Zeitung Heute : Mit allem rechnen

Klimabilanz für Lebensmittel erstellt

Wer das Klima möglichst wenig belasten will, steht spätestens beim Einkauf von Lebensmitteln ratlos im Geschäft. Fehlt doch auf der Kaffeepackung jeglicher Hinweis auf die Menge Kohlendioxid (CO2), die bereits bei der Herstellung und beim Transport in die Atmosphäre gelangten und die nun der Genuss einer Tasse dieses Getränks zusätzlich erzeugen würde. Denn Umweltbilanzen sind sehr aufwändig und bei einem Lebensmittelsortiment mit Tausenden von Artikeln nicht so ohne weiteres zu erstellen.

„Daher betrachten wir erst einmal nur die Klimabilanz und nicht den gesamten Einfluss auf die Umwelt“, sagt Matthias Finkbeiner vom Fachgebiet „Sustainable Engineering“ der TU Berlin. „Carbon Footprint“ nennen die Forscher diesen Wert, den man mit „Kohlendioxid-Fußabdruck“ übersetzen kann. Finkbeiner ist zudem Leiter des Projektes „Carbon Footprint“ der Vereinten Nationen und Präsident des „Life Cycle Assessment Comittee“ der Internationalen Standardisierungsorganisation ISO, die international gültige Regeln für das Aufstellen solcher Bilanzen erarbeitet.

Wie beeinflusst der Dünger für ein Getreidefeld die Klimabilanz des Brotes? Bei solchen Fragen betrachtet Finkbeiner nicht nur das CO2, sondern auch andere Treibhausgase. So entweicht aus Äckern manchmal Lachgas. Ein Molekül davon hat ungefähr die gleiche Treibhausgaswirkung wie 300 Teilchen Kohlendioxid. Solche Gase rechnet Finkbeiner dann auf die Menge Kohlendioxid um.

Natürlich werden alle weiteren Klimaeinflüsse auf dem Weg bis in den Einkaufswagen berücksichtigt: Wie viel Kohlendioxid entsteht durch den Strom, der eine Presse zur Herstellung von Orangensaft antreibt? Wie sieht die Klimabilanz der Verpackung für ein Steak aus? Welche Mengen des Treibhausgases Methan „rülpst“ ein Rind pro 100 Gramm Steak in die Luft? Und wie viel CO2 verursacht der Transport eines Apfels von Chile nach Deutschland?

Am Ende der Rechnung hat Finkbeiner einen CO2-Wert ermittelt, der so manche Überraschung bereithalten kann. So muss der Apfel aus Chile nicht zwangsläufig eine schlechtere Klimabilanz haben als das deutsche Konkurrenzprodukt, wenn dieser im April im Supermarkt verkauft wird. Denn bis dahin muss das einheimische Produkt bei konstanter Temperatur gelagert werden, was ziemlich energieaufwändig ist. Um diese bereitzustellen kann unter Umständen mehr Kohlendioxid freigesetzt werden als durch die lange Schifffahrt von Südamerika nach Europa.

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