Zeitung Heute : Mister Hochhinaus

Sein Hobby: die Sterne, sein Job: die Berliner FDP – nun gibt Rexrodt den Vorsitz auf

Werner van Bebber

Günter Rexrodt kann mit 63 Jahren noch schwärmen wie ein Junge. Nicht von Berlin, wo er arbeitet, nicht von der Politik, die sein Leben bestimmt, auch nicht von der FDP. Erst recht nicht von der Berliner FDP, die er aus der Bedeutungslosigkeit ins Abgeordnetenhaus geführt hat. Rexrodt sitzt in seinem Bundestagsbüro an der Dorotheenstraße, zwei Minuten vom Reichstag entfernt, trinkt Kaffee und schwärmt von den Sternen. Der Anlass war eine simple Frage: Was er denn lesen werde, wenn er in Zukunft mehr freie Zeit hat, weil er den Vorsitz der Berliner FDP endlich los werde? Da kommt Rexrodt ins Erzählen. Astrophysik, die Wissenschaft von der Entstehung der Sternensysteme, interessiere ihn, darüber lese er viel, da sei er auf dem neuesten Stand der Forschung. Und so, wie er dann in einer Reihe ganz klarer und ganz gerader Sätze einen Weltraum entstehen lässt, glaubt man ihm leicht, dass er sich mit den Sternen schon als Jugendlicher befasst hat. Die Freude, mit der Rexrodt diesen Weltraum und die dahinter liegenden Weltenräume und Milchstraßen beschreibt, steht im Gegensatz zur Kühle seiner Erkenntnis: Dass alles auf diesem kleinen Planeten hier einem Zweck dient, der Erhaltung des Lebens.

Der Mann ist kein Romantiker. Ein Menschenfreund? In der Berliner FDP werden sie ihm nicht nachtrauern. Was die Beliebtheit bei den eigenen Leuten anbelangt, kann es Rexrodt im Berliner Vergleich locker mit dem versunkenen SPD-Landesvorsitzenden Peter Strieder aufnehmen. In keiner anderen Partei gibt es so viele gebildete Leute, die einen guten Teil ihrer Intelligenz zur Analyse der Schwächen ihrer Parteifreunde benutzen. Rexrodt, der als Mr. Wirtschaft dem Berliner Wahlkampf von 2001 bundespolitischen Glanz verliehen hat, ist Gegenstand ganzer Psychogramme. Günter Rexrodt gehe es zuerst um Rexrodt, dann um Rexrodt und drittens um Rexrodt, sagen manche – die nicht einmal zu seinen Gegnern gehören. Arroganz wirft man ihm vor – es sei ihm eben anzumerken, was er vom Niveau der Berliner Politik und der Berliner FDP halte. Und Unzugänglichkeit: Er reagiere bei innerparteilichem Streit nur auf „massivsten Druck“, sagt einer, der ihn ganz gut kennt.

Für einen angeblichen Egoisten ist Rexrodt weit gekommen – und gut angekommen. Elf Jahre war der Betriebswirt bei der Berliner Industrie- und Handelskammer, sicher kein aufregender Arbeitgeber in den Jahren 1968 bis 1979, dann wechselte er in die Senatswirtschaftsverwaltung. Mit 41 wurde er dort Staatssekretär, da war er zwei Jahre in der FDP. 1985 wurde er für vier Jahre Finanzsenator. Es folgten zwei Jahre bei der Citibank in New York und in Frankfurt am Main. Er wurde Treuhand-Vorstand und 1993 Bundesminister für Wirtschaft. Das alles, sagt Rexrodt zum Ärger seiner Parteifreunde, sei er aus eigener Kraft geworden.

Als die schwarz-gelbe Bundesregierung 1998 am Ende war, wurde Rexrodt gerade rechtzeitig frei, um die Berliner FDP zu reanimieren. Die hatte einen guten Teil der 90er Jahre mit Versuchen zugebracht, sich überflüssig zu machen. Es gab Skandälchen wie die Figaro-Affäre der Fraktionsvorsitzenden Carola von Braun, die Friseurrechnungen von der Fraktion bezahlen ließ. Es gab einen rechten Putschversuch mit der Absicht, ausgerechnet in Berlin einen liberalen Neokonservatismus nach der Vorstellung des ehemaligen Generalbundesanwalts Alexander von Stahl zu installieren. Es gab viel Verdruss für alle, die in und mit der FDP Politik machen wollten. Einer, der von Rexrodt nicht allzu viel hält, sagt trocken, dass Rexrodt damals der einzige Mann mit Renommee war, den die Berliner FDP zu bieten hatte.

Anders gesagt: Wenn er sich 1999 geweigert hätte, diesen Landesverband zu führen, hätte man ihn gut verstanden. Aber Rexrodt trat an. Vor den Aufräumarbeiten war im Sommer 1999 ein Wahlkampf zu organisieren. Die FDP holte gute zwei Prozent. „Rexrodt war damals stehend k.o.“, sagt ein Mitstreiter – und Rexrodt machte weiter. Der Bundesminister trat als Mr. Wirtschaft beim nächsten Wahlkampf an. 2001 sprengten Peter Strieder und Klaus Wowereit die schwarz-rote Koalition. Berlin schwärmte für Gregor Gysi, die Reste des bürgerlichen Berlin schickten die Liberalen mit fast zehn Prozent der Stimmen ins Abgeordnetenhaus. Typisch Rexrodt, sagt einer, der ihn lange beobachtet hat – der habe wieder Glück gehabt. Ein anderer sagt es noch zugespitzter: Rexrodt sei im Oktober 2001 „der richtige Mann am richtigen Ort“ gewesen. Das kann nicht jeder von sich sagen. „Da hat einfach alles zueinander gepasst.“

Danach passte nichts mehr. Rexrodt verließ die Verhandlungen über eine Ampel-Koalition und entließ Klaus Wowereit und Peter Strieder in das leicht zu führende Bündnis mit der PDS. Er nahm sich zweierlei vor: Er wollte den Landesverband mit den meisten Schiedsgerichtsverfahren – so die Selbstbezichtigung – befrieden. Dazu musste die alte Satzung als Grundlage aller Streitereien ersetzt werden. Und er wollte der Partei einen neuen Überbau geben.

Mit dem stahlblauen Blick und dem Lächeln des Erfolgsmenschen sagt Rexrodt, er habe beides geschafft. Berliner Parteifreunde vertreten dagegen die These, er sei mit beidem gescheitert. Die neue Satzung sei nicht besser als die alte. Vor allem habe die FDP immer noch nicht das, was Rexrodt so wichtig war, um die Bezirkspolitiker von der Landespolitik fern zu halten – das Prozedere für die Aufstellung der Landesliste. Und der Überbau? Der nennt sich mit Verve „Berliner Freiheit“ und transportiert im Untertitel die Ahnung, dass es mit der Berliner Freiheit noch dauern wird: „Ideen für eine moderne Bürgergesellschaft“ wird der FDP-Parteitag am Wochenende debattieren, nicht aber einen Programmentwurf.

Rexrodt wird die Debatte nicht führen. Die Delegierten sollen am Wochenende den Bundestagsabgeordneten Markus Löning zum neuen Landeschef wählen. Der wird, ohne einen Mr.-Wirtschaft-Titel, einen Club mit explosiver Streitkultur organisieren dürfen. Das sichert ihm Zugang zum Parteipräsidium und 2006 vermutlich ein Bundestagsmandat. Auf das andere Mandat hofft Rexrodt, für den 2004 mehr zu Ende geht als neu beginnt. Seinen Vorstandsjob bei der Beratungsagentur WMP – die coachte den ehemaligen Chef der Bundesagentur für Arbeit Florian Gerster – hat Rexrodt aufgeben, im besten Einvernehmen mit den anderen Vormännern, wie er sagt. Zeit für Gedanken über die Sterne.

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