Zeitung Heute : „Mit 17 war ich Alkoholikerin“

Mütter und Töchter haben es fast immer schwer miteinander. Warum sollte das bei Marlene Dietrich anders gewesen sein? Maria Riva erinnert sich.

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Maria Riva, 81, hat selbst vier Söhne. Als Kind teilte sie in „Die scharlachrote Kaiserin“ die Hauptrolle mit ihrer Mutter Marlene Dietrich; später zog sie die Familie einer Schauspielkarriere vor. Riva gab zuletzt das Buch „Nachtgedanken“ heraus, das Texte aus dem Nachlass der Dietrich enthält.

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Da fragen Sie mich? Ich hatte gar keine Mutter.

Entschuldigung, Sie sind die Tochter von Marlene Dietrich.

„Maria Die-Tochter-von“, als Kind dachte ich, das ist mein Name.

Also, Ihre Mutter …

Ach, das müssen die Leute mal lernen: Bloß weil eine Frau neun Monate lang ein Kind im Bauch hatte und es zur Welt gebracht hat, ist sie danach nicht eine Mutter. Mutter zu sein, das ist etwas viel Größeres als ein Kind auszutragen. Diese Sache könnte auch ein Brutkasten übernehmen.

Gut, fangen wir anders an. Elisabeth Badinter, die Philosophin, hat gesagt, der Mythos vom Mutterinstinkt sei eine universelle Lüge, die Mutterliebe nicht angeboren.

Eine kluge Frau. Ich glaube, Mütter sollten nach der Geburt Unterricht bekommen, in dem sie lernen, wie man mit Kindern umgeht. Die Menschen denken ja, alle Mütter sind wunderbar. Das sind sie in Wirklichkeit gar nicht. Ich engagiere mich für Kinder, die von ihren Müttern misshandelt wurden. Glauben Sie mir, die Mutterschaft wird völlig überschätzt, auch wenn in Amerika, wo ich lebe, Apple Pie und Mütter als unantastbar gelten.

Und Marlene Dietrich hatte kein Talent zum Muttersein?

Sie war eine jener Erstickungsmütter, die ihren Kindern die Luft zum Atmen nehmen. Sie hatte einen einzigen Gedanken: ich, ich, ich. Dabei hatte sie großes Talent, Mütter zu spielen. In der „Blonden Venus“ gibt es eine Szene, in der sie ein Kind badet. Sie kam nach dem Dreh nach Hause und erzählte mir davon. Sie sagte: Ich habe mir vorgestellt, das bist du in der Badewanne. Dabei hatte sie mich nie in der Wanne gewaschen.

Sie selbst haben vier Söhne. Wo haben Sie das Muttersein gelernt?

Das habe ich, natürlich, von ihr gelernt. Nach meiner Erfahrung als Kind wusste ich sehr genau, wie eine Mutter nicht sein sollte.

Das klingt böse. Dabei haben Sie selbst in Ihrer Biografie „Meine Mutter Marlene“ geschrieben, dass sie Sie zum Beispiel ausgiebig gestillt hat. Ihr Verhältnis scheint in Ihrer Babyzeit innig gewesen zu sein.

Sie hat mich angebetet, weil ich ihr Produkt war. Meine Mutter war der Meinung, dass sie mich fabriziert hat. Sie sagte immer: Das Haar habe ich nicht so gut hinbekommen, das ist zu dünn. Die Nägel waren okay, die Augen auch, aber meine Knochen waren zu dick. Ich hätte kleine aristokratische Knochen haben sollen, wie Rennpferde.

Sie mussten Schienen tragen, weil Sie angeblich O-Beine hatten.

Irgendjemand hatte ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt, und Beine waren ja sehr wichtig in unserer Familie. Ein verrückter Doktor, der Geld machen oder was von der Dietrich wollte, hat dann diese Dinger aus Leder und Eisen anfertigen lassen. Das muss 1926 gewesen sein. Mein Vater hat die Schienen abends festgeschraubt. Ich konnte mich damit kein bisschen bewegen. Noch heute schlafe ich völlig regungslos auf dem Rücken.

Könnte es sein, dass sich Marlene Dietrich trotzdem selbst für eine gute Mutter hielt? In den „Nachtgedanken“, die Sie herausgegeben haben, schreibt sie: „Wenn ein Chirurg mein Herz aufschneidet, wird er darin die ganze Liebe für mein Kind finden.“

Grausam ist das, nicht? Sie hielt sich für die beste Mutter der Welt, so wie sie sich für die beste Liebhaberin hielt, aber das war ihre Stärke: Was immer sie dachte – die Welt sagte Ja dazu. Das war ihre Aura, die Kraft ihrer Berühmtheit.

Billy Wilder nannte Ihre Mutter eine Mutter Teresa mit schöneren Beinen, weil sie sich am Set immer um die Wehwehchen der anderen kümmerte, weil sie alle bemutterte. Machte sie das auch bei Ihnen?

Sie machte es, aber nicht richtig. Wenn zum Beispiel eines meiner Kinder krank war, kochte sie fetten Eiersalat. Dann musste man sagen: „Massy“ …

… so nannten Sie sie …

... wie wunderbar, dass du dir so viel Zeit genommen hast. Man musste sie dann schnell ablenken, damit sie das kranke Kind nicht damit fütterte.

Warum haben Sie nicht einfach gesagt: „Machen wir doch lieber eine Bouillon“?

Wenn man mit einer solchen Kraftperson leben muss, lernt man sehr schnell, Öl ins Wasser zu geben, damit das Wasser nicht überkocht. Das Leben ist viel einfacher, wenn man mitspielt.

Marlene Dietrich war die erste Mutter Hollywoods.

Zuerst wollte das Studio das nicht. Femme fatale und Mutter, das schien unvereinbar. Sie aber hat gesagt: Es funktioniert, und dann hat Sternberg …

… der Regisseur und Entdecker von Marlene Dietrich …

… diese wunderbaren Fotos gemacht von meiner Mutter und mir, um den Managern zu zeigen, dass man aus der Femme fatale eine Madonna machen konnte. Paramount war einverstanden, und dann haben es alle nachgemacht: Joan Crawford hat sofort zwei Kinder adoptiert.

Hollywood muss ein bunter Spielplatz gewesen sein.

Gar nicht. Paramount-Leute und MGM-Leute begegneten einander nicht, MGM-Leute trafen nie Warner-Brothers-Leute. Es war wie ein Gefängnis. Ich habe keine anderen Kinder kennen gelernt, bloß die Marx-Brothers, weil sie auch bei Paramount waren.

Ihre Mutter, ganz Hollywood nannte Sie „das Kind“ – in Wirklichkeit waren Sie nie eines?

Ich war Dienstmädchen, die rechte Hand von Marlene Dietrich. Als mein Vater krank und später dann, als er gestorben war, fungierte ich auch noch als Ehemann. Und natürlich war ich der Freund, der Agent. Aber ich konnte das Kind spielen, wenn es wichtig war.

Wie ging das: Kind spielen?

Knicksen. In den 30er Jahren waren deutsche Kinder ja darauf gedrillt, artig zu sein, nur etwas zu sagen, wenn sie angesprochen wurden. Es gab kein „Nein“ oder „Ich will nicht“.

Sie haben einmal gesagt, dass besonders wohl erzogene Kinder Sie skeptisch machen. Wie haben Sie selbst Ihre Kinder erzogen?

Ich wollte unbedingt alles besser machen.

Sie haben kleeblattförmige Schulbrote geschmiert.

Ich selbst war nicht zur Schule gegangen, außer einmal für zwei Monate in der Schweiz. Dann hatte ich endlich die Chance, das alles nachzuholen und mitzuerleben. Ich fand es wunderbar, früh aufzustehen, für alle Frühstück zu machen, die Kinder zur Schule zu bringen. Manchmal haben meine Söhne sich geniert wegen dieser verrückten Mutter, die alles wissen wollte, als sie nach Hause kamen.

Haben Sie geklammert?

Ich hoffe nicht. Für mich ist Freiheit ein großer Wert. Echte Liebe bedeutet, den anderen seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Ob es gelungen ist, werden wir sehen, wenn meine Söhne mal ein Buch über mich herausbringen.

Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihren Kindern beschreiben?

Meine Söhne sind meine Freunde. Ich habe sie wirklich gern. Das ist viel schwieriger als jemanden zu lieben.

Worin besteht der Unterschied?

Liebe ist instinktiv, aber um jemanden wirklich anzunehmen, jemanden gern zu haben, muss man ihn wirklich kennen, ihn respektieren. Das tue ich: Ich habe Achtung vor meinen Söhnen als gute Männer, gute Väter, gute Ehemänner.

Was macht eine gute Mutter aus?

Das Kind muss wissen: Wenn ich Hilfe brauche, ist sie da. Aber sie darf nicht wollen, dass das Kind denkt wie sie, dass das Kind tun muss, was sie sagt. Eine Mutter muss sein wie ein guter Stuhl: Wenn man drin sitzt, fühlt man sich aufgehoben.

Gab es denn gar keine Momente, in denen Sie sich bei Ihrer Mutter aufgehoben fühlen konnten?

Das Problem meiner Mutter war: Sie konnte sich in eine Blume verlieben, in ein Buch, ein Lied. Und so, wie sie eine Blume anbetete, so sagte sie zu mir: Ich liebe dich, du bist meine ganze Welt. Sie hat es geglaubt, in dem Moment, aber wie sollte ich das als Wahrheit annehmen?

Wie wichtig ist es für Mütter und Kinder, Geheimnisse voreinander zu haben?

Unglaublich wichtig. Ich wusste von meiner Mutter viel mehr als ich wollte …

… und Sie haben diese Geheimnisse nicht für sich behalten. In „Meine Mutter Marlene“ haben Sie über intimste Dinge geschrieben: darüber, wie sie ihre hängenden Brüste kaschierte, wie sie sich nach dem Sex wusch.

Meine Mutter war in manchen Dingen sehr männlich. Kennen Sie diese Männer, die mit ihrem Freund darüber sprechen, was im Bett passiert? So redete meine Mutter mit mir. Es gab nichts, was ich nicht hören durfte.

Das klingt sehr vertraut.

Es war schrecklich. Ich würde meinen Kindern nie erzählen, was ich mit meinem Mann im Bett tue, das ist mein Privatleben.

Konnten Sie ihr Geheimnisse anvertrauen?

Niemals. Man redete nicht mit der Dietrich über sich selbst.

Die Beziehung zu Ihrer Mutter war gleichzeitig zu distanziert und zu nah. Wie bestimmend war Ihre Mutter später, als Sie Ihre eigene Familie hatten?

Sie war immer dabei, auch als sie schon tot war, sie ist ja auch jetzt, in diesen Minuten, dabei.

Nina Hagen hat einmal gesagt, sie habe sich immer am meisten über ihre Mutter gefreut, wenn die Mutter nicht da war. War die Mutter abwesend, spürte sie eine besondere Nähe zu ihr.

Ich kenne Nina Hagen nicht, aber bei mir war das anders. Meine Mutter war immer da, auch als wir voneinander getrennt lebten, als sie in Paris wohnte und ich in den USA. Sie rief 30 Mal am Tag an, und wenn nicht sie am Apparat war, dann war es ihr Agent, ihr Stubenmädchen, der Concierge.

Sie waren dafür zuständig, dass das Produkt Marlene Dietrich funktionierte.

Einmal hatte in Deutschland jemand aus dem Publikum ein Ei auf sie geworfen, das muss in den 60er Jahren gewesen sein. Das Ei lief in die Perücke, da rief sie mich an und sagte: Stell’ dir vor, was die Nazis gemacht haben! Ich habe ihr gesagt: Schick’ mir die Perücke mit dem Ei, ich mache sie sauber, und bis du sie zurückbekommst, nimmst du die Ersatzperücke, sie steckt in deinem Koffer. So ging es 24 Stunden am Tag. Nie fragte sie: Wie geht es deinem Mann, deinen Kindern?

Gegenüber der Mutter bleibt man ewig Kind.

In Amerika gibt es einen Ausdruck: „Somebody pushes your buttons.“ Es gibt Eltern, die wissen genau, was sie sagen müssen, welchen Knopf sie drücken müssen, damit ihre Kinder wieder klein werden und Angst haben, dass sie nicht gut genug sind. Marlene Dietrich drückte den Emotionsknopf bei allen Menschen. Wer sich davor schützen wollte, musste seinen Emotionsknopf verbergen.

Ist Ihnen das irgendwann gelungen?

Nur deshalb lebe ich noch. Mit 17 war ich Alkoholikerin. Aber ich habe es geschafft. Mein Mann hat mich gerettet.

Mit Ihrer Mutter konnten Sie sich nicht auseinander setzen, nicht mit ihr streiten?

Man streitet nicht mit einer Legende.

Wusste sie denn, dass Sie diesen Mangel empfunden haben, dass Sie das Gefühl hatten, keine Mutter zu haben?

Nein, warum auch.

Sie haben die Abrechnung mit Ihrer Mutter erst nach ihrem Tod veröffentlicht.

Einer Person wie ihr hätte man keine neue Sichtweise beibringen können. Sie war dann auch alt und krank und begann, sich mit Alkohol und Pillen zu ermorden. Aus der Erfahrung meiner Alkoholsucht weiß ich: Sich mit so jemandem auseinander zu setzen, ist vergeudete Zeit. Es gab Situationen wie diese: Sie saß da und schrieb in ihr Tagebuch: „Maria not here. Am all alone. Nothing to eat.“ Und dann kam ich ins Zimmer rein, mit dem Essen. Ich habe immer wieder versucht, etwas für sie zu kochen, gegen den Alkohol, aber sie aß nicht. Ich bin dann in die Küche gegangen und habe meinen Mann am Telefon gefragt: Bill, sag mir, wo bin ich?

Wäre die Auseinandersetzung nicht notwendig gewesen, um sich von ihr zu emanzipieren?

Emanzipation ist ein innerer Prozess.

Marlene Dietrich war ein Weltstar, es war immer klar, dass Sie diesen Ruhm nie erreichen würden.

Ich habe großen Respekt für die Dietrich. Sie hatte eine wunderbare Intelligenz. Sie war nicht bloß Schauspielerin, Kinostar – das alles tat sie, um Geld zu verdienen. Für sie war es viel wichtiger, dass sie einen Freund in Hemingway hatte.

Bei dieser Mutter: Warum sind Sie ausgerechnet Schauspielerin geworden – musste das nicht frustrierend für Sie enden?

Überhaupt nicht. Ich war fett, hatte Pickel, und ich lebte in einer Welt, in der alle Menschen wunderschön waren. Da war es eine gute Schockbehandlung, auf einer Bühne zu stehen. Es hat gewirkt.

Ihr Selbstwertgefühl hat sich verbessert?

Ja, und ich war eine gute Schauspielerin; in Amerika war ich die Erste, die vom Theater zum Fernsehen ging. Irgendwann wollten sie mich dann in Hollywood, aber da habe ich ihnen gesagt: Nehmt Grace Kelly, ich bekomme lieber noch ein Kind. Am Ende waren es vier. Oh Gott, wenn ich daran denke: Hätte ich keine Karriere gemacht, hätte ich sechs haben können! Die Chance habe ich verpatzt, bloß wegen der Karriere. Ich finde es schrecklich, dass diese ganzen Frauen heute ihre Kinder in Krippen geben, bloß weil sie arbeiten müssen – und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die gar nicht arbeiten müssen, aber die denken, sie müssen alles sein: Mutter, Sex-Symbol, Karrierefrau.

Marlene Dietrich fühlte sich nie irgendwelchen Rollenmodellen verpflichtet. Hat sie sich mit ihrem Verhalten vielleicht auch dem deutschen Mutterkult verweigert, der von den Nazis propagiert wurde?

Sie war gegen alles, was die Nazis gut fanden, aber ich denke nicht, dass das in ihrem Muttersein eine Rolle spielte. Sie glaubte ja, dass sie voll und ganz Mutter war.

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