Zeitung Heute : Mit 80 in die Wohngemeinschaft

ASFH-Wissenschaftler erstellen Statistiken über Senioren-WG’s. Männliche Mitbewohner sind oftmals über 10 Jahre jünger als Frauen

Katharina Schönwitz

Mit Ende Zwanzig haben die meisten das WG-Leben satt. Die Sehnsucht nach einem eigenen Bad, einem nicht andauernd leer gefutterten Kühlschrank und sauberem Geschirr wird einfach zu groß. Anschließend ist die Freude riesig über die erste eigene Wohnung und die Ruhe, wenn man nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Fünfzig Lebensjahre danach sieht es für immer mehr Berliner anders aus: Mit durchschnittlich achtzig Jahren ziehen vor allem viele Frauen wieder in eine WG. Sie schätzen es, sich gegenseitig zu helfen und nicht alleine zu sein. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es von diesen Oldie-Wohngemeinschaften so viele wie in Berlin.

In welchen Bezirken es die meisten Senioren-WGs gibt und wie die Gemeinschaften zusammengesetzt sind, hat Karin Wolf-Ostermann untersucht. Seit 2003 lehrt sie an der Alice Salomon Hochschule in Berlin (ASFH), 2004 bekam sie den Ruf als Professorin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Statistik. Von Studierenden gefürchtet, doch für sie alles andere als trocken. „Ich vergleiche die Statistik immer mit Schwimmen. Es im Hallenbad in einem Kurs zu lernen ist eher langweilig, aber anschließend draußen im offenen Meer alleine zu schwimmen ist spannend.“

Die „Berliner Studie zu Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen“ war so etwas wie das offene Meer für Karin Wolf-Ostermann. Auf 166 Seiten dokumentiert die Statistikerin mit Zahlen und Fakten, wer die WG-Bewohner sind. „Der durchschnittliche Bewohner ist weiblich, um die achtzig und hat vorher alleine gelebt“, sagt die Wissenschaftlerin. Für die Studie wurde eine Stichprobe von 108 Wohngemeinschaften und 745 Bewohnern ausgewählt. „Wir haben aber nur richtige Wohngemeinschaften untersucht, also keine Wohngruppen in Heimen oder Ähnliches.“ Die meisten Wohngemeinschaften sind in Tempelhof-Schöneberg, Reinickendorf und Pankow. Die Mehrzahl der WGs bestand dabei aus vier, sechs oder acht Bewohnern. „Die meisten sind in der Pflegestufe Zwei, leiden teilweise schon unter Demenzerkrankungen und werden von ambulanten Pflegediensten betreut“, sagt Wolf-Ostermann. Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen beträgt 82,1 Jahre, das der Männer 71,4 Jahre. Insgesamt wohnen dreimal so viele Frauen wie Männer in den Wohngemeinschaften. Die Männer sind dabei weniger pflegebedürftig als die Frauen, was auch an der unterschiedlichen Altersstruktur liegt. Nur 2,4 Prozent aller Bewohner gaben an, einen Migrationshintergrund zu haben.

Untersucht wurde auch, wer eigentlich die Pflege übernimmt. So ist die Gruppe der Pflegehelferinnen zahlenmäßig am stärksten. Viele von ihnen arbeiten dabei auch Teilzeit. Pflegefachkräfte sind die zweitstärkste Gruppe. Dagegen werden Zivildienstleistende und Beschäftigte im Freiwilligen Sozialen Jahr nur in sehr geringem Umfang eingesetzt.

In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und den Verbänden der Leistungsträger. „Bislang gab es keine Daten über solche Wohngemeinschaften“, sagt die Forscherin. Doch eine ansteigende Lebenserwartung sowie eine sinkende Geburtenrate werden die demografische Altersstruktur verändern und die Frage nach der Versorgung älterer Menschen immer wichtiger werden lassen. Anhand der Untersuchungen könnten die Sozialleistungsträger nun ihre Vergütungsstrukturen weiterentwickeln und die Informationen für Interessenten, die sich über Senioren-WGs informiere wollen, verbessert werden.

Für Karin Wolf-Ostermann war an der Studie besonders interessant, dass die Wohngemeinschaften keine Durchgangsstation sind. „Es ist nicht so, dass die Bewohner nur ein paar Monate oder Jahre bleiben und dann in ein Heim gehen.“ Wohngemeinschaften seien eine echte Alternative zu Pflege- oder Seniorenheimen. Katharina Schönwitz

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