Missbrauch : Das Ende der Scham

Schuld, Angst, Ekel: Lange war Christine H. von diesen Gefühlen beherrscht. Sie ist als Kind von ihrem Onkel, einem Priester, missbraucht worden. Erst jetzt, da sich so viele mit ähnlichen Erfahrungen an die Öffentlichkeit trauen, fühlt sie sich erlöst. Die Geschichte einer Befreiung.

Kraftquellen. Christine H. vor ihrer Sammlung von Muscheln. Manchmal verkriecht sie sich mit ihren Gedanken in ihnen. Links die Sechsjährige im ersten Schuljahr. Fotos: Steinert, privat
Kraftquellen. Christine H. vor ihrer Sammlung von Muscheln. Manchmal verkriecht sie sich mit ihren Gedanken in ihnen. Links die...Foto: uwe steinert

Auch heute noch geht sie manchmal in Gedanken die Treppe zum Schlafzimmer hoch. Die Treppe zum Schlafzimmer ihres Onkels, des Priesters. Aber sie hat keine Angst mehr davor. Die Treppe, das Schlafzimmer, ihr Onkel haben keine Macht mehr über ihr Leben.

Sie hat lange mit sich gekämpft, um den Erinnerungen, den Bildern im Kopf einen festen Ort zuzuweisen. Damit sie nicht umherschwirren und ihr auf Schultern, Rücken und in den Bauch drücken. Damit sie ihr nicht die Lust am Leben nehmen. Psychologen haben ihr beim Festzurren der Bilder geholfen. Christine H. wurde als Kind missbraucht. Dass sich seit zwei Monaten täglich Männer und Frauen an die Öffentlichkeit trauen und von ihren furchtbaren Erfahrungen mit Priestern und Lehrern erzählen, wirkt auf sie wie eine erneute Therapie. Es hat ihr Mut gemacht, jetzt auch selbst in die Öffentlichkeit zu gehen – mit abgekürztem Namen. Aber immerhin. Die Geschichte von Christine H. ist auch eine Geschichte der Befreiung.

Sie beginnt in den sechziger Jahren in einem Dorf in der Nähe von Trier. Damals saß sie als kleines Mädchen oft unterm Tisch, wenn der Vater ausholte, um sie und ihre Geschwister zu verprügeln. Die Mutter griff dem Vater nicht in den Arm, sie war selbst unglücklich und überfordert. Der Vater war ein Trinker. Manchmal fand er Arbeit, meistens saß er zu Hause. Die Eltern bekamen vier Jungen und vier Mädchen. Christine war die Jüngste. „Dich hätte es nun wirklich nicht mehr gebraucht“, sagte die Mutter zu ihr und zog die Hand weg, wenn sie danach griff.

Nur zwei Onkel waren nett. Der eine Künstler, der andere Priester. Der Künstler-Onkel starb, als Christine sieben war. Blieb Onkel Michael, Pater des Steyler Missionsordens. Er freute sich, wenn sie ihn besuchte. Und das war oft der Fall. Die Mutter gab die Kinder gerne weg, manchmal wochenlang, um ihre Ruhe zu haben.

Onkel Michael, der Priester, konnte gut mit Kindern, sagt Christine H. Hatte im Wald ein Häuschen für die Kinder gebaut, im Sommer sollten sie sich nackt ausziehen, „um herumzuspringen, wie Gott uns gemacht hat“. Als Christine zehn Jahre alt war, verbrachte sie die Sommerferien alleine bei ihm in einem Dorf im Hunsrück, wo er als Gemeindepfarrer arbeitete. Er trug immer den langen schwarzen Talar. Wenn er in der Kirche die Messe las, saß die Nichte in der ersten Reihe. „Er war der liebe Gott für mich“, sagt Christine H.

Er lobte sie, wenn sie ein Bild gemalt hatte, und warf es nicht gleich weg wie die Mutter. Er schenkte ihr Bonbons und nahm sie in den Arm. Er grapschte ihr aber auch an den Po, und wenn sie sich zu ihm auf den Schoß setzte, tastete er ihr zwischen den Beinen herum. „Red kein dummes Zeug“, habe die Mutter gesagt, als sie ihr nach den Ferien davon zu erzählen versuchte. Onkel Michael war der Einzige in der Familie, der es aus den ärmlichen Verhältnissen herausgeschafft hatte. 1933 war er in Rom geweiht worden, danach schickte ihn sein Orden nach Argentinien und Spanien, er war wer, ein Mann von Welt. Was zählte da das Gerede einer Zehnjährigen?

An diesem Tag im März sitzt Christine H. am Wohnzimmertisch in einem schönen, gutbürgerlichen Stadtteil in Berlin. Durch die breite Fensterfront zum Garten hin fällt viel Frühlingssonne in den Raum. Sie ist 49 Jahre alt und arbeitet als Krankengymnastin, Heilpraktikerin und Schmerztherapeutin. Nebenan ist das Behandlungszimmer. Wenn die Kraft ihrer Hände nicht reicht, um die Verspannungen ihrer Patienten zu lösen, hat sie noch Akupunkturnadeln und Schröpfgläser im Schrank. Aber an diesem Vormittag arbeitet sie erst später.

Jetzt hat sie Bilder herausgesucht, um zu zeigen, wo ihre Geschichte beginnt. „Es gibt wenig Kinderfotos von mir“, sagt sie, „außer meinem Onkel hat sich ja niemand für mich interessiert.“ Ein Bild zeigt ein Mädchen mit herzförmigem Gesicht, dunklen Augen, Topfschnitt und Schulranzen. Es lächelt freundlich und offen in die Kamera. Ein anderes Bild zeigt einen beleibten, grauhaarigen Mann im Talar. Wenn sie das Foto ihres Peinigers betrachtet und über ihre Kindheit spricht, bleibt ihre Stimme ruhig und konzentriert wie zuvor, als sie über Akupunktur gesprochen hat. Sie weint auch nicht. Dass sie so gefasst ist, liegt daran, dass sie selbst jahrzehntelang ihr wichtigster Patient war.

Als sie 27 Jahre alt war und mit ihrer zehn Jahre älteren Schwester telefonierte, fragte die auf einmal: „Weißt du eigentlich, dass ich dich mal aus dem Bett von Onkel Michael gezogen habe?“ „In diesem Moment sackte alles in mir zusammen“, sagt Christine H. Sie ließ den Hörer sinken, setzte sich, ihr wurde schwarz vor Augen. Auf einmal waren sie da, die Bilder, die sie so lange vergessen hatte. Wie sie alleine im Zug saß auf dem Weg zu ihrem Onkel. Wie sie Angst hatte, weil sie ahnte, was dort passieren würde. Wie der Onkel nackt in der Badewanne saß. Wie steil die Stiege war, die zu seinem Schlafzimmer führte. Das Gefühl von Sperma auf ihrem Kinderbauch. Als sie 13 war, starb der Onkel. Sie verdrängte die Erinnerung an ihn und an das, was er mit ihr gemacht hatte.

Mit 20 zog sie von Trier nach Berlin, weit weg von der Familie. Aber auch da ging ihr das Leben nicht einfacher von der Hand. Jetzt, nach dem Telefongespräch mit ihrer Schwester, ahnte sie, warum. Woher ihre Angst vor körperlicher Nähe und Sexualität kam. Woher ihre Rastlosigkeit, ihre Hetze nach Anerkennung. Woher auch der Ekel vor sich selbst kam, das Gefühl, der letzte Dreck zu sein. Da konnten die anderen reden und loben, so viel sie wollten. Wie oft hatte sie schon daran gedacht, allem ein Ende zu setzen.

Im Schrank im Behandlungszimmer gibt es ein verborgenes Regal, in dem sich Notizbücher stapeln. Christine H. schlägt eins auf. „Bin niedergeschlagenen, Depression, mein Körper ist der Feind“, steht da. Oder: „Wenn ich einen Film über erfolgreiche Menschen sehe, könnte ich kotzen.“ Kurz nach dem Gespräch mit der Schwester hat sie eine Psychoanalyse angefangen. Die Notizbücher stammen aus der Zeit. Es sind Tagebücher des Grauens. „Da kamen alle aufgestauten Aggressionen hoch“, sagt Christine H. Ihre zwiespältigen Gefühle für ihren Onkel, Hass und Wut, aber auch die Zärtlichkeit und vielleicht sogar Verliebtheit projizierte sie auf ihren Therapeuten, ganz so wie es die Psychoanalyse vorsieht. Sie habe ihn beschimpft, er mache mit ihrer Mutter gemeinsame Sache, sagt Christine H. Sie hat die Kindheit im Schnelldurchlauf noch einmal erlebt. Stundenlang ging sie nach den Sitzungen spazieren, las in Büchern, wie andere missbrauchte Frauen damit umgegangen sind, schnitt sich jede Zeile zu dem Thema in der Zeitung aus, schaute jeden Bericht im Fernsehen. Wenn sie über die Therapie und ihren Onkel spricht, benutzt Christine H. manchmal Sätze wie aus dem Psychologiebuch: „Meine Seele brauchte erst die Kraft einer 30-Jährigen, um sich an das Thema heranzuwagen.“ Die Sprache, auch sie gibt ihr Halt.

Als ihr bewusst wurde, was Onkel Michael ihr angetan hatte, trat sie aus der Kirche aus. Den Onkel dort anzuzeigen traute sie sich aber noch nicht. Die Therapie dauerte drei Jahre. Es waren furchtbare Jahre. Danach fühlte sie sich leichter. Wenn ihr wieder einmal alles sinnlos vorkam, traf sie sich mit Freundinnen und gönnte sich etwas. Manchmal ließ sie jetzt auch ein Lob von anderen gelten. Geblieben war die Fremdheit zu ihrem Körper. Sie spürte ihn nur, wenn er weh tat.

In einer weiteren Therapie lernte sie, auch das zu ändern. Elf Jahre hatte sie alleine gelebt. Nun konnte sie sich zum ersten Mal auf eine Beziehung mit einem Mann einlassen. „Ich suchte mir einen ganz lieben Mann, der mir garantiert nichts tun würde“, sagt Christine H. und zeigt das Hochzeitsfoto. Es zeigt eine schöne Frau unter einem ausladenden Hut mit herzförmigem Gesicht und dunklen Augen, optimistisch, selbstbewusst.

Mit Mitte 30 konnte sie sich nun sogar das bislang Undenkbare vorstellen: ein Kind zu bekommen. Fünf Jahre später brachte sie eine Tochter zur Welt. Mit ihrem Mann zusammen traute sie sich, das Dorf des Onkels im Hunsrück zu besuchen. In der Kirche hing ein Foto von ihm. Sie nahm es aus dem Rahmen und schrieb auf die Rückseite: „Dieser Pater hat Kinder missbraucht.“ Sie warf auch einen anonymen Zettel mit der gleichen Botschaft in den Kasten für die Fürbitten. Es war ihr erster schüchterner Versuch, den Täter anzuzeigen.

Christine H. faszinieren Muscheln. Um ihren Hals trägt sie an diesem Tag ein kleines perlmuttfarbenes Gehäuse. In Vitrinen im Wohnzimmer und in ihrer Praxis bewahrt sie viele Dutzend andere Muscheln und Meeresschnecken auf: große und kleine, spiralförmige und offene, mit und ohne Stacheln. Früher verkroch sie sich manchmal gedanklich in ihnen. Sie strömten Geborgenheit aus. Heute nennt sie sie „Kraftdreher“. „Das sind kleine Weltwunder, unglaublich“, sagt sie. Wenn sie da hineinschaue, spüre sie Kraft.

Die düsteren Erinnerungen haben sie in den vergangenen Jahren mehr und mehr in Ruhe gelassen. Es gab Wichtigeres in ihrem Leben. Die Ehe zerbrach, sie traf einen neuen Mann, in den sie sich nun freier von seelischen Zwängen verlieben konnte. Vielleicht zum ersten Mal so richtig. Bei ihm fühle sie sich nun endlich zu Hause, sagt sie. Im Juni heiraten die beiden. Auch in ihrem Beruf ist sie nun angekommen. Aber dann holte sie doch noch einmal ihre Vergangenheit ein.

„Boah dachte ich, als ich den fünften Artikel über das Canisius-Kolleg gelesen habe“, sagt Christine H., „endlich kommt alles raus.“ Dass sie nicht die Einzige ist, der so etwas passierte, das wusste sie wohl. Aber dass so viele die gleichen Erfahrungen gemacht haben, hätte sie nicht gedacht. Selbst berühmte Schriftsteller waren als Kind Priestern und Lehrern hilflos ausgeliefert! Das habe ihr gezeigt, dass Missbrauch nichts damit zu tun hat, wie dumm oder klug jemand ist, wie reich oder arm. Das wusste sie zwar schon seit ihrer Therapie, nun aber fühle sie es auch: „Ich bin nicht schuld an dem, was passiert ist.“ Das sei unglaublich befreiend, sagt Christine H.

Vor einer Woche hat sie einen Brief ans Bistum Trier geschrieben und über ihren Onkel berichtet. Auch der Brief an den Orden ist abgeschickt. Sie will kein Geld oder sonst eine Entschädigung. Sie will, dass man ihr zuhört, dass „registriert“ wird, was war, und dass geprüft wird, ob es noch andere Opfer gibt. Das Bistum hat ihr geschrieben, dass man ihren Hinweisen nachgehen werde.

„Wir sind sehr an der Aufklärung interessiert“, sagt auch die Sprecherin des Steyler Ordens. Auf Pater Michael Konz sei man ohnehin schon aufmerksam geworden. Vor ein paar Wochen hatte sich der heutige Pfarrer seiner früheren Gemeinde im Hunsrück daran erinnert, dass 1997 einmal ein Zettel im Fürbittkasten der Kirche gesteckt habe, auf dem jemand anonym vermerkt hatte, dass der Pater Kinder missbraucht haben soll. Er hatte den Zettel beiseite gelegt und vergessen. Durch die vielen Berichte in der Presse sei es ihm wieder eingefallen.

Im Juni wird Christine H. 50. Was Bischöfe, Pfarrer und viele Mitglieder der katholischen Kirche als schmerzhaft, als böse Kampagne, als übertriebene Anklage verstehen, ist für sie eine Befreiung. Dieses Jahr will sie sich an ihrem Geburtstag nicht verstecken. Dieses Jahr will sie ein großes Fest mit 90 Gästen feiern. Auch ihre Brüder und Schwestern werden kommen. Sie muss sich nicht mehr schämen.

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