Zeitung Heute : Mit Allah und Angela

Familie, Ehe, Sicherheit – warum Muslime wie Timur Hussein in die CDU eintreten

Jan-Martin Wiarda

Ganz hinten hockt er. Brille, schwarze Haare, schwarzer Schnurrbart. Er hockt da, nach vorne gebeugt, fixiert den Parteiwimpel auf dem Vorstandstisch und merkt nicht, dass Timur Hussein ihn schon seit einer Weile nicht mehr aus den Augen lässt. „CDU Kreuzberg, Ortsverein Oranienplatz“ steht auf dem Wimpel, die Farben sind ausgeblichen, und der Mann mit dem Schnurrbart sagt die falschen Sachen. Er sagt, dass ein Kopftuchverbot einer Stigmatisierung gleichkäme. Er sagt, dass Frauen mit Kopftuch bespuckt worden seien, so weit sei es gekommen, eine Schande. Irgendwann reicht es Timur Hussein. Doch wenn Hussein sich aufregt, dann bekommt er keinen roten Kopf wie sein Parteifreund am Nebentisch. Er zischt auch nicht „Quatsch!“ wie die Kreisvorsitzende der Frauenunion. Zurückhaltend wie er ist, sagt er nur einen Satz, ganz leise, und doch klingt der Satz wie eine Hinrichtung: „Der Herr ist von der Milli Görüs.“

Mehr braucht er auch nicht zu sagen. Für einen wie Hussein steht die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestufte „Islamische Gemeinschaft“ für das, was er nicht sein will. Engstirnig. Rückwärtsgewandt. Hussein, 23 Jahre alt, ist Kreisvorsitzender der Jungen Union Friedrichshain-Kreuzberg. Hussein ist Muslim. Wie vier der gut zwei Dutzend Ortsvereinsmitglieder, die heute die Kopftuchfrage diskutieren. Der Herr von Milli Görüs hat sich selbst eingeladen.

Seit Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat, fällt vielen Deutschen auf, dass sich hier etwas verändert hat. Dass die Deutschtürken vor allem der zweiten und dritten Generation nicht nur in Deutschland leben, sondern die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Zum Beispiel auch, indem sie sich politisch engagieren. Man würde nicht unbedingt erwarten, das sie das in einer christlichen Partei tun, und noch haben sie es nicht in die Landtage und in den Bundestag geschafft, aber die CDU hat Tausende Mitglieder islamischen Glaubens. Timur Hussein wird nicht müde zu betonen, dass die CDU die einzige Partei sei, die die Interessen der Türken wirklich vertritt. Und das, obwohl sich Parteichefin Angela Merkel gegen einen EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen hat und der Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche vergangenenen Herbst eine Menge Porzellan zerschlagen hat: Einem Muslim werde eher die Hand abfaulen, bevor er CDU wähle, sagte er.

Timur Hussein findet, Fatih Akins Erfolg sei das beste Beispiel dafür, dass auch Türken und andere Ausländer mitten in der Gesellschaft stehen. Was einem an Hussein zuerst auffällt, sind die Augen. Wach sind sie und durchdringend. Hussein ist in Berlin geboren, seine Mutter ist Kroatin, sein Vater Türke. Hussein hat in Kreuzberg Abitur gemacht, er war in seinem Gymnasium einer von nur drei Schülern türkischer Herkunft, der den Abschluss schaffte. Eine Zahl, die niedrig erscheine, wo doch insgesamt 25000 Türken im Bezirk lebten. Hussein sagt das ohne Bedauern, ohne Anklage. Eine Feststellung. Jetzt studiert er Jura an der Freien Universität. Er fastet, wenn ein Muslim fasten soll; er trinkt keinen Alkohol und isst kein Schweinefleisch. Sein Gott heißt Allah, seine Partei nennt sich christlich. Ein Widerspruch? „Ach was“, winkt er ab. „Für mich ist es derselbe Gott, und die christlichen Werte sind islam-kompatibel.“ Familie, Ehe, Sicherheit, all das seien Themen, die gerade unter Muslimen einen hohen Stellenwert hätten. Werte, die in der CDU wichtig sind.

An dem Abend im CDU-Stammlokal, wo aus den Lautsprechern Mariah Carey dudelt und die Tischdecken schneeweiß sind, meldet sich Hussein nur zweimal zu Wort, und das auch nur kurz. Er stimme vollkommen mit der Referentin überein, sagt er. Die Referentin ist Rektorin einer Neuköllner Grundschule mit 85 Prozent Kindern nichtdeutscher Herkunft und findet, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol sei und dass religiöse Symbole in der Schule nichts verloren hätten. Später schlägt Hussein vor, einen Lehrstuhl für islamische Theologie einzurichten, das sei innovativ und löse dazu noch die Ausbildungsprobleme der islamischen Religionslehrer. Seine Parteifreunde klopfen auf ihre Tische. Das ist doch mal eine gute Idee.

Gute Ideen und Leistung, das zähle in der CDU. Hussein sagt das oft. Zum Beispiel, wenn er erklärt, warum es keine Muslime gibt ganz oben in der CDU. Alles eine Frage der Leistung. Und der Zeit. „Wir brauchen keinen Quotentürken“, hat er ein paar Tage zuvor gesagt, in einer Pause während der Jahreskonferenz der Jungen Union in der Gropiusstadt, wo sie wieder mal über den EU-Beitritt der Türkei geredet haben. Und dagegen waren. Hussein auch, denn die Türkei sei wirtschaftlich nicht stark genug.

Aber es gibt auch Momente, in denen Hussein zu spüren bekommt, dass er anders ist. Trotz allem. Es sei ja toll, dass so viele Mitbürger islamischen Glaubens in der CDU seien, sagt die Schulrektorin, die selbst Mitglied ist, irgendwann an jenem Abend und hebt mahnend den Finger. „Doch Sie dürfen nicht zulassen, dass die Fundamentalisten Ihr Ansehen runterziehen. Die Gemäßigten sind die große Mehrheit!“

In solchen Augenblicken scheint es, als seien die Muslime in der Kreuzberger CDU Mitglieder auf Bewährung. Plötzlich kramt Erdam Taskiran den Religionsordner seiner Tochter hervor. Damit seine Parteifreunde mal sehen, wie harmlos es im Islamunterricht zugeht. Ganz vorne ein Tischgebet auf deutsch und arabisch: „Lob und Preis sei Allah, der uns gespeist, getränkt und zu Muslimen gemacht hat.“ Die Überschrift hat die Zweitklässlerin mit Filzstiften bunt ausgemalt. Und dann sagt Taskiran zur Sicherheit nochmal dem Gast von der Milli Görus die Meinung. Einen Tisch weiter meldet sich Sedat Samuray zu Wort. Der Makler ist seit fünf Jahren in der CDU und mittlerweile Vorsitzender im Nachbarortsverein. Auch er will nur nochmal betonen, dass die Unterrichtssprache auch in den Islamstunden unbedingt Deutsch sein müsse.

Die Dame mit den weißen Haaren, die kerzengerade vor ihrem Mineralwasser sitzt, wird auch das nicht überzeugen. Sie runzelt die Stirn, wenn einer der Muslime das Wort ergreift. Dafür nickt sie eifrig, als jemand sagt, Deutschlands Tradition sei die des christlichen Abendlandes, deshalb könnten christliche Symbole in der Schule bleiben – auch wenn das Kopftuch dort nichts zu suchen habe. Hussein reibt sich die Augen, als ob er müde ist. Vielleicht ist das mit der Aufklärung doch eine schwierige Angelegenheit. Und nicht nur wegen des Herrn von Milli Görüs.

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