Zeitung Heute : Missionare der Comic-Kultur

Der Tagesspiegel

Keine Zeit, „Herr der Ringe“ zu lesen?Lust auf „Faust“, aber nur eine Minute übrig? Zu faul, sich durch 700 Seiten „Buddenbrooks“ zu wühlen? Dann ist dieses Büchlein genau das Richtige:100 Meisterwerke der Weltliteratur, zusammengefasst auf 100 Seiten. Jedes Werk ist auf maximal acht Bilder reduziert, der Stil liegt irgendwo zwischen klassischen Comiczeichnungen, bildender Kunst und Popart-Illustrationen.

Niedrigschwelliger und kurzweiliger lassen sich Bildungslücken kaum schließen. Das kleine, feine Comic-Buch ist der jüngste Streich der Gruppe „Moga Mobo“. Seit sieben Jahren produzieren die vier umtriebigen Zeichner im Selbstverlag alle paar Monate ein kunstvolles, professionelles Magazin und bringen es gratis unters Volk. Seit einem Jahr haben sie ihr Hauptquartier aus Stuttgart in eine Atelierwohnung in Prenzlauer Berg verlegt. Ihr Geld verdienen sie unter anderem mit kommerziellen Illustrationen.

Die Macher von Moga Mobo verstehen sich als Missionare, als Wegbereiter der unabhängigen deutschen Comic-Kultur. Sie wollen zeigen, dass es jenseits von „Werner“, Micky Maus oder japanischen Manga-Importen eine eigenständige, deutsche Szene gibt. „Als wir anfingen, gab es für deutsche Zeichner kein Forum, in dem sie kurze, eigene Geschichten veröffentlichen können“, erinnert sich der Illustrator und Werbegrafiker Titus Ackermann. Der heute 31-Jährige Illustrator und Werbegrafiker, der wie seine Mitstreiter seit Schülertagen Bildergeschichten zeichnet, jobbte damals in Comicläden. „Dabei habe ich die Misere jeden Tag erlebt: Deutsche Comics interessieren einfach keinen.“ Also gründete er mit einer Handvoll Gleichgesinnter die Zeitschrift „Moga Mobo“. Was der Name bedeutet, ist bis heute Betriebsgeheimnis.

Um Leser zu erreichen, die sich sonst nie ein Comic-Heft kaufen würden, kopierten sie eine Geschäftsidee der „Flyer“ aus der Musikszene: Finanziert wird „Moga Mobo“ ausschließlich über Werbung, verteilt wird es neben Comicläden vor allem in Szene-Kneipen, Cafés und Kleiderläden, in denen das potenzielle Zielpublikum sich tummelt. Geographische Schwerpunkte sind die alte und die neue Heimat der Herausgeber: Stuttgart und Berlin. „Wenn die Leute schon nicht von sich aus in die Comicläden gehen, dann tragen wir’s ihnen eben hinterher“, sagt Jonas Greulich (30), studierter Filmemacher und ebenfalls von Anfang an dabei.

Über die Jahre schrumpfte die Herausgebergruppe auf vier Unermüdliche zusammen. Dafür stiegen inhaltliche Qualität und Auflage. Mit dem jüngsten Heft, das 20 000 Mal gedruckt wurde, haben sie jetzt die magische Gesamtauflagen-Grenze von einer Million durchbrochen. Für die unabhängige deutsche Comic-Szene, in der Hefte und Bücher sonst gerade mal vierstellige Druckzahlen erreichen, ist das spektakulär.

Einer der Trümpfe von „Moga Mobo“ ist das Künstler-Netzwerk, das die jungen Zeichner im Laufe der Jahre geknüpft haben. Das jüngste Heft vereint einen repräsentativen Querschnitt durch die großen Namen der deutschen Independent-Comicszene, dazu eine Auswahl von Künstlern aus Österreich, Japan und anderen Ländern.

Alle Künstler arbeiten, ebenso wie die Herausgeber, unentgeltlich für das Projekt. Aus Berlin sind diesmal unter anderem die Lokalmatadore Fil, Ol, Andreas Michalke und Reinhard Kleist dabei. Außerdem natürlich die Moga-Mobo- Macher selbst: Neben Jonas Greulich und Titus Ackermann sind dies der gelernte Comiczeichner Thomas Gronle (32) und, als einziger Nicht-Berliner, der in Stuttgart lebende studierte Filmemacher Sven Abel (30).

Vier Mal im Jahr produziert das innovative Quartett ein neues Heft, jedes Mal in einem anderen Format und mit einem ausgewählten Thema. Mal kommen die gesammelten Zeichenkunst-Werke als bunter Bastelbogen daher, mal im Stil einer Tageszeitung. Und der „Millennium Meltdown“ erschien zum Jahrtausendwechsel als Sammlung von 31 kleinen Miniheftchen.

Um die nächste Ausgabe vorzubereiten, tummeln sich zwei der Herausgeber derzeit in Tokio. „Wir haben vor zwei Jahren bei einer Comicmesse eine japanische Zeichnergruppe kennen gelernt, die sowas Ähnliches macht wie wir“, erzählt Thomas Gronle kurz vor dem Abflug gen Osten. „Nou Nou Hau“ nennt sich die Truppe und produziert in Eigenregie Comics, die sich ausdrücklich von den klassischen japanischen Manga-Comics mit großäugigen, großbusigen Püppchen-Figuren abgrenzen.

„Die könnten unsere Kragenweite haben“, sagt Zeichner Gronle. So ganz sicher scheint er sich dabei angesichts der Sprachbarriere aber nicht zu sein: „Weder haben wir bisher so ganz verstanden, was die von uns wollen – noch wissen die, was wir von ihnen wollen.“ Klappt die Zusammenarbeit trotzdem, soll Ende Mai zum Erlangener Comicsalon das Ergebnis der Koproduktion erscheinen, Arbeitstitel: „Manga Massaker“.Lars von Törne

Kostenlos ausgelegt werden die Hefte von „Moga Mobo“ in Cafés, Kneipen und Läden in Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg. Sie sind meist schnell vergriffen. Nachbestellungen gegen 2,50 Euro bei Moga Mobo, Christburger Straße 17, 10405 Berlin, Im Internet: www.mogamobo.com . E-Mail: write@mogamobo.com

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