Zeitung Heute : Missbrauchte Liebe

Stephanie, 13, Pascal, fünf, Emily, drei: alles Opfer sexueller Übergriffe. Was treibt Pädophile? Einblicke in eine Szene, in der auch Täter manchmal Opfer sind

Manfred Karremann

„Die Dunkelhaarige mit der weißen Jacke würde mir gefallen“, murmelt Lukas*. Er geht am Rand eines Spielplatzes in Mainz entlang, und zeigt auf ein etwa siebenjähriges Mädchen. Lukas trägt einen blauen Parka, der Vollbart ist ein wenig ungepflegt. Er lächelt, wenn er Kinder beobachtet. Es ist ein Dauerlächeln. Trotzdem scheint er an diesem Tag niemandem aufzufallen. Er weiß nicht, dass sein Begleiter kein Gleichgesinnter ist, der Kontakt ist zustande gekommen über die anonyme Teilnahme an einem Treffen von Pädophilen, und so erzählt Lukas frei, was ihn bewegt.

Spielplätze und Kindergärten ziehen Lukas an. Manchmal steht er stundenlang an einem Zaun oder an einem Baum und schaut. Er ist pädophil, oder, wie Psychologen sagen: pädosexuell veranlagt. Das heißt, sein sexuelles Interesse gilt Kindern. Kleinen Mädchen. Bis sie in die Pubertät kommen, dann erlischt das Interesse. Mit erwachsenen Frauen oder Männern kann er keine sexuelle Beziehung aufbauen. „Ich stelle mir eine Beziehung vor mit einem Mädchen, das so drei, vier Jahre alt ist“, sagt er, „die könnte ich dann haben, bis sie etwa elf ist. Aber da müsste man schon fast die Sicherheit haben, dass die Eltern das halbwegs tolerieren. Vielleicht, wenn ich sage, dass ich nur die zarten Sachen mit dem Mädchen mache…“ Er meint: sexuellen Missbrauch ohne Anwendung von körperlicher Gewalt. „So ein kleines Mädel einmal nicht nur auf den Mund zu küssen…,“ fügt er an, lacht dabei verschämt.

Die Frage, ob seine Neigung richtig oder falsch ist oder in einer Therapie verändert werden könnte, hat er sich nie gestellt. Denn die einzigen Menschen, mit denen er sich austauschen kann, sind auch pädo-sexuell veranlagt. „Eigentlich“, sagt er, „bin ich oft ziemlich einsam“.

Der Drang zu Kindern hin prägt sich oft schon während der Pubertät aus. Bei Lukas scheint es mitunter fast wie eine Suche nach „Gleichaltrigen“ zu sein. Vor allem dann, wenn er, 38 Jahre alt, berufstätig als Computerexperte, ganz im Ernst sagt: „Wenn’s gar zu arg aussieht, sagt mir meine Mutter schon mal: Jetzt räumst du aber dein Zimmer auf.“

60 000 Pädosexuelle, so schätzt man beim Bundeskriminalamt, gibt es in Deutschland, in allen Schichten der Gesellschaft. Manche mögen kleine Mädchen, andere nur Jungen, manche finden nur an Babys Gefallen. Nicht jeder wird auch zum Täter, weshalb man beim BKA darauf hinweist, „man jage nicht generell Pädosexuelle, sondern eben Täter“.

Die Opfer allerdings werden immer jünger. Man spricht gar von einem „Trend zum Wickeltisch“.

Etwa 200 000 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland sexuell missbraucht, so schätzen Experten. 90 Prozent der Täter sind Männer, in etwa sieben von zehn Fällen sind Mädchen betroffen. Darunter fallen auch Schicksale wie das von Stephanie, die ihr Peiniger 36 Tage lang in seiner Dresdner Wohnung festgehalten hat; Mitte Dezember wurde er zu 15 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Oder der des fünfjährigen Pascal, der in Saarbrücken spurlos verschwunden ist. 13 Männer und Frauen waren angeklagt, ihn missbraucht zu haben. Der jüngste Fall ging erst vor Tagen durch alle Medien: der der dreijährigen schwer vergewaltigten Emily aus Großenkneten in Niedersachsen. Dazu kommen zahllose Fälle, die längst nicht so viel Aufsehen erregen, die aber allein schon die Berliner Lokalzeitungen in erschreckender Regelmäßigkeit füllen.

Anfang November 2006 wird ein Berliner Bäcker wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in 200 Fällen verurteilt. Mitte November steht ein Boxtrainer wegen Verdachts auf Missbrauch in 178 Fällen vor dem Landgericht, Ende November ein Pflegevater wegen Verdachts auf Vergewaltigung der Pflegetochter. Anfang Dezember werden ein Vater und sein Sohn für das Sammeln von Kinderpornographie bestraft.

Die Charité hat nicht umsonst 2006 ein aufsehenerregendes Projekt gestartet, in dem sie Männern, die meinen, pädophil veranlagt zu sein, Hilfe anbietet.

Dabei wurden die Gesetze bereits 2004 drastisch verschärft: Fürs Tauschen von Kinderpornos im Internet gibt es nun bis zu fünf Jahre. Für Kindesmissbrauch wurde die Geldstrafe ganz abgeschafft. Bis zu 15 Jahre Haft drohen. Und trotzdem: Die Fallzahlen sind nicht zurückgegangen. Der Staat scheint hilflos, die Gesellschaft ist verunsichert.

Wieder einmal stellt sich die Frage: Sind solche Menschen denn überhaupt therapierbar? Sind sie resozialisierbar?

Noch in den 90er Jahren hieß die Devise „Therapie statt Strafe“. Roland* zum Beispiel, 35, wurde Anfang der 90er Jahre zu einer „Therapie statt Strafe“ verurteilt. „Ich habe damals Kinder zwischen vier und zehn Jahren betreut und dabei auch missbraucht“, erzählt er. Roland trägt die blonden Haare kurz, Schultern und Arme sind muskelbepackt. Er hat nicht, wie viele Pädosexuelle, von Berufs wegen mit Kindern zu tun gehabt. Er ist Sanitärinstallateur. Er hat die Gelegenheit genutzt, wenn er auf die Töchter von Bekannten aufpasste.

Nachdem sich die Kinder ihren Eltern anvertraut hatten, wurde Roland vor Gericht gestellt und verurteilt. Zwei Therapien hat er 1994 und 1995 in Freiheit durchlaufen, er glaubte selbst, die Neigung im Griff zu haben. „Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, auf Spielplätze zu gehen“, sagt er, „ich habe mir gesagt: Jetzt hast du darüber gesprochen, und hast das verstanden.“ Doch dem war nicht so. Heute sitzt Roland in Sicherungsverwahrung, in der Klinik für forensische Psychiatrie in Lippstadt/Eickelborn. Hier sitzen Gewalt- und Wiederholungstäter. Die Gitter vor den Fenstern sind mit Stacheldraht bewehrt, meterhohe Plexiglaswände umgeben das ganze Areal. Sicherung und Besserung, das sind die Ziele. Und Psychotherapie ist Pflicht, so will es das Gesetz.

Seit fünf Jahren ist Roland schon hier. Ohne Entlassungstermin.

Roland sitzt in seiner Zelle auf einem Holzstuhl, die kräftigen Hände ineinander verkrampft und erzählt, wie alles in seinem Leben anders gekommen ist, als er gedacht und geplant hatte: „Ich habe nach den Therapien eine Beziehung zu einer Frau aufgebaut, ich wollte Familie haben. Aber als unsere Tochter sechs Monate alt war“, Roland zögert und wird leise, „hab ich sie dann missbraucht.“ Plötzlich seien die pädosexuellen Denkmuster wieder da gewesen: „Ich hab mir gesagt: Die kriegt das gar nicht mit, so klein wie sie ist, ich mache das nur ganz vorsichtig, und wenn sie was mitkriegt, höre ich sofort auf…“ Aber Roland weiß es selbst: Sein Kind „muss Schmerzen gehabt haben. Es wollte sich nicht mehr wickeln lassen“. So kam die Freundin ihm auf die Spur.

Entlassen wird Roland nur dann, wenn die Gutachter bescheinigen, dass er künftig straffrei leben kann. Trotz Pädosexualität. Denn dass die heilbar ist, daran glaubt Roland nicht mehr: „Heilbar in dem Sinn, das man nachher nicht mehr pädophil ist, das glaube ich nicht, nein, heilbar in dem Sinn, dass man lernt, mit seiner Andersartigkeit verantwortungsvoll zu leben, das glaube ich, ja.“

Aber die Gutachter sind vorsichtig geworden: Immer wieder kam es bei Sexualstraftätern trotz guter Prognose zu Rückfällen; verlässliche Zahlen gibt es noch nicht. „Der Begriff Heilbarkeit ist in der forensischen Psychiatrie wenig hilfreich, insbesondere bei der Behandlung pädosexueller Straftäter“, sagt Michael Osterheider, der viele Jahre die Klinik in Eickelborn geleitet hat.

Verallgemeinerungen lehnt Osterheider ab: Man müsse zwischen Tätertypen unterscheiden: „Es gibt welche, die kann man therapeutisch erreichen und andere, die man therapeutisch nicht erreichen kann.“ Täter, die von Anfang an verbale oder andere Gewalt anwenden würden, seien eher schlecht therapierbar, „relativ gut sind die Therapieaussichten dagegen bei Tätertypen, die am Anfang keine Gewalt anwenden, sondern vornehmlich versuchen, das Kind für eine erotische Beziehung zu gewinnen.“

Das ist bei den meisten pädosexuellen Tätern der Fall. Sie haben nicht das Gefühl, „Gewalttäter“ zu sein. Roland zum Beispiel hätte sich „nie träumen lassen, einmal in der Sicherungsverwahrung zu landen“. Wie die meisten Pädosexuellen verabscheut er Gewalttäter. Den Missbrauch sehen viele nicht als Akt der Gewalt, aus ihrer Sicht sind sie nur auf der Suche nach einer „Beziehung“.

„Um Kontakt aufzunehmen, tun es die üblichen Tricks“, sagt Konrad, 59, ein hagerer Berliner, Rentner, er mag kleine Jungen; auch der Kontakt zu ihm kam über ein Pädophilentreffen zustande. „Willste mitspielen an der Tischtennisplatte im Schwimmbad, reicht da schon.“

Für Pädosexuelle wie Konrad ist das Beachten bestimmter Grundregeln Alltag. Bevor man einen Jungen anspreche, habe man sich davon überzeugt, dass er ohne die Eltern im Bad sei, sagt er. Dann teste man aus, wie das Kind auf scheinbar zufällige Berührungen reagiere, „und am Ende brauche ich natürlich die Telefonnummer von dem Kleinen. Oder ich lade ihn ein: Kannst ja mal Computerspielen kommen, wenn’s regnet. Das zieht oft.“

Stehe der Kontakt erst mal, sagt Rentner Konrad, gelte die Devise: nicht mit der Mutter, aber auch nicht ohne die Mutter. „Ich habe einer Mutter erzählt, ihr Sohn erinnere mich an meinen eigenen, den ich seit der Scheidung kaum mehr zu sehen kriegen würde.“ Tatsächlich hatte sich die alleinstehende Mutter von Julius, acht, damals gefreut, dass Konrad so viel Schönes mit dem Jungen unternommen hat. Ausflüge, Kartfahren …

Julius durfte schließlich auch mal das Wochenende bei dem alten Herrn verbringen. Damit hatte der erreicht, was viele Pädosexuelle sich erträumen. Eine „Beziehung“: „Das war so eine Art Mini-Ehe, was wir da hatten.“ Eine längere „Beziehung“ ohne Sexualität wäre für den Rentner allerdings nicht denkbar gewesen – schließlich „will ich nicht nur der Ersatzpapa sein“. Natürlich durfte der Junge schon mal sagen, „wie ’ne Frau halt auch“: Mir ist nicht danach, „aber er muss halt schon wissen, dass das eigentlich dazugehört, was bin ich denn sonst für ihn“, sagt Konrad. Er spricht es nicht aus, aber ohne sexuelle Gegenleistungen verlor Julius, wie es in diesen „Beziehungen“ üblich ist, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Emotionale Erpressung.

Nicht zuletzt, sagen Experten, werde den Kindern oft das Gefühl vermittelt, selbst schuld, zumindest mitschuldig zu sein, weil sich der Missbrauch allmählich entwickelt hat, ohne Anwendung körperlicher Gewalt. Die Folge: Die Kinder schämen sich, schweigen zu Hause.

Bis alles ans Licht kommt, wie bei Rentner Konrad: Hausdurchsuchung, Untersuchungshaft, Gerichtsverfahren. Dann Haft und: Therapie, wie für alle Sexualstraftäter. Oft ist das der erste Kontakt zu einem Therapeuten wie zum Beispiel Jürgen Lemke von „Kind im Zentrum“, einer Berliner Einrichtung, die Opfer und Täter betreut. Der Druck allerdings, den die drohende Sicherungsverwahrung ausübt, reicht oft nicht lange. Lemke sagt: „Ich muss diesen Druck als Therapeut möglichst schnell in eine innere Motivation umwandeln.“

Ein Berliner Winterabend. Im vierten Stock eines Altbaus im Westen der Stadt sitzen fünf Männer auf Stühlen in einem Kreis. Rolf*, 48, ein großer, hagerer Mann, ein ehemaliger Lateinlehrer, ist einer der Täter, die bei Lemke in Therapie sind. Er hat kleine Jungen missbraucht. Drei Jahre war er im Gefängnis. Vor knapp zwei Jahren wurde er auf Bewährung entlassen. „Auf keinen Fall“, sagt er, will er zum Wiederholungstäter werden, er sagt es so, dass es fast panisch klingt, als traue er dem Kopf nicht zu, den Körper zu beherrschen. Deshalb geht Rolf zur Nachsorge in die Gruppentherapie. Freiwillig, seit anderthalb Jahren.

„Ich habe völlig neu angefangen“, sagt er, er wirkt schüchtern, spricht leise, mit gesenktem Blick. „Niemand weiß, dass ich im Gefängnis war. Ich lebe jetzt mit einem Mann zusammen. Am Anfang war das schwer, er riecht anders als Jungs, ist ganz anders vom Wesen her.“ Doch dafür, meint er, bleibe ihm einiges erspart: „Die ständige Angst vor der Polizei, vor gesellschaftlicher Ächtung, den Nachbarn, dem Knast und am Ende vielleicht die Sicherungsverwahrung.“

Psychotherapeut Jürgen Lemke sagt: „Es ist nicht so, dass man die Neigung zu Kindern wegtherapieren könnte. Aber es sollte gelingen, eine lebbare Alternative zu entwickeln. Man kann versuchen, die Altersgrenzen nach oben zu verschieben. Man arbeitet dabei das Absurde an einer Beziehung mit einem Kind heraus und hilft dem Klienten, es mit einer Beziehung zu einem Erwachsenen zu probieren. Wie bei Rolf. Aber Rolf sagt: „Man wird noch lange unruhig, wenn man draußen Kinder sieht. Ich muss mich selbst beobachten.“

Ein Mann, der neben ihm sitzt, Sven*, unterbricht ihn. „Man hat ein bestimmtes Begehren auf einen Typ von Jungen, bei dem es Klick macht.“ Klick, das heißt: „Wo der Turm oben abschaltet und weiter unten aktiv wird. Das zu merken, lerne ich in der Therapie. Wenn ich in der U-Bahn oder sonstwo einen Jungen sehe, der mir vom Körper her gefällt, dann merke ich das ja. Früher hätte ich da versucht, zu flirten oder was zu starten, heute weiß ich: Wenn ich hinterhergehe, wird’s gefährlich.“ Sven, Ende 40, ist nach zweieinhalb Jahren Gefängnis im offenen Vollzug, er steht zur Entlassung an. Wie das Leben danach aussieht, weiß er noch nicht.

Rolf gibt ihm Tipps: Er sei „extra in eine Gegend gezogen, in der nur alte Leute wohnen“. Er will sich „dem Ganzen“ nicht mehr aussetzen. „Was ich heute schon gar nicht mehr mache, ist zu Kindergärten zu gehen, die meide ich wie die Pest. Es ist schon die ständige Angst, in was reingezogen zu werden.“

Sven nickt eifrig, ja, sagt er, aber damit es weniger Rückfälle gibt, müsste es mehr Anlaufstellen geben. Nottelefone zum Beispiel, für den Fall, dass „der Druck zu groß“ wird. Damit könnte man viele vielleicht schon vor der ersten Tat erreichen. Zustimmendes Gemurmel in der Gruppe.

Sven weiß, wovon er redet. Nach seiner ersten Tat hat er sich selbst angezeigt. Aus Verzweiflung.

*alle Namen wurden geändert.

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