Miriam Meckel : „Meine Seele war ein dunkles Loch“

Sie hat sich krankgearbeitet – am Ende hat schlichtes Kofferpacken sie überfordert. Miriam Meckel über Burnout, wie man es vermeidet und warum Kochen helfen kann.

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Miriam Meckel -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frau Meckel, vor drei Jahren haben Sie im Buch „Das Glück der Unerreichbarkeit“ Ihren Lesern den Rat gegeben, öfter mal das Handy auszuschalten oder E-Mails zu ignorieren. Nur Monate später erlitten Sie selbst einen Zusammenbruch. Warum haben Sie nicht auf sich selbst gehört?



Es ist leichter, ein Problem intellektuell zu begreifen, als es praktisch zu lösen. Mir musste das Stoppschild erst auf den Kopf fallen. Allerdings entsteht ein Burnout auch nicht in ein oder zwei Jahren, sondern über lange Zeit. Bei mir waren das 15 Jahre, in denen ich mir viel zu viel aufgeladen, wirklich wild gearbeitet habe und um die Welt geflogen bin. Das rächt sich irgendwann. Da war meine Fernbeziehung ...

... Ihre Lebensgefährtin Anne Will wohnt in Berlin, Sie in der Schweiz ...


... und da waren vor allem berufliche Termine: Vorlesungen, Fernsehauftritte, Konferenzen. Nach dem Zusammenbruch braucht man zehn Prozent der Zeit, die für das Entstehen des Burnouts verantwortlich war, um sich zu regenerieren. Das wären bei mir anderthalb Jahre. Die sind nun fast vorbei, aber ich beobachte mich noch genau, bin immer noch sehr vorsichtig und sensibel.

Tatsächlich? Mit „Brief an mein Leben“ haben Sie nun gleich ein Buch über Ihren Burnout geschrieben – und touren damit durch die Republik. Ist nicht auch dieses Interview wieder Teil der Arbeitswut, die Sie so krank gemacht hat?

Ich toure nirgendwohin, außer in die USA, für einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt. Aber das Thema ist mir wichtig, und deshalb spreche ich zum Beispiel mit Ihnen. Burnout ist eine Zivilisationskrankheit, ein Ausdruck unserer stressigen Zeit. Mehr und mehr Menschen leiden darunter. Gleichzeitig ist die Krankheit noch mit einem Stigma behaftet. Man muss das thematisieren, so wie auch die Depressionen – es war kein Zufall, dass der Tod von Robert Enke so viele Menschen berührt hat.

Zur Therapie sind Sie vier Wochen in eine Klinik im Allgäu gegangen. Schon dort haben Sie begonnen, an dem Buch zu schreiben.

Ja, etwa zwei Drittel sind dort entstanden. Erst mal handgeschrieben, aber ich habe den Text dann ins Laptop getippt – meine Schrift ist schrecklich, ich kann sie oft nach dem Schreiben selbst nicht mehr lesen.

Sie sind ja verrückt! In der Klinik sollten Sie doch ausnahmsweise mal gar nichts tun.


Schreiben durfte ich, das war Teil der Therapie. Für mich ist Schreiben Teil meines Lebens. Zur Heilung gehört auch, sich nicht völlig vom eigenen Ich abzukoppeln. Zunächst habe ich wirklich nur für mich geschrieben, das brauchte ich einfach, um meine Gedanken zu ordnen. Die Idee zu dem Buch kam später. Ich bin in diese Klinik wie eine nicht teilnehmende Beobachterin reingekommen – bis dahin lebte ich in der Welt der immer funktionierenden Menschen. Deshalb fiel es mir nicht leicht, mich auf den Klinikalltag einzulassen.

Was war die interessanteste Erkenntnis, die Sie dort gewonnen haben?


Es war eine Klinik, in der es viele Burnout-Patienten gab. Ich fand es überraschend, wie viele und wie viele unterschiedliche Leute von der Krankheit betroffen sind. Nicht nur Manager, wie man immer glaubt. Auch Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern, Lehrer, Postbeamte. Frauen wie Männer. Die meisten leiden an einer Kombination aus einem totalen Erschöpfungssyndrom und einer körperlichen Erkrankung – Probleme mit dem Magen, dem Stoffwechsel, der Haut, der Bandscheibe. Es gibt Menschen, die plötzlich nicht mehr richtig sehen können, anderen fallen die Zähne aus. Das hat mich schon erschreckt.

Nach einer Schätzung leidet jeder Neunte in Deutschland an Burnout, darunter immer mehr junge Frauen. In welcher Situation wussten Sie: Ich kann nicht mehr, ich brauche Hilfe?


Als ich eines Morgens versuchte, meine Koffer zu packen, weil ich wieder für Wochen unterwegs war. Ich konnte das nicht. Kleidung in den Koffer zu legen hat mich überfordert. Dann habe ich versucht, etwas anderes zu machen, habe mich an den Computer gesetzt. Ich sah 100 rote, ungeöffnete E-Mails. Dann ging nichts mehr – Implosion.

Der Kraftprotz Oliver Kahn musste vor Jahren mal erleben, dass er eine normale Treppe kaum noch bewältigen konnte. Auch bei Ihnen gingen die psychischen Probleme einher mit körperlichen.


Ich war buchstäblich platt! Schon in der Nacht zuvor hatte ich fast nicht geschlafen vor lauter Bauchschmerzen. Ich litt unter Schweißausbrüchen. Dass etwas nicht stimmte, ahnte ich schon seit Wochen. Da war diese Magen-Darm-Infektion, wegen der ich so gut wie nichts mehr essen konnte.

Sie sagen selbst, es gäbe noch ein Stigma. Haben Sie sich geschämt für die Krankheit?


Nein, aber ich brauchte Zeit, um zuzugeben, dass ich sie habe. Auch um wirklich zu verstehen. Am Anfang glaubte ich, dieser totale Zusammenbruch liege nur an der Infektion und daran, dass mein Stoffwechsel nicht mehr richtig funktionierte. Teilweise war das wohl auch der Fall: Mein Körper nahm keine Nährstoffe mehr auf, deshalb konnten Körper und Gehirn nicht mehr richtig versorgt werden. Aber das war eben nicht der einzige Grund. Auch meine Seele war nur noch ein dunkles Loch.

Ein Vorurteil lautet, Burnout-Erkrankungen seien eine Modeerscheinung – das liegt nicht zuletzt an dem englischen Namen, der erstmals 1974 in den USA auftauchte. Wer unter Burnout leidet, hat Stress, und wer Stress hat, ist wichtig.


Das ist Unsinn. Es gibt auch Mediziner, die sagen, Burnout gäbe es gar nicht, das sei eine spezifische Form der Depression. Es bringt doch nichts, darüber zu streiten, ob man ein Burnout Burnout nennen soll – genauso wenig, wie man darüber streiten kann, ob ein Mittagsschlaf Powernap heißen darf. Es geht doch nicht um die Begriffe, sondern um die Frage: Warum gibt es das so häufig und was kann man dagegen tun? Ich spreche von Burnout, obwohl ich den Begriff doof finde, einfach weil man dann am besten weiß, worum es geht.

2005 schrieb das „Handelsblatt“: „Es gibt Professoren, die beschweren sich über die hohe Arbeitsbelastung, über die vielen Vorlesungen, Klausuren, Doktoranden. Und es gibt Miriam Meckel.“

Na ja, manchmal habe ich mich schon beschwert. Das sind diese Labels, die man medial aufgedrückt bekommt! Ich kann damit wenig anfangen.

Böse gesagt: In Ihrem Fall war die Erkrankung fast unausweichlich. Sie haben unterrichtet, Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel geschrieben und irgendwann noch gebloggt und getwittert. Aber warum fühlt sich etwa eine Bäckereiverkäuferin ausgebrannt?

Mobbing am Arbeitsplatz ist zum Beispiel ein unmenschlicher Stressfaktor, der überall vorkommt. Oder wenn es Ihnen nicht mehr gelingt, Privates und Berufliches miteinander zu vereinbaren: Wenn ein Paar mehrere Kinder hat und beide arbeiten müssen, es reicht aber finanziell nicht, eine Kinderfrau zu engagieren. Oder die Angst: Werden wir in Zukunft noch genug Geld haben, um über die Runden zu kommen?

1999 bekamen Sie mit nur 31 Jahren einen Lehrstuhl an der Uni Münster – und wurden zur jüngsten Professorin Deutschlands. Wenn man mit Ihren Kollegen aus der Medienwissenschaft spricht, heißt es, Ihre Berufung habe viel Neid ausgelöst. Haben Sie sich in die Arbeit gestürzt, um es all den Kritikern zu zeigen?


In Deutschland gibt es sehr festgefügte Vorstellungen davon, wann man welche Karriereschritte machen darf. Anders als im angloamerikanischen Raum ist es hier in der Wissenschaft auch eher unüblich, Bücher wie „Das Glück der Unerreichbarkeit“ zu schreiben, die sich an ein breiteres Publikum richten. Als ich in der Politik war, als Professorin, als junge Frau und als Parteilose ...

... Im Jahr 2001 machte Sie Wolfgang Clement zur Regierungssprecherin und zur Staatssekretärin für Medien in Nordrhein-Westfalen ...


... da war ich ein echtes Alien. Viele wussten einfach nicht, was das denn jetzt soll. Meine Devise lautete immer: Das ist nicht mein Problem, sondern eures! Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Wie alle Menschen freue ich mich, wenn ich Anerkennung für meine Arbeit kriege. Neid hingegen motiviert mich nicht, er stößt mich ab. Ich habe einfach immer sehr gerne gearbeitet. Das Problem war, dass ich die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit nicht kannte.

Was war der wichtigste Teil der Burnout-Therapie?


Es war eine Kombination aus chinesischer Medizin, etwa Akupunktur, Sport, Gesprächen und vor allem Ruhe. Danach ging es mir sehr viel besser.

Warum mussten Sie in der Klinik einmal eine ganze Nacht wach bleiben?


Weil Schlafentzug Schlafstörungen reduzieren kann, er setzt die Produktion von Botenstoffen im Gehirn in Gang. Vor dem Klinikaufenthalt bin ich oft um 4 Uhr nachts hochgeschreckt und musste an all die Dinge denken, die noch zu erledigen waren. In der Klinik selbst war ich eigentlich so erschöpft, dass ich gut und lange geschlafen habe. Trotzdem hat mir der Schlafentzug geholfen, danach bekam mein Schlaf eine ganz andere Qualität. Es gab aber auch Patienten, die fast gar nicht mehr durchschlafen konnten und ihren Rhythmus erst durch mehrere durchwachte Nächte wiedergefunden haben.

Legen Sie heute Tage ein, an denen Sie, wie in der Klinik, gar nichts machen?

Klar! Ich verbringe regelmäßig Wochenenden in meiner Wohnung in St. Gallen und ruhe mich wirklich aus. Vielleicht telefoniere ich mal mit meiner Freundin oder mit meinem Vater, aber ansonsten bin ich mein eigenes kleines Raumschiff, das still durch die Welt gleitet. Zeit, zu lesen, Tee zu trinken, klassische Musik zu hören und Texte zu schreiben. Dann bin ich produktiv, aber nicht gestresst.

Das erinnert eher an das, was der Journalist Jakob Schrenk in seinem Buch „Die Kunst der Selbstausbeutung“ beschrieben hat: Die räumliche Trennung von Arbeit und Leben löst sich immer mehr auf, der Beruf verfolgt uns bis ins Wohnzimmer. So befinden Sie sich doch auf dem Weg zum nächsten Burnout.

Gar nicht, denn ich spüre inzwischen sehr genau, was für mich eine Bereicherung ist und was an mir zehrt. Ich muss in meinem Job Dinge tun, die ich hasse: alles, was mit Bürokratie zu tun hat, Anträge schreiben und so weiter. Das nervt mich, das würde ich sonntags nie machen. Außerdem habe ich mit einem Arzt gesprochen, der sagte mir: Schließ mal die Augen und stell dir die Menschen vor, die dir etwas geben – und dann die, bei denen du das Gefühl hast: Die saugen mich nur aus! Und, pling!, tauchten vor meinem geistigen Auge sofort Gesichter auf. Und daraus habe ich dann Konsequenzen gezogen und einige Kontaktdrähte abkühlen lassen.

Auch die zu Ihrem Blackberry?


Ja, den habe ich abgeschafft. Es geht aber nicht darum, abstinent zu sein von allen elektronischen Kommunikationsmitteln, dann wäre man ein sozialer Eremit. Die Frage ist auch hier: Was tut mir gut? Ich bin zum Beispiel eine begeisterte Simserin: SMS nutze ich fast nur privat, zum Kontakt mit Freunden, ich finde, das ist eine sehr unaufdringliche Form der Kommunikation. Telefonieren dagegen hasse ich. Ich habe auch keine Mailbox mehr, weil mich das genervt hat, dass da ständig Leute draufquatschen und das Gefühl haben, sie hätten ihr Anliegen bei mir abgelegt und ich müsse mich jetzt darum kümmern. Nö, mache ich nicht mehr mit. Und was E-Mails angeht: Da habe ich feste Regeln. Ich gucke morgens, mittags, abends rein, und zwischendurch mache ich das Ding einfach aus.

Psychologen raten Menschen wie Ihnen zusätzlich: Suchen Sie sich Hobbys, führen Sie positive Selbstgespräche, machen Sie Yoga!

Ich habe kochen gelernt! Das ist eine schöne, neue Erfahrung, mir und anderen mit selbst gekochtem Essen eine Freude zu bereiten. Das Kochen an sich ist für mich fast ein meditativer Prozess.

Eigentlich schade, dass es den klassischen Bürojob – von neun bis fünf – kaum mehr gibt.

Ach, den gibt es zuweilen schon noch. Als ich das erste journalistische Praktikum beim ZDF gemacht habe, gab es in der Redaktion drei fest angestellte Redakteure, die eigentlich gar nichts gemacht haben. Aber ich glaube nicht, dass die drei glücklich waren, das kann zu einem Riesenfrust führen.

Wissenschaftler nennen das Boreout – von „boredom“, dem englischen Wort für Langeweile. Nur geht die Entwicklung ja seit Jahren in eine andere Richtung. Politik und Wirtschaft predigen, die Menschen müssten mehr leisten und flexibler werden.

Richtig, und dabei wurde vernachlässigt, dass eine gewisse Sicherheit und Konstanz für die meisten Menschen durchaus wichtig sind. Aber ich glaube, dass sogar in Unternehmen die Erkenntnis wächst, es ist nicht von Vorteil, die Mitarbeiter bis zum Gehtnichtmehr auszupowern.

Also bitte: Das klingt ein wenig naiv.


Überhaupt nicht. Wenn Führungskräfte wegen eines Burnouts monatelang ausfallen, dann ist das ein Problem für die Firma. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, dass Krankheiten, die durch Stress und Überarbeitung entstehen, im kommenden Jahrzehnt die meisten Kosten verursachen werden. Ich bin nach dem Erscheinen von „Das Glück der Unerreichbarkeit“ oft von großen Konzernen eingeladen worden, um über Überlastungserscheinungen und „Information Overload“, also ein Zuviel an Information, zu sprechen. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für diese Probleme. Manche Unternehmen haben schon Regeln aufgestellt, um den Stress ihrer Mitarbeiter zu verringern. Beim Chiphersteller Intel gibt es einen E-Mail-freien Freitag. Und Booz Allen Hamilton, eine Beratungsfirma, hat eine Regel des Blackberry-freien Wochenendes eingeführt.

Bisher haben Sie Ihr Privatleben eher unter Verschluss gehalten. Erst die „Bild“-Zeitung machte im November 2007 Ihre Beziehung mit Anne Will öffentlich. Nun sprechen Sie über eine sehr intime Geschichte. Sind Sie jetzt Ihr eigener Paparazzo?


Wenn Sie das Buch aufmerksam gelesen haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass manches fehlt. Während des Burnouts war es für andere Menschen nicht vergnüglich, mit mir umzugehen. Zu diesem Thema hätte ich viel erzählen können, habe es aber nicht getan. Ich glaube, der Text ist persönlich, aber nicht freigiebig.

Was macht Sie so sicher, dass Sie nicht bald wieder vor den gleichen Problemen stehen?


Jetzt verschwinde ich erst mal in die USA. Nach Diktat verreist, sozusagen, zum Forschen an der Harvard-Universität. Ich genieße das schon allein wegen der Zeitverschiebung. Mindestens die Hälfte des Tages bin ich unbelastet von dem, was in Deutschland passiert – denn dann schlafen dort schon alle.

Autor

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