Zeitung Heute : Mission Marzahn

Ein Ring in Kreuzform: das ist der einzige Hinweis, dass es sich um Frauen Gottes handelt. Um für den christlichen Glauben zu werben, müssen die Ordensschwestern im Verborgenen bleiben. Nur langsam ist es ihnen gelungen, nah an die Menschen heranzukommen. Noch immer wissen viele nicht, wer sie sind

Die richtigen Schwingungen. Man könne die Frage nach Gott nicht programmieren, sagen Angelika Kollacks und Michaele Bank. Sie helfen der Seele auch mit Musiktherapie weiter. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die richtigen Schwingungen. Man könne die Frage nach Gott nicht programmieren, sagen Angelika Kollacks und Michaele Bank. Sie...

Sie trug einen feinen Hosenanzug. Die gepflegten blonden Haare hatte sie hochgesteckt. Man sah der Geschäftsfrau Ines Kampen nicht an, wie miserabel es ihr ging. Dass sie verraten hatte, was ihr wichtig war: die Freunde, die Familie. Sie hatte Schuld auf sich geladen, und nun suchte sie nach jemandem, der ihr helfen konnte. Da klopfte sie an die Tür von Michaela Bank und Angelika Kollacks.

Ines Kampen wusste, dass die beiden Frauen aus dem Westen stammen. Das hatte das Nummernschild ihres Autos verraten, mit dem sie nach Marzahn gekommen waren. Dass sie zur katholischen Kirche gehören, dass sie Nonnen sind, ahnte sie freilich nicht.

Am Donnerstag kommt der Papst nach Berlin, wo er eine Rede im Bundestag hält. Er kommt aber auch deshalb hierher, weil Berlin im Osten Deutschlands liegt, wo die Christen in der Minderheit sind. Mit seinem Besuch, der ihn einen Tag später nach Erfurt führt, will Benedikt XVI. die verbliebenen Christen in ihrem Glauben stärken und die anderen neugierig machen. Dass immer mehr Europäer meinen, sie könnten gut auf Gott verzichten, macht dem Papst große Sorgen. Vor einem Jahr hat er sogar ein eigenes „Ministerium“ im Vatikan errichtet, um die „Neuevangelisierung der westlichen Staaten“ voranzutreiben. „Neuevangelisierung“ meint heute, was früher „Missionierung“ hieß.

Auch Ines Kampen dachte, sie käme ohne Gott zurecht in ihrem Plattenbau in Marzahn-Hellersdorf. In dem Ostberliner Stadtteil leben 246 000 Menschen. Auf Hochglanzprospekten wirbt das Bezirksamt für die „Helle Mitte“. Und tatsächlich: Hier sieht alles wie neu aus, die verchromten Fahrradständer, die schicken Bänke, das „Marktplatz-Center“. Doch auf den Bänken sitzen schon um halb zehn morgens Männer mit Bierflaschen. 20 Prozent der Menschen hier sind arbeitslos, und noch mal so viele bekommen Geld vom Amt, weil ihr Lohn nicht reicht zum Leben. Viele wissen gar nicht, dass es einen Papst gibt. Nur zehn Prozent sind getauft.

Michaela Bank und Angelika Kollacks hat das nicht geschreckt. Genau hier wollten die beiden Nonnen hin, mitten unter die Menschen. Zu allein erziehenden Müttern und Frauen wie Ines Kampen. Um die Ecke vom Marktplatz-Center haben die Nonnen zwei Zimmer gemietet. „Lebensberatung. Missionsärztliche Schwestern“ steht an der Klingel. Es geht in den zweiten Stock hinauf, vorbei an Arztpraxen. Dann öffnet sich die Tür, und man ist: überrascht. Kein Kreuz, keine Bibel, keine Weihrauchfässchen. Stattdessen Trommeln und buddhistische Tempelglocken. Im Regal liegen Rasseln, Schellen, Flöten und ein Eselsgebiss aus Peru. An einem kleinen Tisch davor sitzen sie in Jeans und Bluse.

Schwester Angelika, 62 Jahre alt, und Schwester Michaela, 68, tragen an der linken Hand einen silbernen Ring in Kreuzform. Es ist der einzige Hinweis, dass es sich um Frauen Gottes handelt. „Ordenstracht?“, Schwester Michaela zieht die Augenbrauen hoch, lacht ein tiefes, lautes Lachen und sagt mit rheinischem Singsang: „Da fragen die Leute: Warum hat die sich denn verkleidet? Sie glauben ja wohl nicht, dass hier jemand weiß, was eine Nonne ist.“

Ines Kampen kam zu den Nonnen, weil sie unerkannt bleiben wollte. Sie hatte als Inoffizielle Mitarbeiterin für die Staatssicherheit gearbeitet. In den 70er Jahren wollte sie aus der DDR fliehen und wurde geschnappt. Acht Jahre saß sie im Gefängnis. Dort wurde sie von der Stasi bearbeitet und willigte irgendwann ein, IM zu werden. Jahrelang gab sie Informationen über Freunde weiter. Die Arbeit für die Stasi sei eine Chance gewesen, wiedergutzumachen, dass sie die Idee des Sozialismus verraten hatte. „Aber ich fühlte etwas ganz anderes.“ So sagte sie es Schwester Angelika. Die hat es sich notiert und liest jetzt vor, was in Ines Kampen vorging: „Ich fühlte, dass ich meine Freunde verrate. Um der DDR, dem Sozialismus, der Menschheit dienen zu können, musste ich innerlich zumachen. Klassenkampf braucht Härte. Ich empfand mein Gefühlsgefängnis als gerechte Strafe für einen egozentrischen Versager.“ Als Ines Kampen bei den Schwestern vor der Tür stand, hatte sie Angstattacken und Depressionen.

Schwester Michaela ist studierte Theologin und Betriebswirtin. Bevor sie nach Marzahn kam, leitete sie in Peru eine katholische Gemeinde mit 80 000 Mitgliedern, verteilte für die Uno Lebensmittel und legte sich mit Rechten und Linken an, bis sie eine Todesdrohung bekam.

Schwester Angelika hat Gesang studiert, wollte an die Oper. Heute arbeitet sie als Musiktherapeutin. Saiten, Schellen und Flöten sind ihre Arbeitsmittel. Für Ines Kampen ließ sie die Finger über die Saiten des Monochords laufen und schüttelte die Ocean Drums. Bei den warmen, weichen Tönen des Monochords und den Meeresgeräuschen der Drums konnte sich die zierliche Frau entspannen, sie fing an, über die Erfahrungen im Gefängnis zu sprechen und über ihre Familie. Irgendwann legte sich Ines Kampen neben den großen Gong auf den Boden. Eine Sehnsucht überkam sie, mit dem Klang des Gongs zu verschmelzen. Sie fühlte sich geborgen und allmählich, über viele Wochen und Monate löste sich der „schwarze Kloß“ in ihrem Inneren auf. Sie lernte, mit ihrer Schuld zu leben. Die Angstattacken hörten auf.

Das Ministerium zur Neuevangelisierung des Vatikan hat kürzlich eine erste Strategie vorgestellt. Die europäische „Großstadtmission“ soll mit einer „vollständigen Lesung der Evangelien“ eröffnet werden, „um das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen“. Der Ortsbischof soll die Jugendlichen und Familien im Glauben unterweisen und „Bußfeiern“ veranstalten, „um das Interesse auf die Beichte zu lenken“. Weitere Empfehlungen: „bedeutende christliche Texte“ lesen oder mit dem Weltjugendtagskreuz durch die Straßen ziehen.

Bibellesen? Prozessionen? „Wir haben das zur Kenntnis genommen“, sagt Schwester Michaela. „Aber das läuft hier nicht.“ Ihr Weg sieht anders aus.

Die Schwestern in Marzahn arbeiten im Verborgenen. Bis vor einem Jahr hatten sie kein Schild an der Klingel, damit niemand sehen konnte, wohin es ging, wenn jemand Rat suchte. Über Ines Kampen sprechen die Schwestern nur, weil deren Therapie längst abgeschlossen ist. In Wahrheit heißt sie auch nicht Ines Kampen. Vertrauen ist die Grundlage ihrer Arbeit. War schwer genug, Vertrauen aufzubauen.

Als die Nonnen 1992 in den Plattenbau zogen, freute sich niemand über die neuen Hausbewohner. Manchmal, wenn bei den Nachbarn die Neugier stärker war als die Abscheu, schickten sie ihre Kinder vor. Die hatten dann angeblich ihre Schlüssel vergessen und wollten warten, bis die Eltern sie abholten. „Die saßen dann oben und lauschten“, sagt Schwester Michaela. Ist ja alles so hellhörig in der Platte. Sie wurden angefeindet, wenn sie laut beteten und sangen. Manchmal fragten sie sich, ob das wirklich der Ort ist, an dem Gott sie haben wollte. Sie stellten sich im Bezirksamt vor, beim psychosozialen Dienst, bei der Schulpsychologin. Mit der Musiktherapie konnten sich die Behörden anfreunden. Und dass Betriebswirtin Michaela Bank wusste, wie man Konten eröffnet, nach Rabatten fragt, Insolvenzen einleitet.

Aber es dauerte Monate und Jahre, bis sich herumsprach, dass man zu den beiden Frauen hingehen kann, einfach so zum Reden, dass die kein Geld wollen und einem nichts aufzwingen.

Die Sonne scheint in das kleine Zimmer im Marktplatz-Center. Schwester Angelika, die Leisere der beiden, sagt, „Musik berührt einen Raum in Menschen, vielleicht so etwas wie einen unzerstörbaren Kern“. Aber man könne solche Erfahrungen nicht herstellen, man könne auch die Frage nach Gott nicht programmieren, man könne höchstens Sehnsucht wecken. Manchmal sind die Besucher entsetzt, wenn sie nach Monaten der Beratung erfahren, dass sie es mit Nonnen zu tun haben. So vernünftige Frauen, wie können die an Gott glauben?

„Religiosität muss neue Ausdrucksformen finden. Der Mensch von heute begreift nicht mehr so ohne Weiteres, dass das Blut Christi am Kreuz Sühne für seine Sünden ist“, hat Papst Benedikt XVI. vergangenes Jahr gesagt.

Wenn die Schwestern in Marzahn begreiflich machen wollen, dass es vielleicht noch etwas Höheres als den Menschen gibt, sprechen sie von Sternen und Engeln, die über die Menschen wachen. Und dass es eine Energie gibt, die ihnen ihre Fehler verzeiht. „Das wirkt“, sagt Schwester Michaela, „da muss ich gar nicht mit Sünde und Beichte kommen.“ Die Taufstatistik der Kirche wird das nicht ändern. Aber darum geht es den Frauen auch nicht. Erfolg heißt für sie, dass es den Menschen besser geht.

Ein riesiger Erfolg ist, wenn mal jemand in eine Kirche geht, eine Kerze anzündet und die Stille des Raumes auf sich wirken lässt.

Der verstorbene Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hatte den Schwestern ein halbes Jahr gegeben. „Es wird niemand zu euch kommen“, prophezeite er. Heute betreuen sie 40 Patienten. Sie werden zu Beerdigungen gebeten – damit wenigstens einer für den Toten gebetet hat, falls es Gott doch gibt. Und Schwester Michaela begleitet Polizisten, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Ostermontag kam sie in den achten Stock eines Plattenbaus. Das Baby lag regungslos in der Wiege. Plötzlicher Kindstod. „In meinem Glauben ist das Baby noch hier, auch wenn es tot ist“, sagte sie den fassungslosen Eltern und Großeltern. Sie versammelte alle um einen Tisch. Jeder sollte dem Baby sagen, was er ihm sagen wollte, und sich verabschieden. Die Mutter sprach von ihrer Liebe, die Großmutter erzählte zum ersten Mal, dass auch sie ein Kind verloren hat. Der Polizeikommissar nahm das tote Kind zärtlich aus der Wiege und reichte es der Großmutter. Später, als sie wieder gehen wollte, bedankte sich der junge Vater und fragte: Wer sind Sie eigentlich?

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