Zeitung Heute : Misanthropen

Der Tagesspiegel

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In Thomas Bernhards Romanen finden wir immer wieder den misanthropischen Intellektuellen, der Zuflucht bei einem bodenständigen Tatmenschen sucht. Dort wird ihm warm ums Herz, dort finden seine verzweifelten Monologe ihren Adressaten. In Bernhards wirklichem Leben ist Karl Ignaz Hennetmair so ein rettender Zuhörer gewesen. Ein österreichischer Geschäftsmann, der unter anderem als Ferkelgroßhändler Erfolg hatte. Nachdem Thomas Bernhard nicht nur berühmt, sondern auch reich geworden war, verkaufte Hennetmair ihm Wälder und Immobilien. Sie schlossen Freundschaft, und irgendwann begriff der Tatmensch, dass die Monologe seines Freundes, die ja eigentlich zur Sphäre der Realität gehörten, ebensogut als Kunstwerke betrachtet werden können. Er protokollierte die Reden des Dichters. Ein üppiges Material entstand, das nach jahrelangem Verschluss nun den Weg auf den Buchmarkt gefunden hat. Die Autorin Heike Tauch hat die Texte fürs Radio bearbeitet, Regisseur Ulrich Gerhardt daraus ein sublimes Hörspiel gemacht. Für alle Freunde des Dichters ist „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ eine Fundgrube biografischer Ankedoten und authentischer Lebensweisheiten (SWR 2, 4. April, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Viele Bernhard-Figuren sind ja nicht nur Misanthropen, sondern auch gewaltige Spaziergänger gewesen. Was sie mit dem Philosophen Nietzsche verbindet. Nietzsches Suche nach einsamen Gegenden führte auch ins schweizerische Sils-Maria. Dort, „sechstausend Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen“, fand er den wichtigsten Gedanken seines Spätwerks. Die „Ewige Wiederkehr“ war grandioser Entwurf und fixe Idee zugleich. Ludger Lütkehaus ist auf Nietzsches Spuren nach Sils-Maria gereist. In vielen Anläufen umkreist sein Feature „Denkorte“ die untergründigen Verbindungen zwischen dem Geist einer Landschaft und dem Geist eines Mannes, der diese Landschaft als grübelnder Spaziergänger durcheilt (SWR 2, 3. April, 21 Uhr).

Es ist nicht bekannt, ob der Theatermacher Peter Stein zur Spezies der leidenschaftlichen Spaziergänger zu zählen ist. In seiner Vita lesen wir nur, dass er in Italien ein Gut besitzt und dort Weizen und Oliven anbaut. Misanthropie findet sich in Steins öffentlichen Äußerungen aber immer häufiger. Der einstige Schaubühnenchef ist ein zorniger älterer Herr geworden. Einer, der ohnmächtig zusehen muss, wie die Jugend das kulturelle Erbe verschleudert. Unter anderem darüber redet Stein in Tita Gaehmes Feature „Mehr als ein Theatermann“ (Deutschlandfunk, 5. April, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

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