Zeitung Heute : Minibranche mit Jobchancen

RITA MOHR

Iris Frische ermittelt - allerdings nicht als neue TV-Kommissarin, sondern als Marktforscherin. Sie findet heraus, welche Zuschauer am liebsten Quizsendungen sehen oder wer sich für Krimis begeistert. Aus den erhobenen Fernseh- und Hörfunkdaten liest sie Trends ab. Robert Wieland forscht indessen für seine Kunden nach dem günstigsten Preis. In Zeiten heißer Marktgefechte in der Telekommunikation, im Automobilbau und bei Finanzdienstleistern gibt es für ihn viel zu tun. Denn seine Auftraggeber sind häufig große Firmen, die allein mit niedrigen Telefontarifen große Summen sparen können.

Es gibt kaum noch Bereiche, die nicht in den Händen der professionellen "Nasenzähler" landen. Deshalb hat sich ihr Umsatz in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt - auf inzwischen über 2,3 Milliarden Mark oder 1,16 Milliarden Euro. Über 80 neue Institute schossen seit 1990 bundesweit aus dem Boden und auch die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich. Mittlerweile ernährt die Marktforschung über 9000 Angestellte, die vielen Freiberufler nicht mitgerechnet - und die Einstiegschancen stehen gut, die meisten Unternehmen der Branche suchen derzeit geeignete Bewerber.

Wer in dieses Geschäft will, muß jedoch einiges bieten. "Einen Hochschulabschluß in Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften oder anderen Studiengängen, die Statistik-Kenntnisse vermitteln, und Praktika in Marktforschung oder Marketing sollte man schon mitbringen", sagt Marina Klusendick vom Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher (BVM) in Offenbach. "Auslandsaufenthalte, der sichere Umgang mit Menschen und ein hohes Engagement samt Bereitschaft zu Überstunden sollten dazukommen." Verlangt sind zudem analytisches Denken, Kenntnisse in der Informationstechnologie und Organisationstalent. Schließlich geht es darum, Daten zu sammeln, die anschließend eine zuverlässige Geschäftsgrundlage für die Auftraggeber bilden sollen. Diesen hohen Anforderungen stehen zunächst bescheidene Einstiegsgehälter gegenüber. Klusendick zufolge liegen die zwischen 4000 und 5000 Mark im Monat. Jahresgehälter zwischen 120 000 und 150 000 Mark erwartet sie für die meisten erst nach fünf Jahren. Ähnliche Zahlen nennt die Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK) in Nürnberg. Ihren Zahlen zufolge liegt das Einstiegsgehalt bei 5500 Mark; Emnid beruft sich auf den Haustarif "in der Anfangszeit", während die Münchener Firma Infratest Burke alle Gehälter verhandelt: wer zwischen 60 000 und 65 000 Mark im Jahr anpeile, liege "relativ realistisch", so die Personalentwicklerin Silke Voertmann.

Und auch der Aufstieg in den Research-Instituten endet meist früh. Die Institute pflegen die flache Hierarchie, was laut Klusendick an der hohen Qualifikation der Mitarbeiter liegt. Gerade in kleineren Häusern kommen viele nur bis zum Projektleiter, weil darüber allein der Geschäftsführer thront. So mancher schafft einen Schritt auf der Karriereleiter deshalb nur durch einen Firmenwechsel. In den ersten Jahren allerdings steigen viele in atemberaubendem Tempo auf. So avancierte Christine Zuber in nur drei Jahren zum Senior Consultant von Infratest Burke. Sie überzeugte ihren Arbeitgeber mit zahlreichen Vorträgen vor Fachpublikum.

Doch wer seine Mitarbeiter nicht an die Marktforschungs- oder Marketingabteilungen der eigenen Kunden verlieren will, läßt sich etwas einfallen. Die Institute verkaufen sich und ihre Mitarbeiter zunehmend als "Problemlöser", die bei den Auftraggebern auch beraten oder schulen. Damit geraten sie in die Nähe zu Unternehmensberatungen, erhöhen aber ihre Attraktivität trotz der begrenzten Karrierechancen. Denn mit den neuen Geschäftsfeldern wird der ohnehin abwechselungsreiche und kreative Job - wie die Forscher behaupten - um weitere Varianten ergänzt.

Perspektiven eröffnen sich hier vor allem für Studien- oder Projektbetreuer. Einer von ihnen ist Fred Hogen. Der Sales Manager der Frankfurter A.C. Nielsen GmbH hat sein Repertoire über den klassischen Research-Bereich ausgedehnt. Er bedient seine Kundschaft jetzt zusätzlich mit Verkaufsstrategien und Schulungen. Auch bei seiner Kollegin Uta Steinberg sind die Übergänge zwischen Forschen, Lehren und Verkaufen fließend geworden. Sie flankiert ihre Projekte mit Kundentrainings.

Die Marktforscher sitzen nicht wie die Unternehmensberater monatelang in den Büros ihrer Auftraggeber. Dennoch wird ein Umstieg in die Zunft der erheblich besser bezahlten Beraterkollegen für immer mehr Research-Profis zu einer Perspektive. Für Ingo Sander, der als Kommunikationswissenschaftler bei Emnid in fünf Jahren zum Bereichsleiter aufgestiegen ist, ist "der Sprung nicht weit." Er selbst liebäugelt nicht mit diesem Schritt, sein Vorgänger allerdings hat ihn getan - und mit den Erfahrungen der Profi-Zähler sind die Voraussetzungen dafür nicht gerade die schlechtesten.

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