Zeitung Heute : Mit alter Kraft voraus

Die SPD glaubt nicht an Sieg – aber wieder an Gerhard Schröder, der kämpft, als gäbe es alles zu gewinnen

Tissy Bruns

Am Vorabend des Kanzlersturzes ziehen die Jusos mit Fackeln durchs nächtliche Bonn; ein letztes außerparlamentarisches Aufbäumen gegen die Wirklichkeit. Am nächsten Tag wird Helmut Kohl den zweiten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik durch ein konstruktives Misstrauensvotum ablösen. So ist die Politik, hart und ungerecht, das weiß der dritte Sozialdemokrat, der 16 Jahre später deutscher Bundeskanzler und Helmut Schmidt als sein Vorbild dafür angeben wird. Gerhard Schröder zieht 1982 nicht durch die Straßen, er empört sich nicht.

Er ist jung, 38 Jahre, links, Bundestagsabgeordneter, er hat viel vor. Er gönnt sich an diesem Abend eine kleine sentimentale Pause von der Politik und sitzt in einer Zufallsrunde beim Italiener, dem, der in Bonn „Baracken-Italiener“ genannt wird, am Bahnhof, Ecke Kaiserstraße. Dem Namen entspricht das kulinarische Niveau des längst entschwundenen Lokals. Im Lauf der Jahre wird der ehemalige Juso-Chef andere, bessere italienische Restaurants aufsuchen, in denen er den kleinen Abstand von der Politik nimmt. Zeitweise wird er, „Genosse der Bosse“, dem guten Leben mit Rotwein und Zigarren demonstrativ huldigen; er wird es dann aus seinem öffentlichen Bild streichen, eine Lektion des ersten, chaotischen Kanzlerjahrs. Und er wird herzlich lachen, als er in dieser Woche bei der SPD-Wahlkundgebung in Potsdam hört, wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck „den Genossen von der PDS“ so richtig einen eintunkt für ihr böses Bild vom Kanzler mit der Havanna: „Wer sich als neuen Boss so einen Sonnenkönig wie den Oskar holt…“

Da ist Gerhard Schröder 61 Jahre alt und bester Laune. Sein Kanzlerkopf ist überall zu sehen in der Republik. Er steckt noch in ihm, der junge Schröder, der fragen kann: Was kostet die Welt? „Die anderen vier Prozent weniger, wir vier Prozent mehr…“ Nach seinem Publikumssieg in Fernsehduell spricht er es aus: 38 Prozent wären drin.

Das ist verwegen. Weil es von Schröder kommt, macht es den eigenen Leuten Schwung. Der Bundeskanzler übertreibt nicht, wenn er sagt: „Die Truppe kämpft.“ Er selbst kämpft diesmal bis zum Umfallen, am Samstag, dem Vorabend des Wahltages 2005, stehen zwei zusätzliche Kundgebungen auf dem Programm. Die Opposition kann die Fehler namentlich des Regierungschefs zwar im Schlaf aufzählen. Aber seine Fähigkeit, in aussichtsloser Lage zu großer Form aufzulaufen, ist im letzten Bundestagswahlkampf zum Trauma der Union geworden.

Die Meinungsforscher durchleben diesen Wahlkampf ohnehin mit schweißnassen Händen. Noch nie war drei Monate vor einer Wahl alles so klar, Wechselstimmung, klaffender Abstand zwischen Union und SPD – und so viel Unberechenbares in Bewegung wie in den letzten zwei Wochen. Die Trumpfkarte sticht nicht, die Angela Merkels Strategen in der letzten Phase ziehen wollten: Es ist wahrscheinlich, dass Gerhard Schröder nach dem 18. September „ein Mann der Vergangenheit“ ist. Bis dahin ist er, gegen jede Erwartung, absolut gegenwärtig. Er zeigt noch einmal allen, dass sich nie zu früh freuen sollte, wer gegen Gerhard Schröder antritt.

Fackeln tragen die jungen Sozialdemokraten an den Vorabenden der aktuellen Kanzlerdämmerung nicht, dafür halten sie entschlossen ihre Pappschilder hoch. Unübersehbar und zahlreich erscheinen auf den SPD-Kundgebungen Twens und Teenies in ihren roten T-Shirts mit dem Schriftzug „junges team“. Der junge Mann ruft dem kleinen Steppke auf seinen Schultern zu: „Los, noch mal hoch damit.“ Und das Bübchen reckt stolz das Schild in die Höhe. „No Angies“ steht auf orangefarbenem Hintergrund; auf der Hitliste der beliebtesten Demo-Objekte bei SPD-Wahlveranstaltungen liegt es auf Platz 2.

Den Spitzenplatz aber belegt das Bekenntnis auf knallroter Pappe: „Der Mut ist links.“ Ob Hannover, Jena oder Potsdam – immer haben sich auch ältere Herrschaften, die anders als die Jusos während der Reden auf den Bänken sitzen bleiben, um gerade dieses Schild bemüht. Und zücken es an den richtigen Stellen: wenn im Wahlfilm auf der großen Leinwand Schröders Reformen dran sind: „Wir haben nicht alles richtig gemacht. Aber wir haben gehandelt, nachdem andere 16 Jahre gepennt haben.“ Wenn ein Vorredner den Mut des Bundeskanzlers zu Reformen oder gegen den Irakkrieg lobt. Wenn Schröder über Gesundheit, Rente, Arbeitsmarktreformen spricht. „Fünfe soll er jeden Abend rauchen“, führt Platzeck das Zigarrenthema weiter, und da wird’s richtig schön beim Familienfest, weil Schröder auf der Bühne das großzügige Angebot mit beiden Armen entsetzt und fröhlich abwehrt, worauf die Menge jubelt.

Sie haben sich wieder gefunden, die Sozialdemokraten und der Bundeskanzler, und das ist sein ganz großer Streich in diesem Wahlkampf. Den anderen, den wichtigeren, hat er um und gegen die Medien geführt, als deren Liebling er 1998 zum ersten „Medienkanzler“ der Republik wurde, zum ersten jedenfalls, der seinen politischen Aufstieg mehr gegen als mit der eigenen Partei gemacht hat.

Beide Beziehungen, die zur SPD und die zu den Medien, haben nach dem 22. Mai einen eisigen Tiefpunkt erreicht, als Schröder den Neuwahlplan ausgerufen hat. In der SPD hat Schröder damit an die Urangst vor Richtungsstreit und Zerfall gerührt. Tatsächlich bevölkern Wiedergänger aus der Vergangenheit den vorgezogenen Wahlkampf, Spaltprodukte von Schröders Reformkurs. Da ist Lafontaine, da sind die vielen Gewerkschafter, deren Schwenk zur Linkspartei schmerzt. Wie sehr sich Schröders neue Mitte abgewandt hat, die 2002 nicht von einem wie Stoiber regiert werden wollte, das spiegelt sich vor allem in den Medien wider, die Rot-Grün und seinen Themen einmal nahe waren. Der Medienkanzler, der längst nicht mehr als links, sondern als beliebig gilt, gerät medial endgültig ins Kreuzfeuer, als er mit seiner Reform- Agenda ernst macht: den einen zu viel, den anderen zu wenig und allen zu schlecht gemacht.

Doch in dem Genossen Schröder, der über die fünf Zigarren lacht, steckt auch der Bundeskanzler mit den sieben Lehrjahren über die Macht der Institutionen, Systeme, Bündnisse, Verpflichtungen. Wahlkampf ist auch Maschinerie, ein Meister der Wahlkämpfe lässt sich von ihr tragen. Der Aufmarsch in die Säle, auf die Plätze ist immer gleich: Jubel, Schröder-Rufe, ausgestreckte Hände, ein strahlender Kanzler, der in der Menge doch noch einzelne Gesichter wahrnimmt. Der Motor des Kämpfers läuft gedrosselt, wenn es sich am Anfang auf der Bühne hinzieht mit den Vorrednern. Der Kopf wendet sich oft genug ordentlich zum jeweiligen Lokalmatador, die Augen schätzen das Publikum ab. Der Kampfanzug am Podium: das weiße Oberhemd, die Kanzler-Variante der hochgekrempelten Ärmel. Am Ende: ein strahlendes Gesicht und die Siegerposen, Daumen nach oben, V-Zeichen, die über dem Kopf ineinander gelegten Hände – da ist der Blick schon wieder reserviert.

Schröder absolviert in diesem Wahlkampf über 100 Auftritte, rund 60 waren es 2002. Geplant war weniger, die Nachfrage aus der SPD ist erst im Lauf des Wahlkampfs gestiegen. Sie will ihn neuerdings auch im Ruhrgebiet wieder sehen. Denn irgendwann in diesen Wochen ist zwischen Schröder und der SPD ein Funke übergesprungen, der in den mühseligen Agenda-Jahren nicht zünden wollte. Seit drei Wochen steigert sich das Echo des Publikums an der gleichen Stelle der Kanzler-Rede. Wenn Schröder anhebt, um über „jenen Professor aus Heidelberg“ zu sprechen, dann erhebt sich ein Grundton auf dem Platz wie beim Popkonzert. Merkels Kirchhof ist Schröders Glück. Um ihn entsteht in drei Sätzen die Suggestionskraft des mutigen Reformers, aber mit Augenmaß fürs Soziale. Gespiegelt an Kirchhofs vermeintlicher Kälte erkennt es die SPD-Anhängerschaft, der rot-grünen Bundesregierung allein wollte sie es nicht abnehmen.

Aber das Glück will beim Schopfe gepackt werden. Zwei Wochen lang schien Merkels Personalie als kühner Zug, zwei Wochen wussten Schröders Leute nicht, ob man das unionsinterne Gezänk um Kirchhofs Steuerpläne einfach wirken lassen oder auf scharfe Konfrontation mit der 25-Prozent-Steuer gehen sollte. In den Umfragen zeigte sich die Union trotz der internen Hakeleien resistent. Und so fand Kirchhof Ende August seinen Platz in Schröders Rede vor dem SPD-Parteitag. Aber sie wäre nur halb so schön gewesen, hätte Schröder nicht am Morgen des Parteitags über eine Nachricht herzlich gelacht, wonach Kirchhofs Leute Beispielrechnungen mit Sekretärinnen aufstellen, die „durchschnittlich 1,3 Kinder haben“. An Schröders kleiner Vorlesung vor den Delegierten offenbarte sich wortlos sozialdemokratisches Einvernehmen: Wir verstehen was von den Leuten und dem Leben – die anderen nicht. „Es ist doch schön, wie in dieser Lage die SPD und der Kanzler wieder aufeinander zugehen, ganz anders als beim Ende von Helmut Schmidt“, hat Karsten Voigt, ein anderer Ex-Juso-Vorsitzender, der es miterlebt hat, über diesen Parteitag gesagt.

Dazu war aber mehr nötig als Schröders bekanntes situatives Geschick. In den Wochen nach dem 22. Mai existierte Schröder nur als Institution, bis zur Bewegungsunfähigkeit gebunden durch seinen Neuwahl-Coup. Der Parteitag Ende August und die Wahlveranstaltungen im September wären anders verlaufen, wenn Schröder der SPD nach der großen Überrumpelung nicht glaubhaft gemacht hätte, dass er weder Einzelne noch Gruppen in der SPD verantwortlich machen würde für das rot-grüne Scheitern. Und ein Teil der Energie, mit der Schröder durch das Land tourt, kommt vielleicht einfach aus der Entfesselung aus den institutionellen Zwängen, die er sich mit der Neuwahl selbst geschaffen hatte.

Und die Medien? Die sind in diesem Wahlkampf seine ganz große Bühne, der große Abwurfplatz für das Programm Schröder geworden. Schon als Juso fand er doch viel wichtiger als jede Theorie die „Zustimmung der Massen“. Er zieht es nunmehr vor, mit den Bürgern direkt zu reden, da stören auch vier Moderatoren nicht. Soll doch der ganze Saal, die eigenen Leute inklusive, aufstöhnen, wenn er beim Fernsehduell über seine Frau spricht. Beim Publikum war er der Sieger.

Schröder hat früh gespürt, dass diesem Wechsel jede Begeisterung fehlt. Er hat die leere Stelle ganz mit seiner Person besetzt, ein Bundeskanzler, der mehr noch als die Macht die Kämpfe liebt. Er hat es zweimal geschafft, die SPD zur stärksten Fraktion im Bundestag zu machen. Jetzt glaubt sie nicht an Sieg, doch daran, dass es ihrem Kanzler um mehr geht als sich selbst. Wer die SPD-Mitglieder an den Wahlkampfständen fragt, warum man denn SPD wählen soll, erhält die Antwort: „Also, erstens haben wir den Gerhard...“

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