Zeitung Heute : Mit aller Macht

Die SPD steckt im Umfragetief. Die letzte Etappe im Wahlkampf geht deshalb früher los. Schröder muss einen großen Rückstand wettmachen. Das soll mit einem Rückgriff auf die traditionellen Themen der Sozialdemokratie gelingen. Und durch das Versprechen von Schutz und Sicherheit.

NAME

Von Antje Sirleschtov, Hannover

Mit der Taktik vor dem gegnerischen Tor da kennt sich Sigmar Gabriel besser aus als die meisten anderen Politiker. Lange Zeit spielte der niedersächsische Ministerpräsident Fußball in der A-Jugend. „Klar“, sinniert Gabriel am Montagmorgen in Hannover, „wenn es richtig eng wird und die Zeit drängt, dann kann man schon mal zum Pressschlag ausholen. Man nimmt Anlauf und tritt mit ganzer Wucht vor den Ball. Kann sein, dass der Gegner zu Boden geht. Kann aber auch sein, dass man selbst mit gebrochenen Schienenbein vom Rasen getragen wird“. Im Augenblick steht es 1:0 für die Union.

Zwei Stunden lang hat SPD-Chef Gerhard Schröder an diesem Tag in Hannover das Präsidium seiner Partei zur letzten Lagebesprechung um sich geschart. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche. Denn die Bundestagswahl ist nur noch 48 Tage entfernt und die Umfragewerte für seine Partei könnten kaum schlechter sein. Und dann auch noch diese Strafanzeige von Franz Müntefering. „Nein“, sagt der nach der Sitzung, der Kanzler habe ihn nicht dafür gerügt, dass er ausgerechnet jetzt die „Bild“-Zeitung und den Bund der Steuerzahler kriminalisiert. Doch von einem Lob des Parteichefs wusste Müntefering auch nicht zu berichten.

„Mehr Tempo“

„Zurück zu den Themen“, hat Schröder die Parteioberen beschworen. Schluss mit Skandalen und Skandälchen. „Wir wollen über Inhalte reden“, zitiert ihn sein Generalsekretär nach der Sitzung, als wollte er all die peinlichen Schlappen der jüngeren Vergangenheit vom Debakel um den Ex-Telekom-Chef Ron Sommer bis hin zum Rausschmiss des Verteidigungsminister Rudolf Scharping, mit einem Federstrich einfach wegwischen.

Dann tritt der Kanzler auf dem Opernplatz ans Mikrofon. Noch 48 Tage hat er Zeit, um Deutschland davon zu überzeugen, dass er der bessere Regierungschef ist. Keine sechs Wochen mehr also, um auch die da unten, die sich vor dem blau-weißen WahlkampfTruck versammelt haben, davon zu überzeugen, kein Risiko einzugehen. „Wir brauchen das Mandat“, beschwört er die Wartenden zum Festhalten „an unserem deutschen Weg“. „Wählt die Sozialdemokratie“, ruft er ihnen mit dröhnender Stimme zu.

Dass die SPD ihren heißen Wahlkampf um 18 Tage vorgezogen hat, war notwendig. „Es muss mehr Tempo rein“, hatte Müntefering noch vor zwei Wochen gemahnt. Und dass Gerhard Schröder den Auftakt ausgerechnet hier in Hannover macht, wo er zu Hause ist, wo man ihn und seine Familie kennt, das ist kein Zufall. Denn er will sich jetzt, da sein Gegner Edmund Stoiber so siegesgewiss durch die Lande zieht, keine Experimente mehr erlauben. Zurück zu den Wurzeln. Immer wieder spricht er von der „Gerechtigkeit“, mahnt die Menschen nicht zu vergessen, dass „die SPD die Partei der sozialen Verantwortung ist“. Wollte Schröder nicht eben noch die Balance zwischen alten sozialdemokratischen Werten und dem Genossen der Bosse ausprobieren? Galt ihm „Erneuerung“ nicht als Ruf, mit dem er die Deutschen aus dem Reformstau ziehen wollte? War „Zusammenhalt“ nicht ein Zugeständnis an die Gestrigen im eigenen Haus? Nein, jetzt scheint es genug mit den Experimenten zu sein. Das Wirtschaftswachstum dümpelt noch immer auf unerfreulich niedrigem Niveau herum, die Zahl der Arbeitslosen schwankt nach wie vor um die Vier-Millionen-Marke. Und je näher der Tag rückt, an dem Peter Hartz mit seinem ArbeitsmarktReform-Bericht des Kanzlers schlagkräftigstes Argument präsentieren will, um so größer wird die Zahl der Kritiker des Konzeptes.

Nun schlägt sich Schröder ganz und gar auf die Seite der Arbeitnehmer, denen er den Schutz vor alle dem Unbekannten und Gefährlichen garantiert. „Die Zeiten sind vorbei, in denen uns Amerika als Vorbild dient“, wiegt er die Leute in Hannover in Sicherheit. „DieAusplünderung der kleinen Leute“, die werde er nicht zulassen. Schutz verspricht er stattdessen. Schutz vor den Unternehmern, die er dafür verantwortlich macht, dass in diesem Jahr wieder junge Leute in Deutschland keinen Ausbildungsplatz finden werden. Die Bosse müssten sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden, ruft Schröder, „statt sich zur fünften Kolonne der Opposition“ zu machen. Und auch den „Eliten“ will er an den Kragen. Denen, die sich im Bildungssektor einen „Königsweg“ sichern wollten und dem Rest der Bevölkerung den „Trampelpfad“ lassen. Sie sollten 1,5 Millionen offene Arbeitsplätze besetzen statt „Millionenabfindungen zu kassieren und die Menschen gleichzeitig auf die Straße zu setzen“. Und Sicherheit verheißt Schröder. „Keine Abenteuer“, wenn der Amerikaner im Irak einmarschieren will. Und auch kein Geld, wenn die Nato einen Tag nach der Wahl den Angriff auf Saddams Unrechtsregime beschließen sollte. „Diese Zeiten“, sagt der Kanzler, „die sind endgültig vorbei“.

Und die da unten? Die der Kanzler mit „weit über zehntausend“ sehr großzügig gezählt hat? Die haben ihm aufmerksam zugehört und nur ganz selten einen Satz mit Beifall oder Buh-Rufen unterbrochen. Und als ob sie Schröder vor dem gegnerischen Tor kurz vor dem Abpfiff noch einmal Mut machen wollten, halten sie einige Dutzend blaue Schildchen hoch, auf denen steht „Dranbleiben, Gerd!“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben