtes Ziel der Bioterroristen zu sein.

Der Sicherheitsdienst kam. Die Männer trugen Handschuhe und hatten Plastiktüten dabei. Dahinein steckten sie den verdächtigen Brief und alle Gegenstände, auf denen sich Spuren des weißen Pulvers fanden. Innerhalb von 20 Minuten wurde die gesamte Nachrichtenetage der "New York Times" evakuiert. Ein zweiter Trupp rückte ein, mit Gasmasken. "Ich werde nie das Bild vergessen", sagt sie, "wie diese Marsmenschen durch unsere leere Redaktion gingen, während Dutzende von Telefonapparaten klingelten, an die keiner rangehen konnte."

Dann wusch sie sich die Hände. Die Ermittlung begann. War sie vor kurzem in Florida? Öffnet sie ihre Post immer selbst? Hat sie Feinde? Fragen über Fragen. Vorsorglich wurde ihr und einigen Kollegen "Cipro" verabreicht, das Antibiotikum aus dem Hause Bayer, mit dessen Hilfe sich die meisten Milzbranderkrankungen heilen lassen. Was folgte, war das Warten auf die Testergebnisse. Stunden vergingen. Die Nacht kam. Der nächste Tag. Zwei vorläufige Ergebnisse trafen am Sonnabend ein. Negativ. Kein Zeichen des potenziell tödlichen Anthrax-Bakteriums. Erst am Sonntag jedoch stand fest: Was wie Baby-Puder ausgesehen hatte, war Baby-Puder.

Mehr als bloße Scherze

Wie soll man solche Briefe nennen, die derzeit in den USA zu Tausenden verschickt werden? Üble Scherze, Streiche, böswillige Verunsicherungen? Das alles trifft es nicht, weil die Begriffe zu harmlos klingen. Sicher ist eins: In ohnehin angespannten Krisenzeiten zusätzlich Angst zu verbreiten, ja Todesangst, ist ein Verbrechen. Allein in der Stadt New York mussten am Montag zwischen sieben und 14 Uhr 84 mögliche Anthrax-Fälle überprüft werden. In mehr als 90 Familienplanungszentren und Abtreibungskliniken in einem Dutzend US-Bundesstaaten gingen bislang Briefe ein, aus denen weißes Pulver rieselte. "Sie wurden soeben mit Milzbrand infiziert", steht auf den beigelegten Zetteln. "Die Armee Gottes wird sie töten."

Jeder Fall muss untersucht werden. Denn ausgeschlossen ist gar nichts mehr. In Amerika sind Bioterroristen am Werk. So viel steht fest. In Florida, New York und Washington D.C. wurden die postalisch verschickten Milzbrand-Erreger eindeutig nachgewiesen. Wie groß die Gefahr insgesamt ist, weiß niemand. Unklar ist auch, ob die Absender der Briefe mit dem "Al-Qaida"-Netzwerk um Osama bin Laden in Verbindung stehen. Einige Indizien sprechen dafür, entsprechende Andeutungen hat sogar US-Präsident George W. Bush gemacht. Anderes jedoch spricht dagegen. Bislang gehörte es zur Taktik bin Ladens, möglichst viele Menschen auf einmal zu ermorden. Das Versenden von Briefen, durch die sich jemand nur möglicherweise mit einer Krankheit ansteckt, die nur selten tödlich verläuft, passt nicht ins Bild.

Den Ermittlern fehlen die deutlichen Spuren, den Patienten die richtig ausgebildeten Ärzte. Milzbrand ist eine sehr seltene Krankheit. In New York wurde in einem Fall die richtige Diagnose erst nach zehn Tagen gestellt. Bei den verdächtigen Hautveränderungen des an Anthrax erkrankten sieben Monate alten Kindes einer Mitarbeiterin des Nachrichtensenders ABC tippte der Arzt zunächst auf einen Insektenbiss.

Ärzte, Polizisten und Ermittler sind komplett überlastet. Seit dem 11. September musste das FBI knapp 3000 Hinweisen nachgehen, die auf Milzbrand hindeuteten. Das heißt, Gebäude wurden evakuiert, Labors eingeschaltet, kriminologische Untersuchungen eingeleitet. Ein Riesenaufwand der Kräfte bindet und Milliarden verschlingt. In vielen U-Bahnhöfen werden jetzt zusätzliche Überwachungskameras installiert sowie Detektoren, die ungewöhnliche chemische Substanzen melden. Allein in der Stadt Washington wird das Programm etwa 190 Millionen Dollar (410 Millionen Mark) kosten.

Milzbrand ist nicht ansteckend, aber die Angst davor. 800 000 Mitarbeiter hat die US-Post. Seitdem das ominöse weiße Pulver zum ersten Mal auftauchte, hat die Aufschrift "Handle with Care" eine völlig neue Bedeutung bekommen. Inzwischen wurde der "bacillus anthracis" auch in Postämtern entdeckt. Viele Angestellte tragen jetzt Schutzhandschuhe.

Der 11. September war furchtbar, aber ein lokal begrenztes Phänomen. Von der Anthrax-Angst dagegen ist fast jeder erfasst. "Man muss nicht mehr in New York, Washington oder Kabul sein, um sich wie ein Soldat oder Opfer zu fühlen", schreibt das Magazin "Time". Die Hälfte aller Amerikaner glaubt, dass die bislang aufgetauchten Briefe erst der Anfang sind. Am größten ist die Besorgnis unter Frauen und Anhängern der Demokraten. 61 Prozent der Frauen, im Vergleich zu 47 Prozent der Männer, haben Angst, dass ein Bekannter von ihnen zu den nächsten Milzbrand-Opfern gehören könnte.

Widersprüchliche Signale

Überraschend ist das hohe Maß an Verunsicherung nicht. Bioterror an sich löst schon viele Schreckensvisionen aus. In den USA kommt noch hinzu, dass die Signale, die die Regierung aussendet, höchst widersprüchlich sind. Bis zum Montag hieß es, man habe keinerlei Beweise für eine Verstrickung bin Ladens. Dann schwappte der Terror bis ins Kapitol über, und plötzlich stand bin Laden im Zentrum der Ermittlungen. Am vergangenen Donnerstag hieß es, ein weiterer Terrorangriff stehe unmittelbar bevor, aber leider könne man nichts Konkretes mitteilen. Am Dienstag forderte die "New York Times", es müsse zu den Anthrax-Fällen ebenso eine tägliche Pressekonferenz geben, wie sie das Pentagon zum Krieg abhält.

Die Angst indes wird das höchstens reduzieren, nicht aber vertreiben. Judith Miller hat in den 80er Jahren im Nahen Osten gearbeitet. "Auch damals hatte ich viel mit Terrorismus zu tun", sagt sie. "Und ich habe kühl und professionell darüber berichtet." Am vergangenen Freitag hatte sie diese Fähigkeit für ein paar Stunden verloren.

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