Zeitung Heute : Missbrauch: Vollmer fordert Opferfonds

Berlin - In der Debatte um sexuellen Missbrauch hat die Grünen-Politikerin Antje Vollmer einen „Fonds für Traumatisierte“ vorgeschlagen. „Die Politik muss denjenigen helfen, die durch entsetzliche Erfahrungen in ihrer Kindheit für ihr ganzes Leben traumatisiert wurden“, sagte die frühere Bundestagsvizepräsidentin dem Tagesspiegel am Sonntag. Die Opfer sollten in die Lage versetzt werden, „soweit das überhaupt möglich ist, ihre Traumata zu bearbeiten oder zu heilen“.

Vollmer ist Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, der gewalttätige Erziehungspraktiken zum Nachteil von Heimkindern in den 50er und 60er Jahren aufklärt. Sie sagte, aus dem „Fonds für Traumatisierte“ könne Hilfe für ehemalige Heimkinder und für Opfer sexuellen Missbrauchs finanziert werden.

Im Zusammenhang mit der Debatte nahm Vollmer den Reformpädagogen Hartmut von Hentig in Schutz. Dieser sei „zu einem Sündenbock auserkoren worden, obwohl gegen ihn nichts vorliegt“, sagte sie. Der Umgang einzelner Medien mit dem 85-Jährigen sei „inhuman“.

Auch die Leitung der Internatsschule Birklehof in Hinterzarten (Schwarzwald) – wie die Odenwaldschule Mitglied der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime – kündigte in einem dieser Zeitung vorliegenden Rundbrief an ihre ehemaligen Schüler eine Überprüfung der eigenen Einrichtung an: „Es scheint, dass Verfehlungen Einzelner insbesondere in den 50er und 60er Jahren vorgekommen sind.“ Geleitet vom „Prinzip äußerster Vorsorge“ sei eine Rechtsanwältin als Ansprechpartnerin beauftragt, bei der „Missbrauchsvorfälle“ gemeldet werden könnten. Jens-Arne Buttkereit, Geschäftsführer der Schule Birklehof, sagte dem Tagesspiegel, die „Verfehlungen“ seien „bei weitem nicht mit den Vorfällen an der Odenwaldschule vergleichbar“. Lehrer am Birklehof war auch Hentig, von 1953 bis 1955. Er versicherte dem Tagesspiegel: „In der Zeit, in der ich da war, hat sich nichts ereignet, nichts, was ich gehört hätte.“

Erstmals äußerte sich Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zu dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, an der sein 2008 verstorbener Sohn Andreas Ende der 60er Jahre Schüler war. Weder er noch seine Frau hätten von den Missbrauchsfällen „Kenntnis gehabt, auch nicht durch Andreas“, sagte Weizsäcker dem „Spiegel“. Sein Sohn war in der Wohngruppe des des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Schulleiters Gerold Becker untergebracht.

Die Odenwaldschule selbst räumte am Samstag Fehler in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ein. „Diese Schule ist eine Täterinstitution gewesen“, sagte Philipp Sturz vom Trägerverein am Rande einer Krisensitzung der Schulgremien, bei der fünf Mitglieder des siebenköpfigen Vorstands zurücktraten. „Wir haben den Willen zur rückhaltlosen Aufklärung,“ sagte Sturz. Der Verein habe aber auch festgehalten, dass das Familiensystem als Teil des pädagogischen Konzepts der Privatschule „bewahrenswert ist“.

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