Zeitung Heute : Miss Perfect wird nervös

Mit Krafttraining beginnt sie ihren Arbeitstag um fünf, er dauert bis 22 Uhr. Condoleezza Rice ist unermüdlich. Jetzt kommt Bushs Sicherheitsberaterin unter Druck. Hat sie die Gefahr durch Al Qaida unterschätzt?

Malte Lehming[Washington]

Sie war noch klein, elf Jahre alt. Das war 1965. Da nahm sie ihr Vater, ein schwarzer Prediger aus Alabama, mit auf eine Reise in die Hauptstadt Washington. Fast jedes amerikanische Kind wächst mit dem Satz auf: „Auch du kannst Präsident werden.“ Das hatte der Vater von Condoleezza Rice seiner Tochter ebenfalls gesagt. Damals durften viele Schwarze nicht einmal wählen. Nun stand das junge Mädchen vor dem Weißen Haus. Es sah seinen Vater an und sagte: „Eines Tages werde ich in diesem Haus sein.“

Das ist sie nun seit mehr als drei Jahren. Condi, wie sie jeder nennt, hat ihr Büro nur wenige Schritte vom „Oval Office“ entfernt, wo der Präsident sitzt. Sie ist die Frau an seiner Seite, seine Sicherheitsberaterin, die mächtigste Frau der USA. Am Wochenende begleitet sie George W. Bush nach Camp David, nimmt er sich mehrere Tage frei, fährt sie mit ihm auf seine Ranch. Bush vertraut ihr. Niemand sieht und spricht ihn öfter als sie. „Mit Condi kann ich völlig frei reden“, sagt er. Manchmal mokiert er sich über ihre Bemutterung. Aber ohne den Rat der Professorin für Internationale Politik wäre er aufgeschmissen, würde aufgerieben von den ideologischen Gefechten zwischen einerseits Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld, andererseits Außenminister Powell.

Stets diskret

Die Stärke der 49-jährigen Rice war es bislang, die internen Zwistigkeiten ausgleichen zu können. Mit Powell ist sie gut befreundet, politisch neigt sie eher den Falken im Kabinett zu. Welchen Standpunkt sie genau vertritt, weiß allerdings nur sie allein. Rice moderiert, fragt nach, bleibt diskret. In Porträts über sie tauchen oft Begriffe wie „unnahbar“ und „rätselhaft“ auf. Sie kann offen und warm sein, aber auch hart und entschlossen. Laut wird sie nie, stattdessen kühlt ihre Stimme, wenn sie sich angegriffen fühlt, langsam ab, die dunklen Augen ziehen sich zusammen.

Ihr Vorbild im Amt ist gleichzeitig ihr Mentor, Brent Scowcroft, der Sicherheitsberater des ersten Präsidenten Bush. Er war es, der Rice 1989 von der Elite-Universität Stanford zum ersten Mal ins Weiße Haus geholt hatte. Dort war sie zuständig für Osteuropa und die Sowjetunion. Rice bereitete die Gipfeltreffen zwischen Bush und Gorbatschow vor und die Zwei-plus-vier-Gespräche. Darüber schrieb sie gemeinsam mit Philip Zelikow das Buch „Sternstunde der Diplomatie – Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas“.

Scowcroft liebte die Diskretion. Galten Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger im Amt als geostrategische Schwergewichte, die das Rampenlicht genossen, bevorzugte Scowcroft die Kunst des Strippenziehens. Ein guter Sicherheitsberater, meinte er, müsse im Hintergrund wirken. Diese Devise hatte sich auch Rice zu Eigen gemacht – bis vor zehn Tagen. An jenem Montag absolvierte Rice erst eine Tour durchs Frühstücksfernsehen. Dann setzte sie sich zum Hintergrundgespräch mit Korrespondenten zusammen. Am Abend schließlich ließ sie sich noch von NBC News und Fox News interviewen. Wer immer den Fernseher einschaltete, sah die resolute, schwarz gekleidete Frau, die sich ihrer Haut erwehren musste.

Denn am selben Tag war einer ihrer Mitarbeiter, der Terrorexperte Richard Clarke, an die Öffentlichkeit gegangen. Er beschuldigte die Regierung, die Gefahr durch Al Qaida vor dem 11.September 2001 unterschätzt und später, durch einen törichten Krieg gegen den Irak, den Kampf gegen den internationalen Terrorismus geschwächt zu haben. Über sein erstes Treffen, Anfang des Jahres 2001, mit der neuen Sicherheitsberaterin im Weißen Haus, schrieb Clarke süffisant: „Der Gesichtsausdruck von Rice vermittelte mir das Gefühl, dass sie den Begriff ,Al Qaida’ niemals zuvor gehört hatte.“ Das saß. Seitdem poltert Condi zurück. Clarke sei „extrem arrogant“, schimpft sie. Doch abgesehen von den persönlichen Attacken offenbart der Streit einen sachlichen Kern. Am vergangenen Montag fragte das „Time“-Magazin in seiner Titelgeschichte: „Ist Condi das Problem?“ Clarkes Vorwürfe zielten in erster Linie auf die Kompetenz von Rice. Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahren stehe nun sie, die erste Frau in dieser Position, im Fadenkreuz der Kritik.

Das ist sie nicht gewohnt. Es ist ihr erster beruflicher Rückschlag überhaupt. Bislang war Condoleezzas Karriere – den Vornamen entlehnte die Mutter, eine Musiklehrerin, aus dem Italienischen „con dolcezza“, was „mit Sanftmut“ heißt – immer nur steil nach oben gegangen. Sie wächst in Birmingham, Alabama, auf, wo 1963 die Rassenunruhen am heftigsten tobten. Im Sommer des Jahres werden vier schwarze Mädchen bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche getötet, mit einem davon ist die achtjährige Condi befreundet. „Sei doppelt so gut wie alle anderen“, sagen ihr die Eltern. „Nur so kannst du die Vorurteile der Weißen überwinden.“

Früh nimmt das Einzelkind Klavier-, Flöte- und Violinstunden, lernt Französisch und Ballettanz, in der Schule überspringt es zwei Klassen, wird bereits mit 15 Jahren an der Universität von Denver aufgenommen, schließt das Politikstudium mit 19 Jahren ab, ist mit 26 Jahren Professorin und mit Mitte 30 ein allseits respektiertes Mitglied im Sicherheitsrat des US-Präsidenten. Anschließend geht sie an die Stanford-Universität zurück und wird dort 1993 zum „Provost“ ernannt, der obersten akademischen Chefin und Budgetverantwortlichen. Rice ist die Stellvertreterin des Uni-Präsidenten. In ihrer Zeit sinkt die Rate der eingestellten Frauen und Schwarzen. Die Bevorzugung von Minderheiten lehnt sie ab, allein die Leistung entscheidet. Keinem wird etwas geschenkt, jeder ist für sein Schicksal selbst verantwortlich: Diese Überzeugungen hat die fromme Frau verinnerlicht.

Wer hat sie noch geprägt? An oberster Stelle steht Josef Korbel, der Vater von Ex-Außenministerin Madeleine Albright. Korbel, ein tschechischer Dissident, unterrichtete Rice an der Universität von Denver. Er begeisterte sie für die Politik, insbesondere die Geschichte Russlands. Nach ihren Eltern sei Korbel „eine der wichtigsten Personen in meinem Leben“ gewesen, sagt sie. In ihn habe sie sich verliebt. Korbel war ein tief moralischer Mann, der als Jude 1939, nach der Nazi-Invasion, die Tschechoslowakei verlassen musste. Wegen der Machtübernahme durch die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg verließ er die Heimat ein zweites Mal, diesmal endgültig, und emigrierte in die USA.

Macht und Moral: Auf Rice übt diese Kombination, wie sie selbst gesteht, eine unwiderstehliche Faszination aus. In Präsident Bush bündelt sich für sie beides. Es ist ein seltsames Paar. Hier der verwöhnte Sohn aus reichem, weißem Haus, dort die schöngeistige Streberin aus schwarzer Predigerfamilie. Hier der schnoddrige Kumpeltyp, dort die stets perfekt vorbereitete Einzelgängerin. Die Eltern von Rice sind gestorben, sie hat keinen Partner und auch keine Kinder. Ihr Tag beginnt um 5 Uhr morgens mit Krafttraining, ab 6 Uhr ist sie im Büro, nach Hause, in ihre karg möblierte Wohnung im Watergate-Komplex am Potomac, kommt sie selten vor 22 Uhr. Bush hat sie ihr Leben gewidmet, er dankt es ihr mit Anhänglichkeit. Öfter schon war sie im Gespräch als mögliche Nachfolgerin von Cheney oder Powell.

Etwas verstummt freilich sind solche Gerüchte, seitdem die Debatte über die Vorgeschichte der Anschläge vom 11. September 2001 voll entbrannt ist. Eine unabhängige Kommission des Kongresses untersucht, ob die Anschläge hätten verhindert werden können. Durch die Vorwürfe Clarkes sind Bush und Rice massiv unter Druck geraten. Nach langer Zauderei haben sich beide jetzt bereit erklärt, vor der Kommission auszusagen, Rice sogar unter Eid und öffentlich. Das wird spannend. Keiner habe voraussehen können, sagte Rice etwa im Mai 2002, dass Terroristen Flugzeuge entführen und ins World Trade Center fliegen. Wirklich nicht? Laut Clarke seien er und CIA-Chef George Tenet ab Juni 2001 davon überzeugt gewesen, dass eine größere Anschlagserie unmittelbar bevorstehe. Am 6. August 2001 sei Bush informiert worden, dass Al Qaida Flugzeuge entführen wolle. Amerikanische Geheimdienste verfügten über Warnungen, dass diese Flugzeuge als Waffen benutzt werden könnten. Solche Widersprüche wird Rice aufzuklären haben.

Brahms-Sonaten am Klavier

Kaum leugnen kann sie, dass in ihrer gesamten politischen Laufbahn die Themen Islam und Terrorismus keine Rolle spielten. Wichtig waren ihr der Kampf gegen den Kommunismus, die Beziehungen zu China und Europa. In einem berühmt gewordenen Artikel in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ aus dem Jahr 2000 beschuldigte sie die Clinton-Regierung, in der Außenpolitik das Wichtige nicht vom Trivialen unterscheiden zu können.

Das wiegt nun schwer und schwerer. Clarke, der unermüdliche Mahner vor dem Terror, galt lange Zeit als obsessiv. Heute gilt er als Prophet. Und Rice, die den Cellisten Yo-Yo Ma öffentlich am Klavier zu Brahms-Sonaten begleitet, Männer im Tennis schlägt und Dostojewskis „Krieg und Frieden“ auf Russisch liest, ist diese kluge Frau auf einmal von gestern? Ihre Reputation, schreibt „Time“, hänge ganz davon ab, „ob die Wähler im November glauben, dass die Terroristen auf dem Rückzug sind und der Irak stabilisiert wurde“. Wenn das passiert, wird es wieder viele interessante Gerüchte über ihre weitere Karriere geben. Eine Variante: Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 tritt Hillary Clinton gegen Condoleezza Rice an.

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