Zeitung Heute : Minderheiten in Deutschland und Israel Ein Austauschprogramm der ASFH Berlin

Marion Hartig

In Deutschland sind es die türkischen Migranten, die Einwanderer aus Afrika oder Russland. In Israel gehören die arabischen Einheimischen oder die russischen Juden, die seit dem Zerfall der Sowjetunion in den jüdischen Staat eingewandert sind, zu den ethnischen Minderheiten. Wie sie leben, wird zu einem großen Teil von der ethnischen Mehrheit bestimmt. Denn: Die gibt im Allgemeinen die Regeln vor, nach denen eine Gesellschaft lebt, was im Fernsehen läuft, in den Buchhandlungen verkauft wird oder im Supermarktregal steht.

Mit „Dominanzkultur und Minderheiten in Deutschland und Israel“ ist ein Austauschprojekt der Alice Salomon Fachhochschule (ASFH) und der School for Social Work der Universität Haifa überschrieben, das sich mit diesem Phänomen befasst. Zwei ASFH-Studentinnen, Bianca Ely (27) und die 28-jährige Israelin Keren Pardo, haben es 2005 als Pilotprojekt auf den Weg gebracht – zunächst als alternative Wahlveranstaltung. Inzwischen steht die ländervergleichende Kultur-Betrachtung für Studierende des internationalen Bachelor-Studiengangs Sozialarbeit als Wahlpflichtangebot im Vorlesungsverzeichnis.

„Wir beschäftigen uns mit der Art und Weise, wie die Mehrheiten in Israel und Deutschland mit Minderheiten umgehen“, erklärt Keren Pardo. Thematisiert wird, wie Integration funktioniert, ob sie überhaupt gewollt ist und wie tolerant sich die Mehrheit gegenüber fremden Kulturen verhält. Ziel der Veranstaltung sei es, die verschiedenen Wege der Staaten zu vergleichen – und zu erkennen, wie die eigene Haltung gegenüber Einwanderern beeinflusst wird – von der persönlichen und der kollektiven Identität, von der Familie, Kultur und Geschichte, in der man aufgewachsen ist.

Der Ländervergleich bleibt dabei alles andere als theoretisch. Seit dem Wintersemester 2005/2006 befassen sich sowohl die Studierenden der Sozialarbeit in Berlin als auch die zukünftigen Sozialarbeiter der School for Social Work der Universität Haifa mit diesen Fragen. Auf der Grundlage eines von israelischer und deutscher Seite gemeinsam erarbeiteten Curriculums lesen die Teilnehmer hier und dort die gleichen Texte, etwa über das Sozialsystem in Israel und Deutschland oder das Thema Identität und Holocaust. Sie debattieren in parallel laufenden Seminaren über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Deutschland oder russische Einwanderer und die israelische Demokratie. Der Austausch Berlin-Haifa findet via Internetforen und monatlichen Videokonferenzen statt.

Der Höhepunkt der zweisemestrigen Wahlveranstaltung ist eine Reise in das jeweils andere Land. Bei ihrem Besuch in Haifa haben die deutschen Studierenden Einblicke in israelische Sozialarbeit gewonnen. Sie besuchten die School for Social Work ihrer Kommilitonen, ein Sozialamt in einem Problemkiez von Haifa und die Nichtregierungsorganisation Yadid, die jüdische Migranten aus Äthiopien und Araber, Familien, Frauen und Senioren berät. Im Gegenzug sahen die israelischen Studierenden sich Projekte in Berlin an – einen Mädchenclub in Neukölln, eine Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und eine Flüchtlingsinitiative in Brandenburg.

„Ein entscheidender Unterschied zwischen hier und dort liegt in der Ausbildung“, sagt Bianca Ely. Die israelischen Sozialarbeiter sind, anders als in Deutschland, staatlich geprüft. Außerdem sei das Studium eher therapeutisch- klinisch ausgerichtet, in Deutschland hingegen stehe die Sozialpädagogik im Mittelpunkt. Entsprechend spreche man in Israel nicht von Klienten, sondern von Patienten.

In der Praxis aber, in den sozialen Einrichtungen, die Bianca Ely in Israel besucht hat, stellte sie im Vergleich zur deutschen Sozialarbeit mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede fest. Dort sei kaum etwas zu spüren vom therapeutischen Ansatz. Für allgemeingültig hält sie ihre Erfahrungen allerdings nicht. „Wir haben nur einen kleinen Ausschnitt gesehen, der längst kein repräsentatives Bild vermittelt.“ Im nächsten Sommer, wenn sie wieder nach Israel reist, hat sie die Gelegenheit, sich genauer umzusehen. Ihre Kommilitonen können dort, anders als die Studierenden im Vorjahr, nicht nur persönliche Erfahrungen sammeln, sondern auch Credits für ihr Studium.

Das zweisemestrige Seminar beginnt jeweils im Wintersemester. Infos unter www.asfh-berlin.de (Studienprojekte; Dominanzkultur und Minderheiten).

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