Zeitung Heute : Mini-Kakaofabriken für Sierra Leone

Studierende entwickeln ein Konzept, wie Bauern in dem armen Land von ihrer Arbeit profitieren können.

Sybille Nitsche
Rohstoff aus dem Regenwald. Bisher endet die Wertschöpfungskette oft mit der Ernte der Kakaofrüchte. Werden sie vor Ort verarbeitet, können die Menschen mehr daran verdienen. Foto: Reuters
Rohstoff aus dem Regenwald. Bisher endet die Wertschöpfungskette oft mit der Ernte der Kakaofrüchte. Werden sie vor Ort...Foto: REUTERS

Nur eine Minderheit der Weltbevölkerung lebt in Wohlstand. Trotzdem verbraucht sie den größten Teil der Erdressourcen. Die Mehrheit der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist dagegen vom Lebensstandard der hochentwickelten Industrieländer weit entfernt. Diese Kluft kann nicht überwunden werden, indem überall auf der Welt so produziert wird wie bisher im wohlhabenden Westen. Dafür reichen die Ressourcen nicht. „Und wenn sich jeder Mensch wie der Durchschnittsdeutsche verhalten würde, bräuchte man drei Erden. Die haben wir aber nicht“, sagt Pia Gausemeier, Geschäftsführerin des Sonderforschungsbereichs „Sustainable Manufacturing“ (SFB) an der TU Berlin. Dort suchen 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Lösungen, wie weltweit zukunftsfähig produziert werden kann, damit der Wohlstand sich gerechter verteilt. Gefördert wird der SFB mit fast acht Millionen Euro.

Über nachhaltige Produktion haben auch Studierende am TU-Fachgebiet Montagetechnik und Fabrikbetrieb von Professor Günther Seliger, dem Leiter des SFB, nachgedacht. Eine Politologin schilderte ihnen die katastrophalen Verhältnisse in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt, das durch Korruption, Hunger, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus zerrüttet ist. Danach begannen sie zu überlegen, wie dieser Kreislauf sich gegenseitig bedingender Faktoren durchbrochen werden kann.

„Als Produktionstechniker glauben wir an die Kraft der Wertschöpfung, die ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig sein muss“, sagt Bastian Müller. „Das heißt für uns, dezentral, ressourcenschonend und die Qualifikation fördernd zu produzieren.“ Der 26-Jährige war an dem studentischen Projekt beteiligt und ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Montagetechnik und Fabrikbetrieb. Das Ziel der Studierenden war es, auf der Basis nachhaltiger Wertschöpfung den Menschen dauerhaft Arbeit zu ermöglichen und damit eine neue Lebensperspektive zu eröffnen. Dabei stellte sich die Frage, was produziert werden soll und wie. Entwickelt haben die Studierenden das Konzept einer Kleinfabrik, in der Kakaomasse hergestellt wird. Die Minifabrik passt in einen Standardcontainer, ist modular aufgebaut (ein zweiter Container kann zur Energieversorgung der Fabrik genutzt werden), mobil, preiswert, mit einfach zu bedienenden Maschinen ausgestattet und gibt etwa zehn Menschen Arbeit.

Warum eine Kleinfabrik? „Weil sie am besten zu den regionalen Gegebenheiten in Sierra Leone passt“, sagt Bastian Müller. Angesichts von 65 Prozent Analphabetismus wäre es sinnlos, eine aufwendige Großfabrik zu bauen. Die Bauern vor Ort können sich eine solche Fabrik nicht leisten und auch nicht betreiben. Außerdem sind für die rentable Bewirtschaftung einer solchen Großfabrik Plantagen notwendig. Das wiederum würde Monokulturen nach sich ziehen. „Zurzeit wird der Kakao in Mischkulturen angebaut. Diese Biodiversität zu zerstören, würde mit dem Nachhaltigkeitsansatz kollidieren“, sagt Müller. Eine Kleinfabrik dagegen entspricht der vorherrschenden kleinbäuerlichen Produktionsweise. Die Erträge ermöglichen die Herstellung von etwa 50 Kilogramm Kakaomasse pro Stunde. Außerdem könnte man in einer solchen modularen, flexiblen Kleinfabrik auch andere Produkte verarbeiten wie Kaffee oder Sheabutter.

Bei der Suche nach einem passenden Produkt sahen die Studierenden in der Herstellung von Kakaomasse das größte Potenzial für eine nachhaltige Wertschöpfung, denn in Sierra Leone wird der auf dem Weltmarkt begehrte Kakao angebaut. Was bislang fehlt, ist die Weiterverarbeitung des Rohproduktes in ein Gut mit höherem Geldwert. Der Kakao wird bisher lediglich als Rohstoff verkauft, zu sehr niedrigen Preisen. Deshalb profitieren die Menschen kaum vom Anbau.

Für die Kakaomasse sprach zudem, dass der Kakaoanbau der zweitwichtigste Wirtschaftszweig in Sierra Leone ist. Die Landwirtschaft würde gefördert und die Herstellung der Kakaomasse ist in einfachen Produktionsschritten möglich. Unterstützt wird die Idee auch durch das Fair-Trade-Prinzip und die Welthungerhilfe, die 3000 Kleinbauern in Sierra Leone hilft, die Qualität der Kakaobohnen zu verbessern.

Pia Gausemeier sieht in der Kleinfabrik so etwas wie einen Nukleus, aus dem sich eine landwirtschaftliche Kooperative entwickeln könnte. Das wiederum würde weitere Impulse für die dörfliche Gemeinschaft geben.

„Eine Lösungshypothese, die wir im SFB formuliert haben, um ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig zu produzieren, heißt dezentrale Wertschöpfung“, sagt Gausemeier. Das Konzept einer Kleinfabrik verkörpere genau diese Idee. „Aber um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich ist eine solche Kleinfabrik keine Lösung für eine nachhaltige Produktion in einem hochentwickelten Industrieland oder in einem Schwellenland. Im Sonderforschungsbereich geht es gerade darum, für unterschiedliche Entwicklungsniveaus Wege nachhaltiger Produktion zu finden.“ Sybille Nitsche

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