Zeitung Heute : mir... Vertraue

... säuselt die Schlange im „Dschungelbuch“. Lenin sagt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ja was denn nun? Vertrauen Sie bitte unserem Report.

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Von Wolfram Eilenberger Die Ökonomen klagen, die Pädagogen mahnen, die Soziologen befragen und die Politologen nicken. Denn Deutschland, so lautet die Diagnose, steckt in einer Vertrauenskrise . Es vertraut weder sich selbst noch seinen Nachbarn, weder der Politik noch der Wirtschaft, weder den Unternehmern noch den Gewerkschaften, von der Fußballnationalmannschaft nicht zu reden.

Öffentlich ausgelöst wurde der Vertrauensalarm von Gesine Schwan, die den Begriff des Vertrauens ins Zentrum ihrer Präsidentschaftskampagne stellte, was Widersacher Horst Köhler so gut gefiel, dass er den Begriff gleich übernahm und den scheidenden Bundespräsidenten Johannes Rau dazu veranlasste, seine Berliner Abschiedsrede dem Thema Vertrauen zu widmen. Er wolle „über das sprechen, was die notwendigen Veränderungen in diesem Land überhaupt erst möglich macht, nämlich Vertrauen".

Der gefühlte Vertrauensverlust hat aber auch eine empirische Basis . Während das Vertrauen in die engsten Bezugspersonen, also Familie und Freunde, in Deutschland weitgehend intakt ist – ihnen vertrauen knapp 90 Prozent der Bundesbürger –, stecken vor allem die führenden Institutionen in einer Vertrauenskrise. Nach jüngsten Umfragen vertrauen nur 20 Prozent der Bevölkerung dem Deutschen Bundestag, 25 Prozent der Europäischen Union und keine 50 Prozent dem Bildungswesen (1999 waren es noch 73 Prozent). Ebenso schwach ist das Vertrauen in die Gewerkschaften, denen nur jeder fünfte Deutsche vertraut. Unterboten wird diese Zahl noch von dem Glauben an die großen Wirtschaftsunternehmen, die gerade mal 18 Prozent der Deutschen für vertrauenswürdig halten.

Tatsächlich gibt es messbare Gründe für dieses Phänomen. Sie treten besonders deutlich im Vergleich mit Ländern hervor, die über eine intakte Vertrauenskultur verfügen. Alle empirischen Studien weisen hier nach Skandinavien, in die so genannten „High-Trust-Societies“. In Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland vertrauen die Menschen einander so stark wie nirgends sonst auf der Welt. Sowohl das Vertrauen in die Mitbürger (soziales Vertrauen) als auch das in öffentliche Institutionen wie Parlament, Polizei oder Schulsystem ist in diesen Ländern am höchsten.

Was haben die Skandinavier, was wir nicht haben? Sind sie einfach gutgläubiger, gar schlicht die besseren und damit vertrauenswürdigeren Menschen? Jan Delhey vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der skandinavischen Sonderposition beschäftigt: „Vertrauen", sagt er, „hängt von mehreren Faktoren ab. Die ethnische Homogenität einer Gesellschaft spielt ebenso eine Rolle wie hohes Wohlstandsniveau.“ Wichtig seien aber auch ein geringes soziales Gefälle zwischen Arm und Reich und nicht zuletzt eine demokratische Kultur, Transparenz und Mitbestimmungsmöglichkeiten – was alles in Skandinavien gegeben sei. Außerdem, so Delhey, hingen hohes gesellschaftliches Vertrauen auch mit dem Protestantismus zusammen: „Gesellschaften, die protestantisch geprägt sind, weisen in Europa durchgängig höhere Vertrauenswerte auf als katholische Länder wie Spanien, Italien, Polen, die am Ende der europäischen Vertrauensskala stehen.“ Allgemein könne man sagen, dass gesellschaftliches Vertrauen ein Wohlstandsphänomen sei. „Je ärmer die Länder, desto geringer die Vertrauenswerte."

So ist Vertrauen also auch eine wirtschaftliche Ressource, auf die sich die Aufhebung des Kündigungsschutzes, ein Abbau von Sozialleistungen und die sich immer weiter öffnende Schere in der Einkommensverteilung schädlich auswirken müssen – und damit auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes. Dabei spart Vertrauen nachweislich bares Geld, ist ein echter Standortfaktor . Nach Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Arrow handelt es sich beim Vertrauen gar um das „unersetzliche Schmiermittel" für jede Geschäftsbeziehung. Vertraut man dem anderen, so senkt das die Kosten beträchtlich, man denke nur an lange Verhandlungen, teure Versicherungen und noch höhere Anwaltskosten. Nicht zuletzt spart Vertrauen wertvolle Zeit.

Innerhalb der Betriebe und Unternehmen wird die Bedeutung von Vertrauen in den vergangenen Jahren deshalb immer stärker wahrgenommen. Wo Misstrauen herrscht, gemobbt wird oder Informationen vorenthalten werden, leidet die Gesamtleistung . Wie gut ein Betriebsklima ist, hängt also maßgeblich von der Vertrauensbereitschaft der Mitarbeiter ab. Nach jüngsten Zahlen haben aber nur elf Prozent aller Beschäftigten „sehr viel Vertrauen" zu ihren Kollegen.

„In den letzten Jahren", sagt der Pädagoge und Vertrauensforscher Martin Schweer von der Universität Vechta, „sind die Unternehmen immer stärker auf das Thema aufmerksam geworden und bieten mittlerweile auch interne Schulungen an." Schweer betont in diesen Kursen aber immer wieder, wie individuell Vertrauensvorstellungen sind. Ob und wem ein Mensch vertraut, hänge stark von der eigenen Geschichte und der jeweiligen Situation ab. Es gebe keine allgemeingültigen Strategien. Vor allem aber dürfe Vertrauen nie zur Strategie werden. Sobald der Verdacht aufkommt, Vertrauen werde als Mittel zum Zweck genutzt, tritt der gegenteilige Effekt ein. „Wer Vertrauen instrumentalisiert, zerstört es."

Da liegt es also, das Vertrauen, irgendwo zwischen uns, unsichtbar, für niemanden zu kontrollieren, und doch bildet es die stillschweigende Basis, mit der jede gemeinsame Handlung ihren Anfang nimmt. Wenn Wohlstand die Bedingung für Vertrauen und Vertrauen die Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg bildet, ist eine messbare Vertrauenskrise ein alarmierender Zustand – und gleichzeitig der beste Grund, sich ein Herz zu fassen und bewusst wieder mehr zu vertrauen: Mitarbeitern im Büro, Politikern, womöglich sogar der Wirtschaft. Vielleicht kommt es ja dann eines Tages doch wieder zurück.

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