Zeitung Heute : Mit aller Gewalt

200 000 Tote gab es bisher im Tschetschenien-Krieg. Doch Putin lehnt Gespräche ab – und setzt auf Härte.

Elke Windisch Frank Jansen

Von Elke Windisch

und Frank Jansen

Ihre Visionen sind bescheiden. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, eine gemeinsame Währung und eine gemeinsame Verteidigungspolitik – auf mehr könne Moskau nach zwei Tschetschenien-Kriegen mit bisher insgesamt über 200 000 Toten unter der Zivilbevölkerung und fast einer halben Million Kriegsflüchtlingen nicht hoffen. Das ist die Einschätzung zweier ehemaliger russischer Parlamentspräsidenten, Iwan Rybkin und Ruslan Chasbulatow, die seit längerem mit Vertretern von Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow nach Möglichkeiten für eine politische Lösung des Tschetschenien-Konfliktes suchen.

Bisher tun die beiden Politiker dies ohne Mandat und Rückendeckung des Kremls. Wenn überhaupt, will Wladimir Putin nur den russischen Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow nach Grosny schicken. Die Rebellen sind für ihn Terroristen, mit denen man nicht verhandeln dürfe. Die einzige Lösung ist in seinen Augen die bedingungslose Kapitulation der Rebellen.

Das Geiseldrama in Moskau jedoch hat diese starre Linie erschüttert. Denn sie wird den Kreml zwingen, früher oder später eine emotionslose, selbstkritische Bestandsaufnahme seiner Kaukasuspolitik zu machen. Nach über drei Jahren Krieg, vom Kreml stur als reine Anti-Terror-Operation verharmlost, ist der Kreml von der Wiederherstellung der zivilen Ordnung in der Rebellenregion weiter entfernt denn je. Als einzigen Teilerfolg kann Putin verbuchen, dass er nach den Anschlägen vom 11. September dem Westen seine Strafexpeditionen nun leichter als den russischen Beitrag zur internationalen Terroristenbekämpfung verkaufen kann.

Kritik an dem russischen Vorgehen üben seitdem nur noch Menschenrechtler, nach deren Angaben trotz des offiziellen Endes des militärischen Teils der Operation bei „Säuberungen“ täglich immer noch etwa zehn Zivilisten sterben. Massengräber werden entdeckt. Immer wieder, so berichten tschetschenische Zivilisten, werden Dörfer von Soldaten durchkämmt. Menschen würden verschleppt, verschwinden oder werden später gegen ein Lösegeld wieder freigelassen. Kritiker werfen dem Kreml deswegen seit langem vor, die Augen vor einem Gewaltregime der russischen Armee im Kaukasus zu verschließen.

Der Tschetschenien-Krieg ist nach Ansicht westlicher Militärexperten nicht zu gewinnen. Bereits seit langem haben sich die Rebellen in die Berge zurückgezogen und führen mit Anschlägen und Überfällen aus dem Hinterhalt einen Partisanenkrieg. Im August schossen Freischärler einen russischen Transporthubschrauber in unmittelbarer Nähe des Stützpunktes Chankala ab. 118 Soldaten kamen dabei ums Leben. Ein Ende des Blutvergießens ist nicht abzusehen, denn Moskau hat durch die zahllosen Übergriffe seiner Soldateska den Vertrauensvorschuss der Bevölkerung, die beim zweiten Einmarsch der Russen im Oktober 1999 auf geordnete Verhältnisse hoffte, gründlich verspielt. Heute haben die Russen nicht nur die bewaffneten Partisanen, sie haben rund 90 Prozent der Einwohner gegen sich.

Schon Russlands Zaren, des blutigen Dauerkriegs im Kaukasus müde, gewährten dessen Völkern Mitte des 19. Jahrhunderts eine weit gehende innere Autonomie. Die Sowjetunion setzte den Status quo allerdings außer Kraft und bezahlte dafür mit immer neuen Unruhen. Ebenso das postkommunistische Russland, das vor allem auf Grund innerer Schwäche die Rückkehr zu den alten Abmachungen des 19. Jahrhunderts scheut.

Schon mit dem Verlust der einstigen Sowjetrepubliken, die Russland zumeist im 19. Jahrhundert annektiert hatte, taten und tun sich Teile der Moskauer „Patrioten“ schwer. Gänzlich inakzeptabel aber wäre für sie die Sezession ehemaliger so genannter autonomer Sowjetrepubliken, die bis zum Ende der Union im Jahre 1991 dem Verband der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik angehörten. Ihr Verlust würde Russland – zumindest, was den europäischen Teil angeht – auf die Dimension des Großfürstentums Moskau, wie es im 15. Jahrhundert bestanden hatte, reduzieren. Und die Entlassung Tschetscheniens in die Unabhängigkeit, so fürchten russische Politiker, könnte für andere Völker Signalwirkung haben.

Mit der spektakulären Geiselnahme in Moskau haben die tschetschenischen Kidnapper den Krieg aus dem fernen Kaukasus nun in die russische Hauptstadt getragen. Sie warfen den Fehdehandschuh direkt vor Putins Haustür. Für den Kremlchef ist die Geiselnahme eine Demütigung – aber auch eine Herausforderung.

Gefahr für Deutschland?

Mit einiger Sorge blicken auch deutsche Sicherheitsexperten auf das Moskauer Drama. „Die Geiselnehmer könnten auf den islamistischen Untergrund aus militanten Gruppen in der Bundesrepublik wie ein Impulsgeber wirken“, sagt ein Fachmann. Es müsse keine aufwändig geplante Aktion wie in Moskau sein, „ein Kino mit 80 Leuten reicht auch“. Hinzu kommt, dass der Tschetschenien-Krieg die Islamistenszene beinahe genauso aufwühlt wie der Nahost-Konflikt. Die Emotionen macht sich Al Qaida zunutze, auch in Deutschland. So warnt der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen vor Al-Qaida-Leuten, die mit Videos über Gräuel der russischen Truppen in Tschetschenien versuchen, „Kämpfernachwuchs“ zu werben“. Die Gefahr, tschetschenische Rebellen könnten sich auch Deutschland zuwenden, halten Sicherheitsexperten bislang jedoch für gering. Die Tschetschenen selbst verstünden ihren Kampf als Regionalkonflikt. „Der Hauptfeind sind die Russen.“

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