Zeitung Heute : Mister Nicht-so-wichtig

Im Ausland hielten sie ihn für mächtig, daheim war er ein solider Arbeiter – CDU-Mann Karl Lamers hört auf

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Von Robert Birnbaum

Lamers geht. Ach, der Lamers? Ja, der. „Karl Lamers, Angestellter, 53639 Königswinter“, verzeichnet Kürschners Volkshandbuch des Deutschen Bundestages, dazu sechs Sterne für die Zahl der Wahlperioden. Mehr werden es also nicht – fünf mal vier Jahre plus die verkürzte Wahlperiode von 1980 bis 1982, als Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher die Wende vollführten. Am 22. September ist Schluss. Man kann ihn noch anrufen, er gibt Interviews und Auskunft wie eh und je; gerade erst hat er vor Krieg gegen den Irak gewarnt. Aber in dem Büro in der Berliner Wilhelmstraße sind die Wände kahl. Er musste im Januar noch einmal umziehen, die Bilder hat er danach gar nicht erst wieder aufgehängt, lohnt nicht. „Das Leben besteht wirklich nicht nur aus Politik“, sagt er. Sein Leben besteht bis heute daraus.

Und jetzt geht er. Zum Ende der Wahlperiode verabschieden sich viele – viele Unbekannte, ein paar sehr Bekannte. Lamers liegt irgendwo dazwischen. „Außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion“ ist eins dieser Ämter, von dem die meisten Menschen nicht sagen können, wozu das gut ist. Es ist aber auch schwer zu erklären, allein schon deshalb, weil sie in der Union aktuell als Chef-Außenpolitiker der Fraktion den Volker Rühe haben und als Ober-Chef-Kompetenzaußenpolitiker den Wolfgang Schäuble, außerdem Friedrich Merz als Europäer sowie den Kanzlerkandidaten und die Parteichefin mit Zuständigkeit für alles. Für Lamers, den Rheinländer mit dem freundlichen Asketengesicht und der hohen, ein bisschen brüchigen Stimme, blieb da bestenfalls die Nummer Fünf frei.

Der Mann aus dem Mittelbau, wo nicht die ganz hohe Staatskunst, die Taktik regiert, sondern doch eher die Sache selbst. Man muss die Details kennen, bevor man sich sein Urteil bildet, sagt Lamers. Darum ist er einer von denen, die immer im Auswärtigen Ausschuss auf ihrem Platz sitzen, noch beim Tagesordnungspunkt „Perspektiven für Äquatorialafrika“. Einer von denen, deren Wissen, deren Erfahrung und Kontakte eigentlich gar nicht zu ersetzen sind. Einer von denen, die man eben auch braucht im politischen Betrieb rund um den Reichstag.

Wohltuende Irrtümer

Wobei es Leute gibt, sehr hochmögende sogar, die finden, der Lamers sei überhaupt kein Politiker. Helmut Kohl hat ihm das mal ins Gesicht gesagt, nachdem er einen Staatsminister-Posten abgelehnt hat. Lamers wollte nicht. Er hätte ja von Stund an nicht mehr sagen dürfen, was er denkt. Stellvertretender Fraktionschef wäre er später gern geworden, doch das hat Schäuble verhindert. „Ich bin nicht unbeliebt“, sagt Lamers. „Aber die Leute gucken immer kritisch. Ich könnte ja mal Schwierigkeiten machen.“

Der Generalverdacht begleitet ihn seit jeher. Drei Anläufe hat der „rote Karl“ in den 70er Jahren in den Bundestag gebraucht. Er fand Willy Brandts Ostpolitik richtig, deshalb der Ruf als Roter. Außerdem war er in der CDA, damals Norbert Blüms Kampfverband für rheinisch-katholischen Sozialismus. Wirklich Schwierigkeiten gemacht hat er aber nie, nicht mal neulich, als er zusehen musste, wie Volker Rühe die Union in ein aussichtsloses Gefecht gegen eine Verlängerung des Mazedonien-Einsatzes der Bundeswehr führte unter dem Motto „Ohne Geld keine Zustimmung“. Rühe hat die Kurve nicht rechtzeitig gekriegt, Merkel und Merz mussten die Notbremse ziehen, blamabel war das. Hätte man sich sparen können, wenn man auf Lamers gehört hätte. Aber man hat auf Lamers meistens nicht gehört, sondern ihn lieber einen „Vordenker“ genannt, was so viel heißt wie: Lass ihn halt reden. „Ich hab’ noch nie eine von der Fraktion abweichende Meinung gehabt – die Fraktion wusste das nur nicht immer“, sagt er dazu. Wenn Rheinländer ironisch werden, steckt oft stille Verzweiflung dahinter.

Resignation nicht, dazu ist Karl Lamers nicht fähig. „Ich hasse Leute, die sich zu kurz gekommen fühlen.“ Die ganze hagere Gestalt schüttelt sich, als habe ihr jemand Kröten in den Hemdkragen gestopft. Und hat er nicht in diesen 22 Jahren wirklich dieses und jenes erreicht? Allein schon, weil sie in Paris und Rom, London und Madrid auch nicht wussten, was ein „außenpolitischer Sprecher“ ist, und ihn darum für den Abgesandten des Kanzlers Kohl hielten? Ein Irrtum, der zum Beispiel den Italienern ganz gut getan hat, weil sie Lamers’ Rat befolgt haben, ihre Staatskasse für den Euro fit zu machen. Dafür hat er in Frankreich mal fast eine Krise ausgelöst, weil sie dort einen harmlosen Zeitungsartikel von ihm über Europas Zukunft als getarnte deutsche Misstrauenserklärung gegen einen Ministerpräsidenten-Kandidaten gedeutet haben. Lamers muss immer noch kichern bei dem Gedanken an seine falsche Wichtigkeit.

Die letzte Rede

Mit Kohl hat er ganz gut gekonnt. Lamers, Jahrgang 1935, hat den Vater im Krieg verloren, Kohl den Bruder. Mit beiden geht auch die Generation aufs Altenteil, für die „Europa“ noch nach heller Zukunft klingt und nicht nach Brüsseler Amtsmuff. Gerhard Schröder zum Beispiel ist völlig anders, ein Späterer. „Er hat überhaupt kein Gespür.“ Lamers schüttelt den Kopf. „Oberflächlich!“ Und Stoiber? Na ja. Er ist ja loyal. Aber auch der kein großer Selbst-Denker.

Lamers hat nie aufgehört, selbst zu denken. So ist ihm Außenpolitik zum Abenteuer geworden, zum stets spannenden Versuch, den Fremden zu begreifen in seinem Anderssein. Es ist ein Abenteuer des Geistes. Was hat er schon wirklich gesehen von all den Ländern, in denen er war? Hotelzimmer, Tagungsräume, Blicke aus dem Taxi. „Man hat bloß die Zunge lang gemacht bekommen“, sagt er, man ist auf den Geschmack gebracht worden. Reisen, wirklich reisen will er jetzt, mit seiner Frau. Ach, und im Frühsommer die eigenen Kartoffeln ausgraben, im großen Garten in Königswinter, gekocht muss man die essen, „grob geschrubbt, nicht geschält“, dazu ein Rucola-Salat, Olivenöl, Parmesan, ein Glas Rotwein – „herrlich!“

Der Reichstag ist leer an dem Tag kurz vor den großen Sommerferien, an dem Lamers seine letzte Rede hält. Niemand sagt es, aber die Debatte über „Transatlantische Beziehungen“ steht nur seinetwegen auf der Tagesordnung. Lamers sitzt in der ersten Reihe, aber sonst wie immer: die Hände vor der Brust verschränkt, ein aufmerksamer Skeptiker. Drei Dutzend Zuhörer sind gekommen, Weggefährten. Wolfgang Schäuble, Rita Süssmuth, Theo Waigel, Hans-Ulrich Klose. In der Regierungsbank sitzt nur Joschka Fischer und hört zu, wie Lamers eine Rede hält über den niemals beendeten Versuch, mit den bescheidenen Mitteln der Außenpolitiker „eine etwas bessere Welt zu schaffen“.

Als Lamers fertig ist, geht er zurück an seinen Platz und vergräbt das Gesicht in den Händen. Er will sich nicht bei der Rührung ertappen lassen. Wenn man ihn fragt, wie das ist, wenn einer geht nach zwei Jahrzehnten, versteht er das ja vorsätzlich auch nicht. „Ich geh’ schnell“, sagt er dann und erzählt, wie er sich neulich in einem Schaufenster Unter den Linden selbst beim Gehen gesehen hat, „viel zu schnell, ich hab’ gedacht, Mensch, wo rennst du denn hin?“ Man soll ihn halt nicht so wichtig nehmen, ihn, Karl Lamers, Angestellter, 53639 Königswinter und kein richtiger Politiker. Auch darum wird er fehlen.

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