Missbrauch : Sie war 15...

… als ein maskierter Mann in ihrem Zimmer stand. Jahrzehntelang verdrängte die Terrorexpertin Jessica Stern die Vergewaltigung. Ein Porträt

In flinken, sportlichen Schritten kommt Jessica Stern die Treppe hinunter, eine Frau Anfang 50 mit weichen, sympathischen Gesichtszügen und kräftigem Lachen. Sie wohnt seit einem halben Jahr mit ihrem achtjährigen Sohn und ihrem dritten Ehemann, dem ehemaligen Kongressabgeordneten Chester G. Atkins, in einer alten Villa in Bostons Nachbarstädtchen Cambridge. Stern bietet Kaffee an und entschuldigt die Unordnung in der Wohnküche. Am Vorabend habe es eine Feier gegeben, sagt sie. In typisch kultivierter Ostküstentradition scheint man ein offenes Haus zu führen. Während das Kaffeewasser noch kocht, klingelt neben dem Kamin ein Telefon. Vom Anrufbeantworter ist zu hören, dass das National Public Radio einen Terrorexperten sucht, der sich mit dem Jemen auskennt. Stern sagt, wie zu sich selbst, „später“ und bleibt im seidenroten Sessel sitzen, auf ihrem Schoß einer der zwei Jack-Russell-Terrier, gerade vom Auslauf mit dem Studenten zurückgekehrt, der im Apartment über der Garage wohnt.

Sterns Buch „Denial: A Memoir of Terror“ („Verdrängung: Erinnerungen an einen Terrorakt“, auf Englisch erschienen bei Ecco), das in Amerika viel Aufsehen erregt hat, liegt auf einem Beistelltisch. Als es im Sommer herauskam, sei das eine Erleichterung gewesen, sagt Stern. Das Schreiben ist ihr schwergefallen. Immer wieder hat sie Pausen einlegen müssen. Ohne Unterstützung hätte sie diese „kontrollierte Offenlegung“, wie sie das Buchprojekt nennt, nicht geschafft. „Mein Mann hat mich auf vielen Ermittlungsfahrten als mein ,Chauffeur’ begleitet“, erzählt sie. Unverzichtbar war vor allem die Hilfe ihres Therapeuten, der während dieser persönlichen Recherchen „meine Hand gehalten hat“.

Stern war Ende 40, als bei ihr „Post Traumatic Stress Disorder“ (PTSD) festgestellt wurde: „Ich konnte es erst nicht glauben. Deswegen begann ich zu recherchieren und beantragte die Polizeiakte von damals“, sagt Stern: „Ich wollte wissen, was mit mir geschehen war. Es war für mich wie ein Mysterium.“ Wenn sie den vor 30 Jahren erlebten Horror mit ihrer jüngeren Schwester nicht teilen würde: Sie würde manchmal glauben, es sei am 1. Oktober 1973 nie etwas passiert. Heute weiß sie, dass diese Verdrängung typisch ist für Menschen, die schwer traumatisiert sind.

Stern war 15 Jahre alt, ihre Schwester 14. Zwei Mädchen, die als Halbwaisen aufwuchsen, deren Mutter früh gestorben war. Wie jeden Montag besuchten die Schwestern ihre vom Vater getrennt lebende Stiefmutter in Concord unweit von Boston. In dem kleinen Dorf mit Weltruhm, wo die amerikanischen Revolutionäre ihre ersten Schüsse im Unabhängigkeitskrieg abfeuerten und später Ralph Waldo Emerson, Louisa May Alcott und Henry David Thoreau lebten, war in den 70er Jahren die Vorortwelt noch heil und in Ordnung, schien Grauen unvorstellbar.

Es war zwischen 21 und 22 Uhr. Die Schwestern waren allein im Haus, machten ihre Schularbeiten, als plötzlich ein bewaffneter, maskierter Mann im Raum stand. Die Mädchen schrien nicht, in Todesangst erstarrten sie. Der Mann blieb eine Stunde, mit Finger am Abzug. „Ich erinnere mich an den Schmerz, als hätte jemand eine Pistole aus Granit in mich geführt und mein Fleisch aufgekratzt, erst aufgekratzt und dann aufgerissen“, schreibt Stern in ihrem Buch über die Vergewaltigung. In dieser Stunde sei etwas aus ihr herausgeschnitten worden, ihre Fähigkeit, Schmerz und Furcht zu empfinden.

In den folgenden Wochen ist Stern verstört; sie kann nicht mehr urinieren. Der Vater, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, gibt der ermittelnden Polizei nach bloß vier Monaten die Auskunft: Seine Töchter hätten das Geschehene schon fast vergessen. Die Ermittlung wird kurz darauf eingestellt. Als wäre die ganze Gemeinschaft verstummt gewesen, schreibt Stern: „Verdrängung ist verführerisch.“

Über 30 Jahre vergehen: Stern studiert in New York Chemie, sie macht ihr Diplom in Chemie und Verfahrenstechnik am MIT und schreibt an der Harvard-Universität, wo sie später auch unterrichtet, ihre Doktorarbeit über Massenvernichtungswaffen. Während der Clinton-Regierung arbeitet sie 1994/95 als Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat. Ihre Tätigkeit dort inspiriert den Film „Projekt: Peacemaker“, in dem Nicole Kidman eine ehrgeizige Expertin für nukleare Waffen spielt. Auf Pressebildern sieht man Stern mit George Clooney im Arm. Sie wirkt jung und verletzlich, wie eine schüchterne, gescheite Cousine von Andie MacDowell.

In ihrem ersten Buch „The Ultimate Terrorist“ hat Stern die Konsequenzen eines nuklearen Angriffs auf das Empire State Building noch vor 9/11 geschildert. Für ihr zweites Buch „Terror in the Name of God: Why Religious Militants Kill“ reiste sie in den Mittleren Osten und nach Pakistan und interviewte Terroristen, allein und ohne Angst, wie sie sagt. Sie sei von den heimlichen Motivationen dieser Männer fasziniert gewesen. Damals habe sie noch gedacht, sie hätte sich zufällig für diesen Beruf entschieden. Inzwischen erscheint ihr die Wahl wie ein Lebensmuster. „50 Jahre musste ich alt werden, bis ich verstand, weswegen ich mich mit diesen gewalttätigen Männern beschäftige.“

Nachdem Stern 2006 ihre Polizeiakte beantragt hat, wird der Fall wiederaufgenommen. Die Polizei will sichergehen, dass vom Täter keine Gefahr mehr ausgeht. Eine gemeinsame Recherche beginnt. Mehr über ihren Vergewaltiger zu erfahren, kommt Stern wie der Schlüssel zur Verarbeitung des erlebten Horrors vor. Der Täter, den Stern in ihrem Buch, das sich zum Teil „fesselnd wie ein Thriller“ liest (Naomi Wolf), Brian X. Beat nennt, wird relativ schnell ausgemacht, was in den 70er Jahren angeblich unmöglich war. Andere Fälle werden entdeckt, wo jemand auf ähnlich kaltblütige Weise in fremde Häuser eingedrungen ist und junge Mädchen unter Waffengewalt vergewaltigt hat. Es gibt ein klares Muster. Alle Opfer waren unter 19 Jahre, immer fanden die Vergewaltigungen zwischen 20.30 und 22.30 Uhr statt, immer war die kleine weiße Waffe dabei, die der Täter seinen Opfern später als Spielzeugwaffe enttarnt.

In der Gegend um Boston hat Brian X. Beat in den Jahren von 1970 bis 1973 wohl insgesamt 44 Vergewaltigungen begangen, allein 18 ganz in der Nähe vom Campus des Radcliffe College, unweit von Harvard. Inzwischen haben sich auch andere Opfer öffentlich geäußert. Amy Vorenberg, Professorin für Kriminologie an der Universität Vermont, schreibt im „Boston Globe“: „Ich war die Nummer zwölf. In Jessicas Buch bin ich die Lucy.“

Stern hat viele Briefe von Frauen erhalten, die ihr danken, dass sie den Mut gefunden hat, ihre Geschichte aufzuschreiben. In der Taschenbuchausgabe sollen die Briefe im Anhang mitveröffentlicht werden. Ob die Recherche ein Weg zur Heilung war, wird Stern oft gefragt. Heilung gebe es wohl nie, glaubt sie. Das Bedürfnis, mehr erfahren zu wollen, sei auch bei jedem anders. „Viele Opfer wollen so wenig wie möglich über ihr Trauma reden. Manche brauchen 40 Jahre, um sich dem gewachsen zu fühlen.“ Für ihre kleine Schwester wäre das Buchprojekt schwer gewesen. Obwohl Stern versucht hat, diese so wenig wie möglich in die Ermittlungen miteinzubeziehen, wurde die Schwester von vielen Details überfordert. Am Ende bestand sie darauf, im Buch mit eigenem Namen genannt zu werden.

In Amerika sei der Weg zu einem offeneren und sensibleren Umgang mit Vergewaltigung noch weit, glaubt Stern, die auch über die jüngsten Aufdeckungen der Missbrauchsfälle in Deutschland informiert ist. Sicher habe sich seit den 70er Jahren einiges geändert. So werde heute auf dem Gelände von Universitäten für mehr Sicherheit gesorgt. Früher sei es amerikanischen Universitäten nur um ihr Image gegangen. Den Eltern zu suggerieren, ihre Töchter seien sicher, sei wichtiger gewesen, als tatsächlich Frauen eine sichere Umgebung zu schaffen. Doch noch immer würden in den USA, so Stern, weniger als die Hälfte der Vergewaltigungen angezeigt.

Mit fester Stimme fragt sie: „Fühlen sich Frauen heute frei, über ihre Vergewaltigung zu sprechen? Nein, das tun sie nicht.“ Sie selbst habe sich nie frei gefühlt, darüber zu reden. „Niemals! Ich habe nie darüber gesprochen.“ Dass sie es dann tat, brauchte viel Überwindung. „Da ist etwas bei Vergewaltigungen – für Männer wie für Frauen –, das sehr beschämend ist.“ Als äußerst demütigend habe sie als Mädchen die nächtliche Befragung auf der Polizeistation in Concord erlebt, vor allem, weil man ihr und ihrer Schwester damals nicht geglaubt hat. Dann sagt Stern: „Es ist gut, wenn sich jemand als Opfer äußert, der schon wegen seiner Tätigkeit als Terrorexperte nicht als schwache Person zu erkennen ist.“

Seit ihrer Therapie ist es für Stern wieder möglich geworden, Gefühle und Emotionen zu zeigen. Dennoch lässt sich die grauenvolle Nacht nicht beiseiteschieben. Noch heute bekomme sie Albträume, wenn sie zu oft über ihre Vergewaltigung spreche. „Ich würde nie allein in eine Kneipe gehen, nie“, sagt Stern. In ihrem Buch heißt es: „Ich kann über meine Sexualität nicht schreiben. Ich fühle mich dafür zu verwundbar und zu verletzlich und habe Angst, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, als könnte ich erneut vergewaltigt werden.“

Brian X. Beat, der 18 Jahre im Gefängnis gesessen hat, verurteilt in zwei Fällen wegen Vergewaltigung, beging 1993 Selbstmord, er erhängte sich. Für Jessica Stern war es ein Schock, als sie davon erfuhr. Für die Polizei dagegen war der Fall damit geklärt. Stern führte ihre Aufarbeitung und Täterrecherche allein weiter, suchte ehemalige Nachbarn von Brian X. Beat auf, alte Freunde und Freundinnen.

Nicht jeder traute sich, mit ihr zu sprechen. Manche erzählten ihr von den zwei Seiten des Brian X. Beat. Er sei kalt, aber auch charismatisch gewesen, hätte Gedichte geschrieben. In einfachen Verhältnissen war er als Adoptivkind in einem Bostoner Vorort aufgewachsen und wurde mit großer Wahrscheinlichkeit als Kind auf einer katholischen Schule mehrfach vergewaltigt.

Die späte Aufarbeitung ihres Traumas und die so radikal erlebte Verdrängung des Gewaltverbrechens hat Jessica Stern neu über Terrorismus nachdenken lassen. Als entscheidenden Risikofaktor für terroristische Gewalt nennt sie jetzt Demütigung und sexuellen Missbrauch. „Ich habe zwar immer vom Missbrauch kleiner Jungen in pakistanischen Islamschulen gewusst, aber nie darüber nachgedacht. Ich war da auch in einem Zustand der Verdrängung.“

Verdrängung ist das Motiv, das Stern auf fast schon gespenstische Weise in ihrem Buch zum persönlichen Lebensthema verdichtet. Das betrifft vor allem ihre Familie, wo über den frühen Tod der Mutter, die mit nur 28 Jahren an Lymphdrüsenkrebs starb, wenig geredet wurde. Sterns Großvater war Arzt und besessen gewesen von Nuklearmedizin und Röntgentechnologie, die er an seiner Tochter auch immer wieder angewandt hat.

Stern hat im Rahmen ihrer therapeutischen Aufarbeitung auch ihren Vater befragt. Warum dieser damals der Polizei mitgeteilt habe, die Töchter hätten die Horrornacht schon fast vergessen. Dem Vater fällt es schwer zu antworten, eine sinnvolle Erklärung abzugeben. Auch er, mit dem Stern, wie sie sagt, eine enge, vertraute Beziehung hat, ist ein „survivor“, jemand, der überlebt hat. Er war noch ein Kind, als die jüdische Familie aus Wetter bei Marburg vor den Nazis nach Amerika floh. Jetzt als alter Mann wird er gefragt, wie er es erlebt hat, als SS-Leute zu ihnen ins Haus kamen, seine Mutter gewaltsam in die Küche zerrten, während die Kinder draußen warteten, ohne zu wissen, was der Mutter geschah. Vergewaltigung? Der Vater, damals sieben Jahre alt, weiß es nicht. Die Mutter sei schon sehr krank gewesen, sagt er. Gefragt hat er aber nie.

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