Misstöne zwischen Lammert und Gauck? : Männer des klaren Worts

Um die Rede im Bundestag anlässlich des 65. Jahrestages der Verabschiedung des Grundgesetzes gibt es Verwirrung. Steckt ein Zerwürfnis zwischen Bundestagspräsident und Bundespräsident dahinter?

Präsidiale Konkurrenz. Das Verhältnis zwischen Bundestagspräsident Norbert Lammert (rechts) und Bundespräsident Joachim Gauck – hier am 23. März 2012 bei der Vereidigung Gaucks als Bundespräsident – ist nicht immer spannungsfrei.
Präsidiale Konkurrenz. Das Verhältnis zwischen Bundestagspräsident Norbert Lammert (rechts) und Bundespräsident Joachim Gauck –...Foto: dpa

Wenn das Staatsoberhaupt zu besonderen Anlässen, etwa einer Feierstunde zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes, im Plenum anwesend ist, dann übernimmt traditionell der Präsident des Bundestages die Aufgabe, den Gast willkommen zu heißen und zu seinem Platz zu geleiten. So geschah es auch an diesem Freitag, und man konnte Joachim Gauck, den Bundespräsidenten, und Norbert Lammert, den Bundestagspräsidenten, froh gelaunt in ein Gespräch vertieft in den Raum eintreten sehen. Natürlich könnte in diesem Bild viel Inszeniertes stecken. Von einem „belasteten“, ja gar einem „gestörten bis zerrütteten“ Verhältnis der beiden ranghöchsten deutschen Staatsvertreter war allerdings nichts zu spüren.

Davon, und auch von „Zoff“ und Eitelkeiten wegen der Feierstunde und der Festrede auf derselben, hatte die „Bild“- Zeitung berichtet und insinuiert, dass Joachim Gauck ganz bewusst nur als Zuhörer beim Festakt des Bundestages anwesend sein wollte und – sozusagen als Konkurrenzveranstaltung – am Tag zuvor seine „Grundgesetz-Rede“ bei einer eigenen Einbürgerungsfeier im Schloss Bellevue gehalten hat. Zweifellos: Gaucks offensives Eintreten für die doppelte Staatsbürgerschaft und sein Wort von der neuen „Einheit der Verschiedenen“ soll dem einen oder anderen in der Partei des Bundestagspräsidenten Lammert, der CDU, nicht allzu gut gefallen haben. Aber deshalb ein offener Eklat der beiden höchsten Verfassungsorgane?

Der 65. Jahrestag der Beschlussfassung über die deutsche Verfassung war in der Geschichte der Bundesrepublik nicht das erste Datum seiner Art, an dem sich die Versammlung der Bundestagsabgeordneten zu einem Festakt zusammenfand. Und selten übernahm dabei der jeweilige Bundespräsident die Rolle des Festredners. Dass Gauck an diesem Freitag im Kreis der Zuhörer saß und nicht hinter dem Mikrofon stand, ist also nichts Ungewöhnliches. Zumal sein Einbürgerungsfest für 23 Neubürger und ihre Familien wohl schon länger geplant war als der Festakt des Bundestages. Das Präsidialamt habe bereits vor weit einem Jahr Termine und Treffen vorbereitet und arrangiert, die zu Gaucks Themenschwerpunkt „Integration“ passen, wird dort versichert. Und von Gauck heißt es, dass er die Initiative seines Vorgängers Christian Wulff für festliche Einbürgerungsfeiern gern aufnehmen wollte. Was böte sich dafür besser an als der Vorabend des Grundgesetz-Geburtstages?

Wie und wann genau der Festakt im Bundestag organisiert wurde, ist nicht exakt zu rekonstruieren. Klar ist lediglich, dass die Bundestagswahl im Herbst, die Koalitionsverhandlungen und die Neubildung der Institutionen des Bundestages Zeit und Aufmerksamkeit der Beteiligten in Anspruch genommen haben. Um die Jahreswende, erinnern sich Beteiligte, habe sich der Ältestenrat des Bundestages erstmals mit dem nahenden Festakt und seiner Ausgestaltung befasst. Da war die Planung von Gaucks Einbürgerungsfest offenbar fortgeschritten und mithin klar, dass sich der Präsident nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Reden äußern wird. Die Wahl fiel auf den iranischstämmigen Schriftsteller Navid Kermani, was nach Erinnerung Einzelner im Ältestenrat wohl mit unwilligem Gemurmel kommentiert wurde. Zum offenen Widerstand gegen den Festredner jedoch war niemand bereit. Und auch an Hinweise derart, dass Präsident Lammert das Nicht-Reden des Präsidenten Gauck als Affront oder Missachtung seiner Person empfunden haben könnte, kann sich niemand erinnern. Im Präsidialamt jedenfalls war ein Wunsch des Bundestages, ein Festwort des Staatsoberhauptes zu hören, nicht vernommen worden. An eitles Gerangel oder gar einen Konflikt mag sich niemand erinnern.

Selbstredend: Norbert Lammert und Joachim Gauck eint ihre politische Erfahrung und der intellektuelle Anspruch. Zwei wortgewaltige Männer, die bekannt dafür sind, auch mit einer Kritik auslösenden Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Man muss kein Tiefenpsychologe sein, um sich vorzustellen, dass sich solche Charaktere gern einzigartig in ihrem Wirkungskreis sehen. Freundschaft entsteht zwischen zwei solchen Männern nur selten. Weshalb ihr Verhältnis auch als „professionell und freundlich“ beschrieben wird.

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