Zeitung Heute : Mit alten Autos in die Zukunft

Eine Oldtimer-Ausstellung soll das frühere Schloss der Familie Mendelssohn Bartholdy beleben

Claus-Dieter Steyer

Börnicke. Ein Märchenschloss sieht anders aus. Der mächtige Turm an der zur Straße zeigenden Giebelseite scheint eher auf ein altes Fabrikgebäude zu deuten. Auch sonst fehlt jeder Schmuck. An der Fassade hängen Reste vom grauen Putz, der umliegende Park lässt seine ursprüngliche Schönheit nur erahnen. Schloss Börnicke bei Bernau verlangt viel Phantasie. Doch die fehlte offenbar vielen Interessenten, die in den vergangenen zwölf Jahren hier vorbeischauten. Börnicke, das einst dem Berliner Bankier Paul Mendelssohn Bartholdy gehörte, stand leer und verfiel weiter.

Doch nun scheint Rettung in Sicht. Ein Förderverein hat ein erstes Konzept auf den Tisch gelegt. Dreh- und Angelpunkt ist eine „Automobile Erlebniswelt“. 150 Oldtimer aus dem Deutschen Technik-Museum Berlin sollen in den alten Gebäuden des Gutsparkes und einer neuen Halle ausgestellt werden. Das Schloss selbst wird zum Hotel. Als Bauzeit sind zehn Jahre veranschlagt, die Kosten liegen bei rund 25 Millionen Euro.

„Wir machen wirklich Ernst“, versichert Uwe Hamann, der Vorsitzende des Fördervereins, beim Rundgang durch die Gewölbe. Von einigen Ziegelwänden ist der Putz abgeschlagen worden. „Der Schwamm muss raus, damit wir die Räume nutzen können“, erklärt Hamann. Die in den Mauern sitzende Feuchtigkeit hatte kurz nach der Wende zum Auszug der bis dahin hier ansässigen Schule für Körperbehinderte geführt.

Der Neubeginn im Schloss hat für 27 Frauen und Männer eine zumindest vorübergehende Beschäftigung in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gebracht: Sie sichern das Fundament des Hauses und räumen im Park auf. „Die Zustimmung des Arbeitsamtes für unser Projekt macht uns Mut, unser Glück nun auch bei anderen Behörden zu versuchen“, sagt Vereinschef Hamann. Es gebe positive Signale von den Brandenburger Ministerien für Bau und Landwirtschaft, von öffentlichen und privaten Stiftungen wie Allianz, Mercedes-Benz und Bosch sowie von der Brandenburgischen Schlösser GmbH. Letztere hat in den vergangenen Jahren mehrere Häuser instand gesetzt und sie an Hotelbetreiber verpachtet. Weil Kommunen die größten Chancen auf Fördermittel besitzen, übernimmt die Stadt Bernau in Kürze das ganze Eigentum an Schloss und Park.

Als Architekt verantwortet Rupert Stuhlemmer die Rekonstruktion des Schlosses und den Aufbau des Museums. Der Vize- Chef des Vereins für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses war zuletzt wesentlich an der Wiederherstellung der Kommandantur Unter den Linden beteiligt und kennt sich auch mit dem Erbe der Familie Mendelssohn aus. In der Jägerstraße am Berliner Gendarmenmarkt leitete er die Restaurierung eines Wohnhauses und der Privatbank des jüdischen Unternehmers Ernst Mendelssohn Bartholdy. Dieser war der Neffe des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, dem zweifellos bekanntesten Vertreter der weitverzweigten Familie.

Bei den Umbauarbeiten in der Jägerstraße stieß Rupert Stuhlemmer auf die Büste von Marie Mendelssohn. „Ich wollte mehr über diese Frau erfahren und kam dabei auf Schloss Börnicke“, erzählt er. „Dort lebte Ernst Mendelssohn Bartholdy mit seiner Frau Marie und sechs Kindern. Stuhlemmer weiß auch über den merkwürdigen Turm Bescheid: „Er gehörte zu der Burg, die hier ursprünglich stand und die der Architekt Bruno Paul zwischen 1908 und 1910 zum Schloss umgestaltete.“ Den Auftrag erhielt er von Paul Mendelssohn Bartholdy, dem ältesten Sohn des Bankiers Ernst.

Pauls weiteres Schicksal sollte Vermögensämter und Gerichte noch bis weit in die 90er Jahre hinein beschäftigen. Seine Nachkommen hatten nach der Wiedervereinigung einen Rückgabeanspruch auf Schloss und Gut erhoben, weil sich Paul Mendelssohn 1935 nur aus Angst und unter Druck vor der Enteignung durch die Nazis von Börnicke getrennt habe. Tatsächlich überschrieb er es in seinem Testament auf seine zweite, nichtjüdische Frau. Kurze Zeit danach starb er, die Umstände seines Todes blieben unklar. Seine Frau heiratete einen österreichischen Grafen und blieb hier bis zum April 1945. Danach wurde das Anwesen ein Erholungsheim der SED, eine Dienststelle der sowjetischen Kontrollkommission, ein Kinderheim und schließlich eine Körperbehindertenschule. Nach 1992 gab es viele Pläne, doch nichts geschah. 1999 beschied das Verwaltungsgericht in Frankfurt (Oder), dass Paul Mendelssohn Bartholdy nicht wegen der drohenden Verfolgung durch die Nazis Schloss und Gut seiner Frau überschrieben habe. Die Ansprüche der Erben wurden abgelehnt.

Architekt Stuhlemmer hält die Idee einer „Automobilen Erlebniswelt“ für Erfolg versprechend. Es gebe in der weiteren Umgebung kein anderes Oldtimermuseum. Zudem werde damit an alte Motorsporttraditionen der Gegend angeknüpft. Von 1952 bis 1973 fanden auf der „Bernauer Schleife“ Motorrad- und Autorennen statt.

Das Technik-Museum hat indes noch nicht über Leihgaben ans Börnicker Schloss entschieden. Es werde abgewartet, ob der Verein den Worten auch Taten folgen lässt, heißt es.

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